Die Online-Ausgabe der Kulturzeitung der Theaterakademie August Everding

Von Schlangen und Schlingen

Aufwendige Nachbildung der Realität - im Dokumentarfilm "The Act of Killing". Foto: Anonym

Wenn Scanner auf Barcode trifft, wird es Morgen für Morgen aufs Neue spannend. Bekommt man noch Karten für seine Wunschfilme, oder ist mal wieder alles von den mysteriösen Leuten mit den Schlafsäcken abgeräumt worden und ein eilig zusammengetragenes Alternativprogramm vonnöten? Der Weg ist lang, bis zu diesem entscheidenden Moment: Vorbei die unerquickliche Zeit in der Schlange bei frostigen Temperaturen, die nahtlos in die nächste unerquickliche Zeit in der Schlange im Innenraum mündet. Kaum weist einem eine der beiden adretten Damen im roten Jacket freundlich aber bestimmt den Weg zum nächsten freien Ticketschalter, sind diese inzwischen alltäglich gewordenen Strapazen mit einem Mal wie weggefegt und bedächtige Euphorie steigt auf – es bleibt ein Moment von beklemmender Kürze: Der Mitarbeiter lässt den Scanner über den Barcode des gewünschten Films gleiten, ein flüchtiger Blick auf den Monitor, dann knautscht sich sein Gesicht zusammen: „Leider ausverkauft. Irgendwelche Alternativen?“ Natürlich nicht. Jeden Morgen dieselbe Naivität. Die Augen huschen rastlos über das Programm, irgendwas wird sich schon finden lassen. Dann eben nicht der neue Soderbergh, stattdessen „The Act of Killing“, ein Dokumentarfilm über ehemalige indonesische Mitglieder eines Todeskommandos. Noch nie von gehört, aber man kann seinen Horizont ja auch mal erweitern – wie sich bald herausstellt: ein absoluter Glücksfall! „The Act of Killing“ ist der eindrucksvollste Film des bisherigen Festivals. Dem Amerikaner Joshua Oppenheimer gelingt mit seinem Dokumentarfilm ein Werk von erschütternder Klarheit.

1965 kommt es in Indonesien zu einem unvorstellbaren Massaker: Teile der Armee starten einen Putsch, in dessen Verlauf hunderttausende Kommunisten und Nationalisten ihr Leben lassen. Im Zuge des blutigen Umbruchs schwemmt es auch Anwar Congo und ein paar seiner Freunde in leitende Positionen. Anwar war ein kleiner Gangster, riss im Kino Karten ab. Dann riss er unzähligen Kommunisten als Anführer eines Todeskommandos die Köpfe vom Hals. In „Act of Killing“ begibt sich Joshua Oppenheimer auf die Spur dieser Männer, aus deren unbeschreiblichen Gräueltaten eine neue Gesellschaft erwuchs. Noch heute ist Anwar ein angesehener Mann, ihm fehlt es an nichts, sogar eine eigene paramilitärische Organisation hat er mit auf die Beine gestellt. Auch Regierungsvertreter sind heute dort Mitglied. Dabei vergisst Anwar nie, was ihn so weit gebracht hat: das Töten. Ein inzwischen ergrauter Anwar steht in einem von schweren Steinplatten unterlegten Hof, an den Seiten befinden sich Tröge. Hier hat er unzählige Menschen zu Tode geprügelt, erdrosselt, ertränkt und erschossen, erzählt er stolz. Kurz darauf beginnt er zu tanzen, eine Art Cha-Cha-Cha.

Dadurch, dass Oppenheimer Anwar und andere ehemalige Anführer von Todeskommandos dazu bringt, ihre Taten in einem Film darzustellen, bekommt „The Act of Killing“ eine zusätzlich bestürzend-absurde Ebene. Die Gruppe widmet sich dem Projekt mit voller Ernsthaftigkeit, sie wollen Erfolg haben: Überfälle werden aufwendig nachgestellt, Tänze choreographiert und detailgetreu Masken angefertigt – es soll realistisch aussehen. Die von Oppenheimer eingefangenen Bilder zeugen von einer unerträglichen Selbstgerechtigkeit, die einen schaudern lässt. Filme, erzählt Anwar, haben ihm ohnehin schon immer gefallen. Er hat sie geliebt: Al Pacino in „Scarface“, Marlon Brando in „Der Pate“. Sie haben ihn inspiriert, aber er wollte immer noch ein Stück brutaler sein als seine Vorbilder. Wie auch seine Freunde, erzählt Anwar solche Anekdoten immer mit einer verstörenden Heiterkeit. Oppenheimer gelingt es schließlich, sie ihm in denkwürdiger Weise auszutreiben. In einer Szene muss Anwar selbst ein Folteropfer spielen. Den Draht um den Hals, hält er es kaum aus, der Dreh muss mehrmals unterbrochen werden. Später spielt Oppenheimer ihm eben jene Sequenz vor: „Haben die Leute auch immer so gefühlt wie ich in diesem Moment?“, fragt Anwar den Regisseur ungläubig. Dann bricht er in Tränen aus. Es ist die eindrucksvollste Szene eines großartigen Films und gleichzeitig ein Zeichen der Größe von „The Act of Killing“.

Man kann natürlich nicht immer so ein Glück haben, ist der gewünschte Film bereits ausgebucht. Manchmal landet man dann eben auch in Beiträgen wie dem koreanischen „Kashi-ggot“. Klang die Beschreibung noch vielversprechend, entpuppte sich das Drama über einen jungen Mann der für ein furchtbares Verbrechen aus Jugendtagen Abbitte leisten will, schon bald als krude erzählte Racheoper auf Sparflamme. Passiert. „The Act of Killing“ entschädigt für vieles. Constantin von Harsdorf

 

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