Die Online-Ausgabe der Kulturzeitung der Theaterakademie August Everding

Tote Nacktheit

Damian Rebgetz, Christian Löber, Hassan Akkouch und Walter Hess sind vier der fünf Schwestern. Foto: Judith Buss

Theater-Kritik: Susanne Kennedy inszeniert Jeffrey Eugenides‘ „The Virgin Suicides“ als ekstatische Reise an den Münchner Kammerspielen

Dreht man sich zu lange im Kreis, wird einem irgendwann übel und man muss aufhören. Zuhause eingesperrt wissen die fünf jungen Lisbon-Schwestern nichts mit sich anzufangen, trist und öde ist ihr Leben. Jungs wollen die Mädchen unbedingt mal „befummeln“, diese „schönen Wesen“, die Herr und Frau Lisbon zur Überraschung vieler gezeugt haben. Doch werden die Mädchen zuhause eingesperrt und jeglicher Freiheit und Entfaltung, vor allem sexueller Natur, beraubt, weil die Eltern genau vor dieser Natur Angst haben. Erlösung aus diesem heimischen Gefängnis finden die Lisbon-Mädchen nacheinander im Freitod, als unberührte Mädchen, „Virgin Suicides“ also.

Der amerikanische Schriftsteller Jeffrey Eugenides hat diese tragische Geschichte 1993 in seinem Debütroman eindrucksvoll erzählt. Aus der Perspektive der fünf Nachbarsjungen, den selbsternannten „Zwillingen“ der Mädchen, werden anhand vieler Erinnerungen und gefundener Objekte die kurzen Leben von Cecilia, Lux, Bonny, Mary und Therese in einer amerikanischen Kleinstadt in den 70er Jahren rekonstruiert.

Junge, Mädchen, alles auf einmal

In der Theaterinszenierung von Susanne Kennedy an den Münchner Kammerspielen stehen nun vier männliche Schauspieler auf der Bühne, die so klein und beengend ist wie das Lisbon-Haus. Die Darsteller sind in schlichte, weiße Hemden gehüllt. Sie tragen Masken, die an japanische Mangafiguren erinnern – die großen Augen gelten dort als Schönheitsmerkmal – und auf dem Kopf tragen sie bunte Blumenkränze. Die Vier sind die Jungs und die Mädchen, Erzählerstimmen und Objekte der Begierde, alles auf einmal. Kennedys Voice-Over-Methode unterstreicht diese Ambivalenz. Die Textausschnitte, die in den Saal hallen, sind vor allem die, die das Verlangen der Jungs auf die Körper der Mädchen und die daraus entspringende Verwirrung wiederspiegeln. Weitere „Voices“ kommen von den Mädchen, doch sind diese nur Töne, sonore Gesänge, die ihrer Langeweile entspringen. Ein künstliches Computerwesen zitiert den LSD-Theoretiker Timothy Leary („Das Ziel dieser Reise ist Ekstase“) und tanzt immer wieder über eine der dreizehn Videoleinwände, die rund um das Bühnenbild drapiert sind. Die Anordnung erinnert an Susanne Kennedys letzte Arbeit „Medea.MATRIX“, die für die Ruhrtriennale 2016 konzipiert wurde, und in der ebenfalls ein Computerwesen über die Screens tanzte.

13 Screens, eine Nackte und ein Computerwesen. Foto: Judith Buss

13 Screens, eine Nackte und ein Computerwesen. Foto: Judith Buss

Es scheint, als liege auch diesmal Medea im hinteren Teil der Bühne – nackt im Glaskasten. Vielleicht auch Schneewittchen oder irgendein anderes Mädchen, Projektionsflächen gibt es ja genug. Wie auch Schauspielerin Kirsten Dunst, die 1999 in der sensationellen Verfilmung von Sofia Coppola der hübschesten der fünf Mädchen, Lux Lisbon, ihr Gesicht lieh. Lux ist die Lisbon-Schwester, die trotz aller elterlicher Verbote ein wenig rebelliert, ihre Sexualität erforscht und mit dieser spielt.

Suche nach Freiheit

Zusammen mit der Geschichte der „Virgin Suicides“, die in der Vor-Internet-Zeit spielt, wird diese Thematik auf die etlichen Screens übertragen: Schmink-Tipp-Youtube-Videos pubertierender, amerikanischer Mädchen. „Wir fühlten, wie eingesperrt man als Mädchen war, wie es den Geist zu träumen anregte und wie man am Ende dahinter kam, welche Farben zusammenpassten“, lautet eine Stelle aus dem Buch. Die Selbstdarstellung im Internet, die dortige Suche nach Freiheit, Anerkennung und Zustimmung, ist vielleicht noch das wesentlich größere Gefängnis, als das reglementierende Elternhaus der Lisbon-Mädchen. Zudem ein Ort der maximalen Projektion für alle Rezipienten.

Die Nachbarsjungen erkennen am Ende ihrer Bestandsaufnahme, „dass die Mädchen in Wirklichkeit verkleidete Frauen waren“ und der Zuschauer hat am Ende der Aufführung eine ekstatische Reise hinter sich.

Natalie Broschat

Weitere Informationen und Vorstellungstermine finden Sie hier!

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