Die Online-Ausgabe der Kulturzeitung der Theaterakademie August Everding

Kritik: Das O-Team inszeniert mit „Berlin – Beijing“ einen ungewöhnlichen Reisebericht

Muss I denn, muss I denn zum Städtele hinaus! Foto: Ole Aselmann

Im Frühjahr 2013 war das O-Team mit ihrer Produktion „Ich bedanke mich für alles“ zu Gast beim Radikal Jung Festival in München. Eine unterhaltsam düstere Vision zum prophezeiten Maya-Weltuntergang am 21.12.2012, basierend auf dem Text von Alexej Schipenko. Noch begeistert vom letzten Mal, haben wir uns ihr neues Stück „Berlin-Beijing“ in Stuttgart angesehen.

Am Anfang war das Wort Abenteuer. Ein junger Künstler macht sich in Berlin auf einen langen Weg, soweit ihn seine Füße tragen. Das ehrgeizige Ziel ist Peking. Ole Aselmann ist 2009 an dem Punkt, an dem er seine eigene Kunst nicht mehr erklären kann. Viel studiert, Seminare besucht, Fragen entwickelt, alles schön und gut, aber jetzt will er sich erden. Mit den richtigen Briefen an Kulturorganisationen kommt er zu Fördergeld. Der Stipendiat geht auf Forschungsreise: Völker und ihre Vergangenheitsbewältigung. Inspiration gilt es zu finden auf der interkulturellen Wanderung von West nach Ost. Fotos machen, Tagebuch schreiben, das wird super!

Hochmotiviert bricht auch im Stuttgarter Wilhelmspalais der rotbäckige, junge Mann, gespielt von Folkert Dücker, auf und das Publikum sitzt mittendrin. Zuschauerraum und Bühne sind eins, man befindet sich an einer Art polnisch-ukrainischen Raststätte, sitzt auf Plastikstühlen um Tische herum, die mit geblümten Wachstischtüchern gedeckt sind und bekommt am Kiosk Kaffee von einer attraktiven Kellnerin, die Reizwäsche unter ihrem transparenten Kittelchen trägt. Wodka gibt’s auch. Könnte ein Bestechungsversuch ans Publikum sein? Gar nicht nötig. Eine Stunde später folgt der Test. Wenn Ole die Ukraine längst hinter sich gelassen hat und gerade kasachische Volksmusik ertönt, wird dieselbe junge Dame (Nina Malotta) mit einem Hut durchs Publikum gehen. Die Zuschauer lassen die Münzen klingen.

In der ersten Hälfte des Stückes überwiegt der Eifer. Der junge Mann läuft unbeirrt, auch wenn er das Gefühlt hat, er rieche. „Muss I denn, muss I denn zum Städtele hinaus!“ ertönt als Melodie, allerdings ohne die Stimme von Elvis. Der Wanderer trinkt viel Kaffee, das Essen – wichtigstes Thema überhaupt – stellt ihn zufrieden, hier und da kommt ihm eine kreative Idee: Man sollte unbedingt Kunst mit diesen kleinen Kondensmilchkännchen machen, die sind toll! Boxhandschuhe sind auch interessant und Fenster, am besten Balkontürformat! Seine herrlichsten Einfälle werden mit Instantapplaus aus dem Off belohnt. Um diese und andere digital gesteuerte Teile der Inszenierung kümmert sich übrigens Jesus höchstpersönlich. Pedro Pinto sitzt im Heilandskostüm über dem Kioskhäuschen, neben ihm eine Denkblase mit projizierten Zitaten aus Ole Aselmanns Reisetagebuch.

Überhaupt entscheiden sich die jungen Theatermacher vom O-Team für ein durchlässiges, transparentes Konzept. Die Darsteller übernehmen verschiedene Rollen, Kostümwechsel finden auf der nicht vorhandenen Bühne statt. Jeder Darsteller darf ein paar Zeilen von Ole Aselmanns Text sprechen. Eine Liveübertragung findet auch statt, der Regisseur Samuel Hof folgt seinem munteren Hauptdarsteller mit einer Kamera, während dieser zwischen den Plastiktischen umherwandert.

“Geil, Ukraine!”, heißt es anfangs immer wieder, aber seine Reise führt die Hauptfigur auch zu verzweifelten und bedrohlichen Momenten. Heftige Wendungen wie ein böse gestauchter Nacken, aufgescheuerte Hoden und das pure Elend im Verdauungstrakt machen das Weiterkommen fast unmöglich. Die entscheidenden Fragen an jedem Tag sind schnell herauskristallisiert: Was habe ich gegessen? Wie habe ich geschlafen? Und wie steht es eigentlich um mein Wohlbefinden? Irgendwann beginnt auch die Auseinandersetzung mit den emotionalen Konstanten im Leben. Er denkt an seine Großmutter, schreibt einen Brief an den Bruder. Die Vergangenheitsbewältigung der osteuropäischen und asiatischen Menschen ist lange in den Hintergrund gerückt. Jetzt geht es an seine eigene Erinnerungsarbeit. Der „fundamentalistische Büßer“ will er aber nicht sein, irgendwann hört er auf zu schreiben.

Aselmanns gesamter Text ist frei von intellektueller Selbstbefriedigung. Maximal ehrlich hat er festgehalten, was er auf seiner Reise gedacht, gefeiert, vermisst, gehasst und gelernt hat. Die Inszenierung des O-Teams schafft dem Zuschauer den Zugang zu den privaten Eindrücken eines Einzelnen. Das gelingt behutsam originell, ohne den Humor auf der Strecke zu lassen. Die Theatererfahrung ist für den Zuschauer ganz unmittelbar, dadurch auch mit Leid verbunden, nie aber geschwärzt oder trostlos. Im Leben würde man solch einen extremen Selbstversuch sicherlich meiden, im Theater allerdings sollte es häufiger so mutig und frisch zu gehen wie im Stuttgarter Wilhelmspalais. Antonia Mahler

„Berlin – Beijing“ können Sie ab dem 21.06.2013 wieder am Stuttgarter Wilhelmspalais sehen!

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