Die Online-Ausgabe der Kulturzeitung der Theaterakademie August Everding

Der Onkel mit der Kamera

Aaron Bruckner darf ein bisschen abhängen mit Jim Jarmusch. Foto: Ryan Muir

Film-Kritik: Aaron Brookner schafft in „Uncle Howard“, der in der Panorama-Reihe der Berlinale läuft, ein Denkmal für den Regisseur Howard Brookner und zeigt eine faszinierende Person – gefangen in den Restriktionen der 1980er Jahre

„Einfach losgehen, in den Tag hinein. Wenn man offen ist, passieren die besten Geschichten. Das hat mich Howard gelehrt.“ Jim Jarmusch blickt dabei zu Boden. Seine Erinnerungen an seinen Freund Howard Brookner (im Weiteren Howard genannt) sind noch so frisch, als hätte er ihn gestern gesehen. Dabei ist Howard schon 1989 gestorben. Bereits an der Filmhochschule haben sich die beiden Freunde bei ihren ersten Arbeiten unterstützt: So hat Jarmusch beispielsweise den Sound bei Howards erster Dokumentation „Borroughs: the Movie“ gemacht. 30 Jahre später steht Jim Jarmusch wieder im legendären Bunker, einem der Treffpunkte der Beat-Literaturszene, und erinnert sich an seinen alten Freund.

Von Jim Jarmusch produziert

In diesem so genannten Bunker liegen nämlich Berge von Filmmaterial, zusätzlichen Szenen, Storyboards und anderen Schriften, die Howard jahrelang vor der Welt versteckt hat. Regisseur Aaron Brookner, Howards Neffe, ist zufällig darauf gestoßen und versucht seitdem die Werke seines Onkels wieder ins allgemeine Gedächtnis zu rufen. „Uncle Howard“ ist das Dokument dieses Versuchs. Der von Jim Jarmusch produzierte Film zeigt das Leben von Howard Brookner als Filmschaffendem und welchen Einfluss er in seiner kurzen Schaffenszeit auf seine Freunde hatte: nicht nur Jim Jarmusch sondern auch Tom DiCillo und Sara Driver. Aarons Zugang zu Howards Filmen – drei sind es, die er in seinem nur 34 Jahre kurzem Leben fertig stellen konnte – ist ein sehr persönlicher. Da fließen auch Kindheitserinnerungen an den Lieblingsonkel mithilfe von Familienvideos und Interviews mit der Großmutter in die Dokumentation mit ein.

William S. Borroughs und Howard Brookner. Foto: Howard Brookner Archive

William S. Borroughs und Howard Brookner. Foto: Howard Brookner Archive

Ausgangslage für den Film war ein Brief, den Aaron Brookner im Schrank seiner Großeltern fand. Es war der Abschiedsbrief von Howard an seine Eltern, den er verfasste, als er wusste, dass er den Kampf gegen AIDS schon verloren hatte: „Seid nicht traurig. Ich werde in euren Erinnerungen und in meinen Filmen weiterleben“, schrieb er darin. Doch Howard Brookners Filme waren lange Zeit vergessen. In einer Spendenaktion sammelte Aaron Gelder, um Howards Dokumentation über William S. Burroughs überarbeiten und neu auf den Markt bringen zu können. Dabei ist er dann auch auf das zusätzliche Material gestoßen. Vor allem Howards Videotagebuch, in dem er Gedanken über seine Arbeit, aber später vor allem auch über seine Krankheit festgehalten hat, erwecken ihn auf der Leinwand wieder zum Leben. Daneben erzählt Brad Gooch, der langjährige Lebenspartner von Howard, wie sie mit seiner Krankheit umgegangen sind. Brad war lange Zeit der Einzige, der wusste, dass Howard HIV positiv war. Denn seinen Eltern, die schon mit seiner Homosexualität Probleme hatten, konnte er sich zunächst nicht anvertrauen.

Howard inszenierte auch seinen Tod

In seinen letzten Lebensjahren arbeitete Howard an seinem ersten Hollywood-Spielfilm „Bloodhounds of Broadway“. Eine Literaturverfilmung über das Ende der „goldenen Zwanziger Jahre“ mit großen Stars wie Matt Dillon, Randy Quaid und Madonna. Da die Medikamente seine Kreativität hemmten, setzte er sie ab und tat alles daran, den Film fertig zu stellen. Er schaffte es, starb aber vor der Premiere. Wie seine Filme inszenierte Howard dann schließlich auch seinen Tod: die Abschiedsbriefe an Familie und Freunde; die perfekt gestaltete Wohnung. An seinem Kühlschrank fand man eine Notiz, die sein Leben folgendermaßen zusammenfasste: „Es gibt so viel Schönheit in der Welt. Ich glaube, darum bin ich überhaupt in diese Situation gekommen.“

Hommage an ein Faszinosum

Aaron Brookner und seine Frau und Produzentin Paula Vaccaro stehen weiterhin in Verhandlungen mit Columbia Pictures, um eine erneute Veröffentlichung von „Bloodhounds of Broadway“ zu erzwingen. Bislang ohne Erfolg. In „Uncle Howard“ hat er seinem Onkel den Wunsch erfüllt, den er am Lebensende noch hatte: eine Hommage an sein filmisches Werk und an ihn selbst – eine faszinierende Person, die dank dieses Films lange nicht vergessen werden wird.

Barbara Oswald

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