Die Online-Ausgabe der Kulturzeitung der Theaterakademie August Everding

Kritik: „Lose Your Head“ zeigt einen Horrortrip zum Techno-Beat

Wenn der Rausch zur Realität wird

Wer sucht, kann sogar auf der Berlinale einen guten deutschen Film finden: „Lose Your Head“

Mit diesem Viktor stimmt etwas nicht. Foto: Berlinale

Techno in ausgedienten Industriehallen, Drogen für Mund und Nase, mittelbegabte Lebenskünstler: Das Klischee der Hauptstadt entspricht irgendwie der Wirklichkeit der Hauptstadt und bietet sicher nicht das originellste Motiv für einen deutschen Film. Wenn der Film jedoch mit tollen Schauspielern eine spannende Story erzählt und dabei noch ordentlich die Gehirne seiner Zuschauer fickt, kann das Setting gerne konventionell sein. „Lose Your Head“ sieht vielleicht am Anfang aus wie das Potrait der Partyszene einer Stadt, die weltweit als der heißeste Scheiß gehandelt wird, obwohl sie sich krampfhaft am eigenen Image festhält. Aber schnell entwickelt sich daraus ein Psychothriller, der, ohne ein einziges Horrorelement einzusetzen, die Zuschauer angespannt auf die Vorderkanten ihrer Kinosessel rutschen lässt.

„Schon wieder ‘n Spanier!“ – Luis stapft mit staunenden Augen, halbwegs trendiger Mütze und Backpack durchs sommerliche Berlin. Von dieser Stadt verspricht er sich ein aufregendes Leben. Zurecht, siehe: Techno, Drogen, Lebenskünstler. In einen von ihnen verliebt er sich auch sofort: Viktor ist ungewaschen, hat gelbe Zähne und sicherlich keinen Job, aber er ist auch spontan und macht, wonach ihm ist – das genaue Gegenteil von Luis‘ langweiligem Freund daheim in Madrid, vor dem er davongelaufen ist. Doch bald wird klar: Mit diesem Viktor stimmt etwas nicht, und zwar big time. Luis merkt das auch, kann sich aber der Faszination nicht entziehen. Und so beginnt das Mitfiebern, der Thrill, das, wofür das deutsche Kino genausowenig bekannt ist wie für den wilden Sprachenmix, mit dem „Lose Your Head“ erzählt wird.

„I want you to trust me“, beruhigt Viktor den verschreckten Luis, der panisch aufgesprungen ist, als ihm die Würgespiele beim Vögeln zu viel wurden. Weil aber weder Luis noch der Zuschauer wissen, ob sie Viktor vertrauen können, gibt es nirgends eine Gelegenheit zur Entspannung. Klar könnte das nur so ein harmloser Freak sein, von denen so viele in Berlin herumlaufen. Aber die Indizien dafür, dass er gerne naive Partytouristen in einen tiefen Abgrund zerrt, mehren sich. Die undurchsichtige Figur des Viktor spielt Marko Mandic. Mit feinem Gespür fürs Mysteriöse beweist er einmal mehr sein Können, nachdem er schon dem haarsträubenden deutschen Western „Gold“ seine paar sehenswerten Momente beschert hat. Dem Protagonisten verleiht indes Fernando Tielve seine wunderbare Unbedarftheit, wegen der man fast übersieht, dass Luis stellenweise ganz schön manipulativ handelt. Dem jungen Spanier stellt sich sodann die existentielle Frage, ob er seinen Kopf nur in einem Horrortrip verliert, den zu Beginn des Films ein undefiniertes weißes Pulver im Kater Holzig ausgelöst hat, oder ob bald wirklich sein abgetrennter Schädel in der Spree schwimmt.

Am Ende verdichtet sich „Lose Your Head“, alles kommt zusammen zum albtraumhaften Showdown: Hinter jeder Tür der düsteren Industriebrache lauert entweder Gefahr, der neueste Techno-Beat oder ein anderer überraschender Arschtritt. Realität und Rausch verschwimmen vollends. Zum Glück gibt es auch hierzulande Filmemacher wie Stefan Westerwelle und Patrick Schuckmann, die durch ihre eigenständige Arbeit so ein Erlebnis ermöglichen.

Artur Senger

3 Responses to “Kritik: „Lose Your Head“ zeigt einen Horrortrip zum Techno-Beat”

  1. Fellow

    was für eine großartige kritik für einen tollen film.
    hier deckt sich alles mit meiner eigenen wahrnehmung.

  2. Patrick Schuckmann

    Vielen Dank, Artur Senger!

    Super Kritik, toll geschrieben. Freut mich sehr, dass endlich mal ein Kritiker wirklich in den Film eingestiegen ist und verstanden hat, worum es uns ging.

    Als Drehbuchautor, Produzent und Co-Regisseur würde ich mich natürlich noch mehr freuen, wenn mein Name in diesem Zusammenhang auch auftauchen würde.

  3. Artur Senger

    @ Patrick Schuckmann: Vielen Dank für das nette Feedback! Ich habe den Text selbstverständlich um Ihren Namen ergänzt. Beste Grüße

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