Die Online-Ausgabe der Kulturzeitung der Theaterakademie August Everding

Goldener Ehrenbär für Claude Lanzmann auf der Berlinale 2013

Hoffnungsfroher Mann mit traurigem Thema

Auf der 63. Berlinale bekommt der französische Dokumentarfilmer Claude Lanzmann den Goldenen Ehrenbären

Sobibor, 14. Oktober 1943, 16 Uhr. Foto: Lanzmann

Vor einer neuneinhalbstündigen Kinovorstellung schreckten die Programmplaner der Berlinale dann doch zurück. Die diesjährigen Festspiele führten Claude Lanzmanns filmisches Gesamtwerk auf, den Fünfstünder „Tsahal“ auch am Stück. Lanzmanns bekanntester Film „Shoah“ bekam indes zwei separate Termine.

12 Jahre habe er an diesem Film gearbeitet, erinnert sich der französische Regisseur im Gespräch mit dem Filmhistoriker Ulrich Gregor in der Kinemathek. Auf Archivmaterial konnte er für seine bedeutende Dokumentation über die Vernichtung der europäischen Juden nicht zurückgreifen. „Es gab keine Spuren. Es war das perfekte Verbrechen“, so Lanzmann. Dieser Gedanke überrascht erst einmal: Viele Konzentrationslager sind gut erhalten, zahlreiche Überlebende haben Zeugnis abgelegt, und die Nazis haben den Genozid sogar gründlich aufgezeichnet. Und doch hat Lanzmann recht: Wer in der Gaskammer endete, konnte davon niemandem erzählen. Er wurde ermordet, seine Leiche wurde verbrannt: Der Mensch wurde vernichtet. Deshalb sei, so Lanzmann, „gewissermaßen niemand in Auschwitz gewesen“. Der Schrecken der Vernichtung konnte nicht dokumentiert werden, deshalb erzähle er in seinen Filmen die Vergangenheit im Präsens.

Claude Lanzmann ist ein sehr überlegter Mann. Schon in seinen Filmen zeigt er diesen Charakterzug: Er will etwas wissen und stellt seine Fragen so lange und so präzise, bis er die Antwort hat, nach der er sucht. Er ist hartnäckig und natürlich: parteiisch – alles andere wäre seinem Gegenstand unangemessen. Wenn Lanzmann mit seiner tiefen Stimme spricht, macht er viele Pausen. Jedes Wort kommt so langsam aus ihm heraus, als würde er beim Aussprechen noch einmal dessen Eignung erwägen.

Die Verbindung zwischen dem Festival und Lanzmann ist eng: Vor 27 Jahren zeigte die Berlinale „Shoah“. Der Andrang war groß. Seitdem habe sich viel verändert: „Heute bin ich ein Star. Ein Weltstar“, sagt Lanzmann lächelnd. Wie er sich gefühlt habe, als er erfahren habe, dass er mit dem Ehrenbären ausgezeichnet werden würde? „Ich war glücklich. Ich war bewegt. Ich war stolz.“

Claude Lanzmann. Foto: Catherine Hélie/Gallimard

Lanzmann ist witzig, selbstbewusst und wirkt sehr lebensfroh. Intensiv beschäftigt er sich mit dem traurigsten Kapitel der Menschheitsgeschichte, aber das machte aus ihm keinen traurigen Mann. Schon sein erster Film strahlte eine große Hoffnung aus: In „Warum Israel“ portraitiert Lanzmann den damals gerade einmal 25 Jahre alten jüdischen Staat, seine Einwohner, ihren Pioniergeist, ihre erfüllten Träume, aber auch ihre Enttäuschungen. Am Anfang wie am Ende des Films singt ein ehemaliger kommunistischer Widerstandskämpfer die Arbeiterlieder seiner Jugend und spielt dazu Akkordeon. Mit diesem Mann verweist Lanzmann auf zweierlei: auf seine eigene Biographie – auch er war als Kommunist in der Résistance; und darauf, dass die Existenz des Staats Israel den Kampf gegen die Nazis und den Antisemitismus am erfolgreichsten und besten fortführen wird.

Inzwischen sei Hitler endgültig besiegt, befindet Lanzmann. Wie sonst könnte die Berlinale zu seiner Ehrenfeier ausgerechnet „Sobibor, 14. Oktober 1943, 16 Uhr“ zeigen. Der Film erzählt die außerordentliche Geschichte von Yehuda Lerner, der am Aufstand von Sobibor beteiligt war, infolge dessen das Lager geschlossen wurde. Das größte deutsche Filmfestival ehrt damit auch einen Film über einen Juden, der Deutsche tötet. „Darüber bin ich sehr glücklich“, sagt Lanzmann.

Denn Claude Lanzmanns Auseinandersetzung mit der Vergangenheit unterscheidet sich stark von der hierzulande Üblichen. Der Filmemacher belehrt nicht, sondern klärt auf: „Ich glaube nicht an Botschaften.“ Und auch mit 87 Jahren hört er nicht auf, seinen Beitrag zur Aufklärung zu leisten. Auf dem Panel in der Kinemathek erwähnt er das Projet Aladin, für das er sich engagiert. Die NGO versucht, der Holocaustleugnung besonders im islamischen Kulturkreis entgegenzuwirken. Dafür hat sie auch „Shoah“ mit arabischen, persischen und türkischen Untertiteln versehen und arbeitet darauf hin, dass der Film in islamischen Ländern ausgestrahlt wird.

Soeben hat Lanzmann „Der Letzte der Ungerechten“ fertiggestellt. Ein kurzer Film, wie Lanzmann findet: Er dauert nur dreieinhalb Stunden. Artur Senger

 

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