Zwei Schwestern, ein Wald, eine Hütte: Ich muss Dir was gestehen, sagt Hannah. Sie wirkt angespannt und fahrig. Nur zu, erwidert Iris, unbekümmert und ahnungslos, und dann verlässt die Kamera die beiden für einen kleinen, intimen Moment – und kehrt erst zurück, als die Beichte erfolgt ist und Iris panisch davonrennt. Sie hat den Boden unter den Füßen verloren.
Doch der Reihe nach: Jack ist auch ein Jahr nach dem Tod seines Bruders noch reichlich derangiert, neigt zur Streitsucht und findet sich in der Welt nicht mehr zurecht. Seine beste Freundin Iris, die heimlich für ihn schwärmt, überredet ihn, einen Selbstfindungstrip auf eine abgelegene Insel zu unternehmen, wo ihre Familie ein Ferienhaus hat. Kein Fernsehen, kein Telefon, kein Internet soll seine Ruhe stören. Jack willigt ein, doch als er mit seinem Rennrad erschöpft am Haus angelangt, stellt er fest, dass er nicht allein ist. Es ist Hannah, Iris` ältere Schwester, die hier nach der Trennung von ihrer Freundin Trost sucht. Sie hat nicht mit Besuch gerechnet und reagiert entsprechend irritiert, doch nach anfänglichem Fremdeln und einer beachtlichen Menge Tequila landen die beiden schließlich im Bett. Als Iris am nächsten Tag spontan dazustößt, entsteht eine verwickelte Gemengelage.
In Lynn Sheltons „Your Sister´s Sister“ bilden die bei Seattle gelegenen San Juan Islands eine idyllische Folie, eigentlich wie geschaffen für einen Horrorfilm oder einen hintergründigen Psychogrusel im Stile von John M. Stahls „Leave Her To Heaven“. Shelton aber macht sich die Weite des Raumes dafür nutzbar, ihre Charaktere auf langen Spaziergängen nachdenken zu lassen über ihre vertrackte Situation. Zugleich ist dieses Idyll eine Falle, denn früher oder später müssen alle nach Hause, schließlich gibt es ja nur eines, und so sind sie gezwungen, miteinander auszukommen. Jack und Iris lieben sich, doch die mögliche Schwangerschaft ihrer Schwester lastet wie ein Alb auf ihrem Verhältnis.
„Your Sister´s Sister“ lebt durch seine Schauspieler: Mark Duplass verleiht Jack seine gewohnt charmante Bärenhaftigkeit – Emily Blunt als kleine Schwester wirkt so zerbrechlich wie harmoniebedürftig, lässt Hannah ihre Verletztheit jedoch deutlich spüren. Doch letztlich wird der Film beherrscht von Rosemarie Dewitt: Ihre Hannah ist eine nachdenkliche Schönheit, auf deren Antlitz das Leben seine ersten Narben hinterlassen hat. Doch sie trägt ihre Versehrtheit mit Fassung und Sarkasmus. Behutsam kreist dieser fein beobachtete Dialogfilm um die Frage, wie denn nun mit dieser komplizierten Situation umzugehen ist: Retten, was zu retten ist, das Arrangement als Ziel.
Einen ganz anderen Ton schlägt Alex Ross Perry in „The Color Wheel“ an – ein in grobkörnigen Schwarzweißbildern vor sich hin flirrender Hybrid aus Road-Movie und Nerd-Film. Der vom Regisseur höchstselbst gespielte Colin, ein gar nicht mal unsympathischer Hipster mit einer hohen und heiseren Stimme, begleitet seine Schwester J.R. auf eine höchst unangenehme Mission: Nach der Trennung von ihrem Professor muss sie noch einige Habseligkeiten bei ihm auflesen. Dort angekommen, stellen sie fest, dass er bereits mit einer anderen Studentin zugange ist, und es entspinnt sich ein von gezielten Verletzungen geprägter Dialog: Selten sieht man im Kino eine solch glaubhaft wirkende, unter die Haut gehende Feindseligkeit.
J.R. ist eine dieser sogenannten verkrachten Existenzen, strebt eine Karriere als Newswoman an, vermag aber keinerlei Erfolge zu verzeichnen. Nicht einmal ihre Eltern können ihre anstrengende Art ertragen und meiden den Umgang mit ihr. Auch Colin gibt vor, sie nicht leiden zu können, scheint das gegenseitige Triezen aber durchaus zu genießen – und diese einerseits so tussige junge Frau ist auch ungeheuer lustig, wenn sie ihre Stimme albern moduliert. Als sie nach der deprimierenden Professorenbegegnung alte, eigentlich verhasste Bekannte aus der Schulzeit wiedertreffen, laden diese sie zu einer Party ein. Der einzige Zweck der Einladung scheint aber die systematische Demütigung der beiden Outsider zu sein – doch stoisch ertragen die Geschwister die Demütigungen. Überhaupt erzielt „The Color Wheel“ seine verstörende Wirkung vor allem mit seinen aus dem Rhythmus gefallenen, assoziativen Gesprächsfetzen. Allzu viel passiert auf den ersten Blick nicht, doch auch dies ist ein sehr genauer, fein beobachteter Dialogfilm – stilbewusst, doch nie in seiner Künstlichkeit erstarrend. Anders als der leicht zugängliche „Your Sister´s Sister“ wirkt Alex Ross Perry´s durchaus unterhaltsames Werk durch seine Ästhetik erst einmal schwer verdaulich. Doch gerade deshalb bleibt „The Color Wheel“ zu wünschen, dass er hierzulande einen Verleih findet. Und sei es nur, damit sich noch mehr Zuschauer den Kopf zermartern können über das irritierend betörende Ende dieses Filmes. Arne Koltermann