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Verlorene Seelen im Zwielicht Diesen Artikel ausdrucken

Geschrieben von Marius Nobach  am  5. Juli 2012

Rachel Weisz in "The Deep Blue Sea"

Der Traum vom Glück löst sich in Rauch auf. Foto: Filmfest

Die Straßen, die die Kamera entlanggleitet, tragen noch die Spuren des Krieges. Nur vereinzelt spenden Straßenlaternen ein wenig trübes Licht. Die Kamera fährt weiter, klettert an einem Mietshaus hoch, bis zu einem Fenster im zweiten Stock. Eine fremde Welt beginnt hinter diesem Fenster, fremd zumindest für einen Zuschauer im Jahr 2012. Es ist die Welt, in der Hester Collyer sich entschieden hat, zu leben. Eine frei getroffene Entscheidung, die allem widerspricht, was sich im Großbritannien um 1950 für eine verheiratete Frau gehört: Hester hat ihren Mann, einen angesehenen Richter, verlassen und ist zu ihrem Geliebten Freddie Page gezogen. Jeglicher gesellschaftlicher und persönlicher Umgang ihrer früheren Kreise sind ihr verwehrt und ob das Opfer sich gelohnt hat, ist fraglich: Nach zehn Monaten des Zusammenlebens sind die Unterschiede zwischen Hester und ihrem Freund, der aus der Arbeiterklasse stammt, augenfällig geworden und das anfängliche Feuer ist erloschen. Hester beschließt, sich umzubringen, um ihrer unglücklichen Leidenschaft ein angemessen tragisches Ende zu bereiten.

Lange ist es her, dass zuletzt ein Spielfilm des Briten Terence Davies im Kino zu sehen war. Mit „The Deep Blue Sea“ nach dem Theaterstück von Terence Rattigan meldete er sich 2011 nach elf Jahren Pause jedoch wieder zurück. Nahtlos schließt der Film, der auf dem diesjährigen Münchner Filmfest seine Deutschlandpremiere feiert, an das bisherige Œuvre des Briten an: Rattigans Well-Made-Play aus den 50ern ist für Davies ein willkommener Anlass, das England seiner Kindheit und – noch wichtiger – den filmischen Stil der damaligen Zeit wiederaufleben zu lassen. Anspielungen auf Liebesmelodramen der 40er und 50er, vor allem auf David Leans „Brief Encounter“, finden sich zuhauf und die Darsteller werden speziell ausgeleuchtet, wie es im Studiosystem damals üblich war. Davies lässt Hesters Verzweiflung mit Solostellen aus Samuel Barbers Violinkonzert unterlegen und verleiht der Dreiecksgeschichte durch diese hemmungslose Emotionalisierung ein opernhaftes Gepräge.

Natürlich ist das alles himmelweit von heutigen Zuschauererwartungen entfernt. Wer nicht bereit ist für Davies’ Vorliebe für Emotionen, für sein seit „Distant Voices, Still Lives“ bekanntes Stilmittel, historische Authentizität darüber zu erzielen, dass er zeigt, wie große Menschengruppen gemeinsam im Pub die neuesten Schlager singen, oder wer in der Handlung nach versteckten Bezügen zur heutigen Zeit sucht, für den kann „The Deep Blue Sea“ leicht zur Qual werden. Wer sich allerdings auf Davies’ einzigartigen Stil einlässt, den erwartet ein überwältigendes Erlebnis, bei dem man gar nicht weiß, was man zuerst loben soll. Die akribische Rekonstruktion des Nachkriegsambientes vielleicht, von der abgewetzten Blümchentapete und den viel zu dicken Vorhängen bis hin zum matten Lichtschein, den die Lampen damals warfen und der in den Wohnungen nie mehr als Zwielicht aufkommen ließ? Die Sensibilität, mit der Davies die Figuren so in den Räumen anordnet, dass es wirkt, als ob sie von ihnen erdrückt würden? Das wiederkehrende Motiv des Nebels oder Rauchs um das Liebespaar, das die Vergänglichkeit ihrer Beziehung symbolisiert?

Doch wahrscheinlich sind die Darsteller die größte Attraktion des Films. Rachel Weisz gelingt als Hester eine Bravourleistung: Aus ihrem subtilen Spiel, das an Schauspielerinnen wie Deborah Kerr oder Vivien Leigh erinnert, erwächst das Bild einer intelligenten, empfindsamen Frau, die ihre Leidenschaft kaum zu verbergen weiß, aber dennoch nie die Aura zurückhaltender Würde verliert. Ihr Ehemann Sir William Collyer ist trotz seiner gesellschaftlichen Stellung im Grunde eine traurige Gestalt, die vergeblich versucht, Hesters Zuneigung zu erlangen. Eindrucksvoll verkörpert der Theaterstar Simon Russell Beale diesen Mann, dem seine Stellung und sein Geschlecht keine Gefühlsregungen gestatten und der daran zu zerbrechen droht. Aber auch ihr Geliebter kann Hester letztlich nicht mehr bieten: „Er ist seit dem Krieg nicht mehr wirklich glücklich gewesen“, heißt es einmal über den ehemaligen RAF-Piloten Freddie Page, den Tom Hiddleston zwischen Hilflosigkeit und Aggressivität zeichnet. Alle drei sind verlorene Seelen, die in der 50er-Jahre-Gesellschaft kein Glück finden können.

„Hüte dich vor der Leidenschaft. Sie führt immer zu etwas Hässlichem!“, warnt Hesters verhärmte Schwiegermutter einmal. Was man aus „The Deep Blue Sea“ mitnehmen kann, ist jedoch, dass das Problem der Gesellschaft eben darin besteht, dass sie sich nicht gegen diese sinnenfeindliche Auffassung wehrt. Das mag aus dem zeitlichen Abstand heraus redundant erscheinen, doch die Leidenschaft, mit der Terence Davies die Geschichte um eine scheiternde Emanzipation inszeniert, kann auch heutige Zuschauer berühren. Wie Terrence Malick, Peter Weir, Alain Resnais oder Béla Tarr gehört Davies zu jenen Altmeistern des Kinos, die bei ihrer Arbeit keinerlei Kompromisse eingehen wollen und zur Not viele Jahre abwarten, bis sie ihre Wunschfilme inszenieren können. Was sich bei „The Deep Blue Sea“ ausgezahlt hat. Das Warten hat sich gelohnt.

Marius Nobach

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