Filme können Leben retten. Das ist keine Floskel. Ohne die „Paradise Lost“-Filme wäre Damien Echols heute ein toter Mann. Hingerichtet mit der Todesspritze, in einem Gefängnis in Arkansas. Jessie Miskelley Jr. und Jason Baldwin wären heute nicht frei, sondern noch immer im Gefängnis – das sie ebenfalls nicht mehr lebend verlassen hätten. Zusammen sind sie die „West Memphis Three“ – drei junge Männer, die 18 Jahre lang unschuldig im Gefängnis saßen.
Die „Paradise-Lost“-Dokumentationen erzählen viele Geschichten. Geschichten von Vorurteilen, Außenseitern, sozialem Engagement, sie erzählen von Ungerechtigkeit und von Menschen, die bereit sind für ein Ziel zu kämpfen. Gleichzeitig geben sie einen einzigartigen Einblick in die Arbeit der Justiz, den Kampf der Anwälte, die Methoden der Polizei – in einem der spektakulärsten, mysteriösesten und spannendsten Kriminalfälle der letzten Jahre.
Rückblick: Im Jahre 1996 strahlte der US-Sender HBO eine Dokumentation mit dem Titel „Paradise Lost: The Child Murders at Robin Hood Hills“ aus. Darin ging es um den Prozess um die grauenhaften Morde an drei achtjährigen Kindern in einem Waldstück in West Memphis. Nach einem Monat erfolgloser Suche verhaftete die Polizei drei Jugendliche – Damien Echols, Jessie Miskelley Jr. und Jason Baldwin – ohne echte Beweise und hauptsächlich aufgrund von Indizien und der Tatsache, dass die drei Außenseiter waren. Die Dokumentation erregte landesweites Aufsehen und sorgte für Empörung, zeigte sie doch, in welch mangelhaften und keineswegs gerechten Verfahren die drei Jungen verurteilt worden waren: Damien Echols – als ausgemachter Anführer – zur Todesstrafe, die anderen beiden zu lebenslangen Haftstrafen.
Die beiden Filmemacher Joe Berlinger und Bruce Sinofsky beobachteten die Entwicklungen um den Fall über mehere Jahre. Als vier Jahre später neue Beweise auftauchten, die für die Unschuld der Jugendlichen sprachen, drehten sie einen zweiten Teil – „Paradise Lost: Revelations“. Darin zeigen sie den Kampf von Unterstützern und Anwälten, den Prozess neu aufzurollen. Gleichzeitig wird der Fall immer rätselhafter: Während fast alles für die Unschuld der Angeklagten spricht, deutet vieles auf Mark Byers, der Stiefvater von einem der ermordeten Kinder, als Täter hin. Die Dokumentation endet damit, dass keine Aussicht auf einen neuen Prozess besteht. Die neuen Beweise reichen hierfür nicht aus.
Der dritte Teil, „Paradise Lost 3: Purgatory“, war für einen Oscar nominiert und feierte jetzt beim Filmfest München Deutschlandpremiere. Es ist der letzte Teil einer Odyssee durch ein Justizsystem, das in seiner ganzen Fehlerhaftigkeit, Voreingenommenheit und Ungerechtigkeit demaskiert wird. Wieder gibt es neue Beweise – unabhängige Gutachter haben sie untersucht und können die West Memphis Three nun zweiffellos als Täter ausschließen. Die erste Hälfte des Films rekonstruiert die Ereignisse in Rückblenden, die zweite Hälfte konzentriert sich auf die Versuche, den Fall neu aufzurollen, um alle über die Jahre gefundenen Beweise mit einzubeziehen. Es ist die bittere Pointe dieses ganzen Wahnsinns, dass die drei Männer – nach 18 Jahren Haft – am 19. August 2011 überraschend freikamen. Nicht, weil sie freigesprochen wurden, sondern durch ein findiges Justizmanöver: Sie sollten sich selbst für schuldig erklären. Dann gelte ihre Strafe als abgesessen und sie kämen frei. Der Staat Arkansas umging damit nicht nur der möglichen Blamage, die drei könnten in einem neuen Prozess freigesprochen werden, sondern sicherte sich so auch gegen eine Millionenklage ab. Auf dem Papier hat der Fall nun offiziell seine Schuldigen vor dem Gesetz. Der wahre Täter aber, wird niemals gefunden – und auch nicht gesucht werden.
Joe Berlinger und Bruce Sinofsky haben keine objektiven Filme gedreht. Die „Paradise Lost“-Trilogie verfolgt ganz offen das Ziel, die Ungerechtigkeit des Prozesses bloßzulegen. Für die Angeklagten und ihre Familien hat das viel Positives bewirkt. Aber auch eine Dokumentation bedient sich einer dramatischen Narration und in einem Kriminalfall verlangt diese immer auch nach einem Täter. So fokussiert sich vor allem der zweite Teil darauf, den exzentrischen Mark Byers – für den in der Tat vieles spricht – als Täter plausibel zu machen. Die Unschuldsvermutung, die sie für ihre Hauptprotagonisten einforderten, ließen sie bei anderen Verdächtigen nicht gelten.
Das ist ein Vorwurf, letztendlich aber handelten die Filmemacher immer auf den Stand ihrer jeweiligen Erkenntnisse. Und dieser Aspekt macht die Filme auch für den Zuschauer so ungeheuer Interessant. Plötzlich ist man Beteiligter eines Prozesses. Man ist Polizist, Richter, Anwalt und Jury. Und man ist mit jedem Teil gefordert, seine eigene Haltung aufs Neue zu überdenken. Wir sehen einen unfairen Prozess und sind erschüttert über Justitias Blindheit. Und wir sehen uns selbst, irgendwo in dieser Gesellschaft, wie wir mit dem Zeigefinger auf jemanden zeigen. Am Ende des dritten Teils steht Jessie Miskelley Jr. als freier Mann vor dem Gericht. Der Junge, den wir aus dem ersten Teil kennen, ist in diesem 35-jährigen kaum noch zu sehen. „Justice died today“, sagt er. Und: „If we wanna change something, we all have to start with ourselves…“. Pierre Jarawan