Die Online-Ausgabe der Kulturzeitung der Theaterakademie August Everding

Alternative Fakten

Abbildung: Brigitta Falkner, Literaturmuesum Wien, ÖNB

Abbildung: Brigitta Falkner, Literaturmuesum Wien, ÖNB

Hörspiel „Der Vogel, der Vogel“: In ihrem „Manifest 51“ lugt Michaela Falkner über eine Mauer, hinter der eine seltsame Familie haust

Wie sehr manche Geschichten von ihren Autoren aufgebläht werden, weil sie von den ganz großen Dingen erzählen sollen. Wenn man aber nur ein wenig hinein pikst in solch einen Text, geht ihm prompt die Luft aus. Und dann kommt da diese klitzekleine Geschichte daher, mit einem niedlichen Titel obendrein: „Der Vogel, der Vogel“. Ein kleines, böses Märchen bloß. Aber dahinter steckt gleich eine Vielzahl monströser Geschichten.

Die österreichische Autorin Michaela Falkner, die sich nur knapp FALKNER nennt, nummeriert ihre Texte: „Der Vogel, der Vogel“ ist ihr „Manifest 51“, und wie so viele ist auch dieser Text als Hörspiel inszeniert worden – von ihr selbst als Regisseurin, im Auftrag des WDR. Die Geschichte ist simpel: Da leben zwei Jugendliche bei ihren Eltern, hinter Mauern, und kennen die Welt außerhalb nicht. Sie haben eine Ahnung von den Gesetzen, die gelten. Aber die Eltern erklären sie für nichtig. Zwei plus zwei ist nicht vier, sondern fünf. Jedenfalls, wenn der Vater es verlangt. Und wer eine Banane nicht als Apfel anerkennt, bleibt eben hungrig.

Ein Hörspiel als Kammerspiel

Das alles ist gruselig. Und es wird noch gruseliger dadurch, dass sich eine Vielzahl an Assoziationen auftun. Der Josef-Fritzl-Keller kommt einem in den Sinn, wo ein Mann seine Kinder eingeschlossen hat. Parallelgesellschaften, die ihre eigenen Wahrheiten pflegen – ob sich das nun um bestimmte Migranten-Milieus handelt, um politische Strömungen, die als Lügner diffamieren, wer anderer Ansicht ist, oder um radikale religiöse Gruppierungen.

Von all dem ist in „Der Vogel, der Vogel“ nicht die Rede. Das Hörspiel bleibt ein Kammerspiel. Auch wenn sich die Welten dies- und jenseits der Mauer manchmal berühren, wenn sich kleine Durchschlupfe auftun. Falkner macht nicht einmal Andeutungen. Die braucht es nicht, man kann diese Geschichte nicht hören, ohne sie als eine Metapher zu lesen auf eine Gesellschaft, die sich immer stärker zergliedert und sich dann jede Gruppe, wenn sie nur weitgehend homogen ist, ihre eigene Realität schafft. Es muss dann gar keine realen Mauern mehr geben, um sich voneinander abzuschotten. Ausbruchsversuche? Fehlanzeige. Denn was kann eine Welt bieten, in der zwei plus zwei nicht fünf ergibt?

Stefan Fischer

Zum Download des Hörspiels

2 Responses to “Alternative Fakten”

  1. bf

    die grafik ist von brigitta falkner (quelle: literaturmuseum wien, önb)

  2. Stefan Fischer

    Sehr geehrte Frau Falkner,

    haben Sie vielen Dank für den Hinweis. Ich habe den Credit aktualisiert. Sind Sie denn einverstanden mit einer Veröffentlichung in diesem Kontext?

    Mit freundlichen Grüßen

    Stefan Fischer

    (s.fischer@hff-muc.de)

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