Die Online-Ausgabe der Kulturzeitung der Theaterakademie August Everding

Parallelwelten

Der Kiosk neben den Gleisen: Tor zu einer anderen Welt. Foto: Dieter Schumann

Film-Kritik: Der Dokumentarfilm „Neben den Gleisen“ zeigt die Vergessenen der Gesellschaft

Als Dokumentarfilmer ist Dieter Schumann mit der Zeit gegangen und auf den Zug aufgesprungen. Er hat einen Fernsehfilm über die große Welle ankommender Flüchtlinge gedreht und sich gefragt, wie eine Kleinstadt in Mecklenburg-Vorpommern damit umgeht. Titel: „Notaufnahme – Wenn Fremde näher kommen“. Während des Drehs entdeckte Kameramann Michael Kockot neben den Gleisen des Bahnhofs Boizenburg, von wo aus die Flüchtlinge zum Erstaufnahmelager in Horst weitergeleitet werden, einen Kiosk. Und hat eine Parallelwelt entdeckt.

Während im Sommer und Herbst 2015 täglich 50-100 Flüchtlinge in Boizenburg ankommen und sich die Menschen im Helfen übertreffen, sitzen im Kiosk die Vergessenen der Gesellschaft, die Ungeliebten der Nation. Sie reden, rauchen, lesen Zeitung und schnapseln. In seltenen Fällen kommen auch Flüchtlinge in den Kiosk, dann treffen zwei Universen aufeinander.

Potenzial für einen Kinofilm

Schumann und Kockot sahen in diesem Kioskleben das Potenzial für einen Kinofilm. Zuerst kam dann aber eine Fernsehproduktion für den NRD, die Rechte am Rohmaterial sicherten sie sich. „Weltbahnhof mit Kiosk – Wie sich Stammgäste und Flüchtlinge in Boizenburg begegnen“ heißt der kurze TV-Film, der eine Grimmepreis-Nominierung erhielt und ein Youtube-Phänomen hervorbrachte: „Eine Fünfjährige wurde gegessen, lebendig, vom Flüchtling. Stand auf Facebook.“ Der Clip mit dieser Aussage ging viral durch die Netzwerke. Ursprung war eine Nachricht vom Postillon.

Der Kiosk von außen. Was drinnen wohl passiert? Foto: Dieter Schumann

Der Kiosk von außen. Was drinnen wohl passiert? Foto: Dieter Schumann

Schumann und Kockot wollten es nicht bei der komprimiert-konzentrierten und vor allem kommentierten TV-Reportage belassen. Der genauere Blick war ihnen wichtiger, weswegen sie auf eigene Faust und ohne Förderung einen Kinofilm produzierten. Die Typen aus „Weltbahnhof mit Kiosk“ lernt man nun in „Neben den Gleisen“ näher kennenlernen. Sie dürfen endlich ihre Geschichte(n) erzählen.

Bei allen Protagonisten in „Neben den Gleisen“ offenbart sich diese urmenschliche Sehnsucht nach Interesse, Liebe, Zuneigung und Anerkennung. „Hauptsache mir geht’s gut und abends mein Bierchen“, wenn es aber nur noch das Bierchen gibt, dann ist was schief gelaufen. Alkoholismus gibt es in jeder Früh-, Mittel- oder Oberschicht, im Kiosk aber bringt das Trinken Gesellschaft und Geselligkeit mit sich. In dieser Gesellschaft eben, die sich jenseits der Masse befindet, lassen sich teilweise unfassbare Geschichten ausmachen.

Verfremdungen in der Gesellschaft

„Wie weit sind wir eigentlich von der Wirklichkeit und den Menschen, die in unserer Gesellschaft leben, entfernt?“, fragt Dieter Schumann. Nach der Premiere hat sich nämlich jemand danach erkundigt, wie die Mockumentary „Neben den Gleisen“ eigentlich entstanden sei. Wahrnehmung durch Film ist Aufwertung und in diesem Falle Anerkennung, die die Protagonisten unbedingt brauchen. Vor allem politisch, denn sie sind unzufrieden und wählen schlechtestenfalls die AfD, weil sie sich durch die Ankunft der Flüchtlinge und den Fokus auf die Hilfeerhaltenden vernachlässigt gefühlt haben. Außenseiterpositionen, fehlende Privilegien, das Abgrenzen und Abheben der Eliten führt zu Verfremdungen in der Gesellschaft. Die sogenannte Hochkultur, auch das Kino, kann da Brücken schlagen. Kommunikation ist wichtig, so auch im Kiosk, reden – und reden lassen.

Von „Notaufnahme“ zu „Weltbahnhof mit Kiosk“ zu „Neben den Gleisen“: Diese Filme ergeben zusammen das Abbild einer gewichtigen Zeit und ein Portrait der von der Gesellschaft Abgehängten. Niemand darf vergessen. „Neben den Gleisen“ ist kein Kuriositätenbericht vom Abstellgleis, sondern große Dokumentarfilmkunst.

Natalie Broschat

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