Die Online-Ausgabe der Kulturzeitung der Theaterakademie August Everding

Roboter mit Migrationshintergrund

Foto: Rapid Eye Movies

Als Scarlett Johansson die Hauptrolle in „The Ghost in the Shell“ übernommen hat, war das Geschrei groß. Aber die Sache mit dem Whitewashing ist komplizierter

„Wir befinden uns in der nahen Zukunft. Die Welt ist hochgradig informationsintensiv geworden, mit einem weit verzweigten, pulsierenden Netzwerk aus Elektroden und Licht, das den gesamten Planeten umspannt. Die verschiedenen Nationalstaaten und ethnischen Gruppen existieren aber noch immer.“

Wir befinden uns im Jahr 1989, als Masamune Shirow diese Worte auf die erste Seite seines Mangas „The Ghost in the Shell“ schreibt. Inzwischen ist daraus ein ganzes Erzähluniversum entstanden, bestehend aus Filmen, einer TV-Serie und Video-Games. Nun kommt „The Ghost in the Shell“ nach Hollywood. Mit viel medialem Trommelwirbel. Und mit Scarlett Johansson in der Hauptrolle.

Eine gute Besetzung, könnte man meinen, wenn man sie in „Under the Skin“ gesehen hat: Sie ist dort zu sehen als eine außerirdische Lebensform, die mit menschlichen Gefühlen offenbar nichts anfangen kann, verkleidet im Körper einer schönen, jungen Frau. In „The Ghost in the Shell“ spielt sie Major Motoko Kusanagi, einen weiblichen Cyborg, man könnte auch sagen: einen „Ghost“ – so heißt hier die Seele – in der „Shell“ von Scarlett Johansson.

Darüber entbrannte jedoch ein Streit. Der Vorwurf: Wie kann man denn bitteschön diese durch und durch japanische Geschichte in der Hauptrolle mit einer Weißen besetzen? Eine Petition mit derzeit über 104.000 Unterstützern wurde ins Leben gerufen, um die Rolle neu, also asiatisch, zu besetzen. Jon Tsuei, ein in Kalifornien lebender Comic-Autor, twitterte beispielsweise, das Casting bedeute „nicht nur die Auslöschung asiatischer Gesichter, sondern auch der grundlegenden Themen der Geschichte“ und nannte „The Ghost in the Shell“ eine „Säule“ in asiatischen Medien.

An dieser Stelle könnte die Geschichte, mit ein wenig Asche auf dem blonden Haupt, enden. Tatsächlich aber wurde sie ein ganzes Stück komplizierter, als die einzigen prominenten Stimmen, die sich aus Japan in den Diskurs einschalteten, die ganze Aufregung nicht so recht verstehen wollten. Der Regisseur der gefeierten Anime-Verfilmung von 1995, die zusammen mit Akira das Genre im Westen etablieren half, Mamoru Oshii, war begeistert von der Produktion und der Besetzung Johanssons.

Er fand, ihre Darstellung übertreffe seine Erwartungen. „Ich bin sicher, das wird der beste Teil der Serie“, sagte er in einem Videoclip. Auch Sam Yoshia, Leiter des internationalen Geschäftsbereichs von Kodansha, des japanischen Verlags der ursprünglichen Mangaserie, lobte gegenüber dem Hollywood Reporter die Besetzung. „Sie hat den Cyberpunk-Feel. Und wir dachten sowieso nie, dass es eine japanische Schauspielerin werden würde.“

Ein Blick auf japanische Foren wie My Games News Flash ergibt ein ähnliches Bild: Die Kommentare schwanken zwischen Indifferenz und mildem Spott. Die Japaner, so scheint es, sehen die Angelegenheit eher so pragmatisch wie Yoshia. Eine derart große Produktion hätte man in Hollywood nun mal nicht ohne einen westlichen Star finanziert bekommen.

Die Konfliktlinie läuft also nicht in erster Linie zwischen Japan und „dem Westen“, sondern zwischen dem weißen Hollywood und Amerikanern japanischer Abstammung, die sich um Repräsentationsmöglichkeiten „ihrer“ Kultur betrogen sehen. So gesehen müssten sie allerdings auch gegen den Anime-Klassiker von 1995 Sturm laufen, ebenso wie gegen die (gerade bei Egmont auf Deutsch neu erschienene) Manga-Vorlage, ach was, gegen die Genres Manga und Anime insgesamt.

Die Gesichtszüge sind dort seit jeher kaukasisch, ein Erbe der kulturellen Hegemonie des Westens. Schon die ersten Manga-Zeichner im 19. Jahrhundert orientierten sich am Zeichenstil westlicher Comic-Strips, auch wenn sie Japaner darstellen wollten. Besetzt man, wie letztes Jahr in der Realverfilmung von „Attack on Titan“, die Rollen mit Asiaten, wirken sie, im Vergleich zur Vorlage, plötzlich fremd.

Scarlett Johansson und Motoko Kuranagi hingegen sehen beide auf so ähnliche Art idealtypisch normal aus, wie man das von einem in Serie und mit Design-Schablonen hergestellten Cyborg-Wesen erwarten würde. Und „normal“ heißt nun mal auch heutzutage noch „weiß“. Dass diese kulturimperialistische Normalisierung im Westen stärker als in der betreffenden Kultur selbst zu bröckeln scheint, ist eine der Lektionen aus dieser Geschichte.

Dort hat man ohnehin ganz andere Sorgen. Japaner sind nämlich mit Chinesen und Koreanern spinnefeind. Wenn nun beispielsweise ein Südkoreaner den japanischen Manga „Oldboy“ verfilmt, wie im Jahr 2003 geschehen, ist das ein interkulturelles Sakrileg. Umgekehrt hätten die Produzenten von „The Ghost in the Shell“ mit einer japanischen Hauptdarstellerin den chinesischen und koreanischen Markt abhaken können. Das „Whiteface“ Johannson funktioniert in Asien immerhin als neutrales Terrain.

Gerade gegenüber der in „The Ghost in the Shell“ bis zum Verschwinden des Menschen getriebenen Vernetzung der Welt, ergibt sich ein beklemmendes Gefühl, wenn man sich den Manga aus den Jahren 1989 bis 2000 nun noch einmal vornimmt. Die „nahe Zukunft“, die Shirow damals beschreibt, hat nichts mit der digitalen Utopiewelt eines Vilém Flusser zu tun, in der die alten Diskurse im Strom eines ständigen Informationsaustauschs zerbrechen.

In „The Ghost in the Shell“ ist das biologische Original zwar im Prozess der Informationsverdichtung nahezu ausgemerzt, eine Rückkehr zu Natur und vermeintlich natürlichen Unterschieden zwischen Menschen verglimmt nur noch wie ein ferner Witz am Horizont. Aber „die verschiedenen Nationalstaaten und ethnischen Gruppen existieren noch immer.“

Philipp Bovermann

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