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Geschrieben von Arne Koltermann  am  5. Juli 2012

Kopflos, aber gut betucht Foto:Filmfest München

„Er ist mehr ich selbst als ich es bin.“ Es ist Cathy, die so über ihren Ziehbruder spricht, und was kann man Schöneres über einen anderen Menschen sagen? Der Seelenverwandte heißt Heathcliff, er ist ein stilles, scheinbar besessene Kind, der gegen die Wand seines kleinen Verschlages läuft und mit der blanken Stirn darauf einhämmert. Der von  James Howson verkörperte dunkelhäutige Junge lebt auf dem Hof des alten Earnshaw in den Wuthering Heights, den stürmischen Anhöhen Yorkshires. Earnshaw hat ihn einst in den Straßen Liverpools aufgelesen und ist ein sehr seltsamer Wohltäter – einer, der seine Nächsten nur aus blanker Angst vor Gottes Zorn zu lieben scheint.  Seine bigotte Frömmigkeit überträgt sich auf seinen Sohn Hindley und den Knecht Joseph. Sie  haben das einförmige, aufreibende Bauernleben so satt, dass sie es genießen, ihren Prügelknaben Heathcliff mit Rutenhieben und Fußtritten zu quälen, sobald er sich der tristen Hofarbeit entzieht.

Kaya Scodelarios Cathy singt gern und schön, und eines Abends intoniert sie am Kamin eine Weise auf Wunsch ihres Vaters.  Als ihr verträumter Gesang verklungen ist, sagt er: „Warum bist Du nicht immer so ein gutes Mädchen?“ „Warum bist Du nicht immer  so ein guter Mann?“, erwidert sie, und in diesem Satz verbirgt sich Cathys gesamte Widerborstigkeit. Sie ist ein Wildfang, und Heathcliff ist es auch. Das Band, welches beide verknüpft, trägt sie in ihren Ausbrüchen über das schier endlose Sumpfgras. Sie besudeln sich im Morast und verlieren sich in Spielen, die über das Kindliche längst hinauszugehen scheinen. Die in diesen Gegenden schon früh vom Menschen zurechtgerodeten Hügellandschaften sind Orte der Zuflucht vor dem deprimierenden Alltag. Nein, eine Idylle wird in  „Wuthering Heights“ nicht heraufbeschworen, es ist ein von romantischen Projektionen gründlich gereinigtes Landleben.

Die Britin Andrea Arnold hat sich für ihr neues Werk „Wuthering Heights“ einen Roman von Emily Bronte aus den vierziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts ausgesucht, und sie interpretiert diesen Stoff eigenwillig und mit viel Sinn für Atmosphäre, für minutenlanges Schweigen, für das mystische Unbehagen – doch es ist ein sehr leiser, kaum vernehmbarer Spuk in diesem spröden, schwer verdaulichen Film. Ein unverkennbar historisches Setting, und doch ist „Wuthering Heights“ von einem Kostümfilm viele Meilen weiter entfernt als etwa „Jane Eyre“, die jüngste Bronte-Verfilmung von Cary Fukinaga mit Mia Wasikowska und Michael Fassbender.  Es sind Kleinigkeiten wie die beiläufige Schlachtung eines Schafes durch Heathcliff just in dem Moment, als Hindley ihm den Kontakt mit seiner Schwester verbietet, die den Film aus dem Konfektionierten herausheben. Arnold hat in „Red Road“ eine Polizeibeamtin porträtiert, die aus verborgenen Gründen einen Mann verfolgt,  und in „Fish Tank“ die Fährte einer eigenbrötlerischen Fünfzehnjährigen aufgenommen. Mit Heathcliff hat sie sich nun erstmals einem männlichen Protagonisten verschrieben – und erneut einem Eigenbrötler. Als Entrechteter und Gedemütigter ist er ein Sympathieträger, doch mit seiner Besessenheit und seiner schneidenden Kälte wirkt er zugleich abstoßend.

Als der alte Earnshaw stirbt, sinkt Heathcliffs Stern, denn nun ist Hindley der Hausherr. Heathcliff muss in den Stall ziehen, und die Not des rasch heruntergewirtschafteten Hofes bringt es mit sich, dass das strategische Denken Einzug erhält: Als der wohlhabende Linton um Cathys Hand anhält, willigt sie pragmatisch ein und versündigt sich so gegen das Schicksal, das sie mit Heathcliff aneinanderzuketten schien. Verletzt läuft dieser davon…

Als er nach langer Zeit wohlhabend zurückkehrt, versucht er in dramatischen Winkelzügen, Cathy für sich zu gewinnen. Doch Erlösung ist nicht vorgesehen, und gerade in diesem befriedigungslosen Zustand liegt eine große, trostlose Schönheit. Zudem sind Happy Ends oder ähnlicher Schnickschnack für Andrea-Arnold-Filme ohnehin  unbrauchbare Kategorien. Im Ohr bleibt aus diesem versehrenden Film die späte Anklage der verbleichenden Cathy an Ihren Seelenverwandten: „Wie konntest Du das hier verlassen?“ Hier, das heißt hier, doch zugleich meint es: mich.

Arne Koltermann

 

 

 

 

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