Ein Künstlerleben kann kreisförmig verlaufen und unverhofft nach Jahren wieder zum Ausgangspunkt zurückkehren. So wie bei dem renommierten Hörspielautor Ferdinand Kriwet, der sich mit annähernd 70 Jahren noch einmal seine erste Prosaveröffentlichung „Rotor“ vorgenommen hat. Als er sie 1961 schrieb, war er gerade einmal 19 Jahre alt. Damals hatte die zeitgenössische Literaturwissenschaft gerade mit großem Tamtam den Roman für tot erklärt und bereitete bereits die Beerdigung des Autors war. Die Auflösung der traditionellen Literaturbegriffe prägte auch „Rotor“. In dem Text reihen sich Satzfragmente und einzelne Wörter ohne jede Interpunktion scheinbar willkürlich aneinander. Das Ergebnis ist ein Bewusstseinsstrom ohne einen greifbaren Ursprung des Wortflusses. Wie der Titel andeutet, kreist der Text. Um sich selbst und um die Sprache an sich.
Aus dem jungen Mann von damals wurde bald einer der bedeutendsten jener Autoren, die sich regelmäßig die Möglichkeiten des Radios zunutze machen. Mit Werken wie „Apollo America“ über die mediale Verarbeitung der Mondlandung bereicherte Kriwet das Hörspielgenre um zahlreiche innovative Beiträge. Auf eine Radioadaption seines Schriftstellerdebüts verzichtete er jedoch – bis jetzt. Durch eine neue Konzeption des Textes, Umstellungen, Überlagerungen und Kürzungen entstand nun eine knapp vierzigminütige Hörfassung für Deutschlandradio Kultur und den WDR, die am 28. Juli auf WDR 3 gesendet wird und am 29. Juli bei Deutschlandradio Kultur.
Kriwets Hörspielfassung, bei der er selbst Regie führte, vertraut allein auf die Kraft der Sprache und verzichtet auf Musik- und Geräuschuntermalung. Gesprochen wird der Text von fünf jungen Schauspielern. Das betont die Aspekte an „Rotor“, die von den Schwierigkeiten eines jungen Mannes an der Schwelle zum Erwachsenwerden künden. „Immer das Gleiche!“, rufen die Sprecher am Anfang aus, wobei ihre Stimmen sich so überlagern, dass es wie ein Bienenschwarm klingt. „Ob er kommt?“, heißt es wiederholt – es steckt viel Unsicherheit in den ausgewählten Textpassagen, viele enthalten ein „ob“ oder ein „vielleicht“ wie in „Schlafen, vielleicht auch träumen“. Solche Zitate aus „Hamlet“, dem Stück über den archetypischen ratlosen Jüngling, der nicht weiß, wie er sich richtig verhalten soll, werden mehrfach aufgegriffen. Das mögliche Verschwinden des Autors deutet sich an, wenn die Sprecher im Chor immer wieder „Körper“ und „Wörter“ wiederholen und die beiden Begriffe ineinander fließen lassen.
Der Sprachstrom schwillt mal an und mal ab, es wird geflüstert und laut gesprochen, mal ist nur eine einzelne Stimme zu hören, mal scheinen sie einander ins Wort zu fallen und einander zu ergänzen. Viele Möglichkeiten der Sprachgestaltung sind aufgeboten worden und werden über die gesamte Dauer des Hörspiels hinweg geschickt variiert. Kriwets Bearbeitung zeigt, dass auch dieser frühe Text im Grunde für einen mündlichen Vortrag geschrieben wurde. Spannend an seiner Adaption ist vor allem, dass er sich scheinbar selbst keine eindeutige Interpretation seines Erstlingswerks erlauben will. Es wirkt, als ob er sich mit Hilfe der Sprecher auf eine Suche begebe nach dem, was ihn einst bewegte. „Wirst du jetzt grad verrückt?“, fragt einer der Sprecher einmal einen anderen. Die Antwort ist ein verlegenes Lachen. Marius Nobach