Die Online-Ausgabe der Kulturzeitung der Theaterakademie August Everding

Fragile Freiräume

Leonie Böhm. Foto: radikal jung 2017

Leonie Böhm, geboren 1982 und Mutter von zwei Kindern, hat viel studiert. Zuletzt Bildende Kunst in Kassel bei Urs Lüthi, doch das Theater ist ihr über die Jahre immer wichtiger geworden. Auf die Bühne hat sie bereits ihre eigene Version zweier Klassiker, „Bittere Tränen“ von Rainer Werner Fassbinder und „Kasimir und Karoline“ von Ödon von Horvath, gebracht und eröffnet in diesem Jahr das radikal jung. Sie hat sich vorab mit Natalie Broschat über ihre neue Arbeit „Nathan die Weise“ unterhalten. Das beruht wieder auf einem Klassiker, nämlich „Nathan der Weise“ von Gotthold Ephraim Lessing, und die erste Frage liegt da auf der Hand.

cult: Warum hast Du ausgerechnet dieses Stück bearbeitet und wie war Deine Herangehensweise?
Leonie Böhm: Das Stück sollte in den Spielplan des Thalia Theaters Hamburg passen und ich habe mir überlegt, welchen Klassiker es über Religion und Europa im Wandel gibt. Ich habe dann ziemlich beherzt gestrichen, um nur den Text zu nehmen, den man wirklich braucht. Es dauert ziemlich lange, bis man einen richtigen Umgang mit einem alten Text findet. Es soll heutig und persönlich klingen und man will etwas verhandeln, das mit einem selbst zu tun hat, das man versteht und nicht nur irgendwie spricht. Ich würde für 100 Seiten Text wahrscheinlich ein ganzes Jahr Proben brauchen. Natürlich bekommt man ein hermeneutisches Verhältnis dazu und ständig geht eine neue Bedeutung auf, auch wenn der Text im (Theater-)Raum gesprochen wird. Wie wird man darüber Herr, was will ich einerseits erzählen und was entsteht andererseits? Das Alles in eine Form zu kriegen ist sehr komplex und man muss gucken, welche Menge man als Ensemble überhaupt bewältigen kann. Ich verbringe Wochen mit dem Text und gucke, welchen Aspekt ich mir rauspicke.

Und welcher Aspekt ist es geworden? Die Religion? Die weibliche Sicht?
Ich würde sagen, es geht gar nicht um Religion, sondern um die Beziehung zwischen Nathan und seiner Tochter. Darum, wie er sie zur Mündigkeit erzieht. Es ist eine seltsame Beziehung, in der Recha einerseits zur Vernunft erzogen wird und in der es andererseits keinen Raum gibt, in dem es um ihre Bedürfnisse und Gefühle geht. Bei Nathan besteht der große Wunsch, die perfekte und aufgeklärte Tochter zu erziehen und gleichzeitig lässt er ihr überhaupt keinen Freiraum. Was wird mit dem Stück passieren, wenn sich Recha emanzipiert und mehr Raum bekommt? Was sind eigentlich die Bedingungen dafür, dass sie sich emanzipiert oder mündig werden kann? Im Text, auf der Bühne, aber auch in der heutigen Zeit? Mich hat diese Lehre von „Nathan der Weise“ interessiert, dass wir Menschen hinter jeder Religion und sozialen Rolle alle gleich sind und im Anderen das mündige Gegenüber ansprechen wollen. Ich würde sagen, dass „Nathan die Weise“ kein moralisches Stück ist. Es geht nicht darum, Nathan zu verurteilen oder Recha als eine arme Stehengelassene darzustellen. Eher darum zu zeigen, wie jeder mit sich selbst beschäftigt ist und wie sehr man einander missversteht; auch bei der Suche nacheinander oder dabei, alles richtig zu machen.

Welche Themen interessieren Dich noch?
In meiner künstlerischen Arbeit geht es viel um Kommunikation und zwischenmenschliche Nähe. In der Kunst kann man sich gemeinsam fragen: „Wie wollen wir eigentlich zusammenleben? Wie wollen wir unsere Gesellschaft und unser Leben gestalten? Was sind unsere Werte?“ Für mich ist Theater ein Medium, das all diese Fragen untersuchen kann. In der künstlerischen Arbeit, die ich früher gemacht habe, ging es immer um die Suche nach dem Dialog auf Augenhöhe. Was für ein Raum entsteht eigentlich zwischen zwei Menschen, die sich treffen und was kann sich daraus entwickeln oder wie stiften sie zusammen die kleinste Form von Gesellschaft? Ich suche auch nach einer bestimmten Spielweise, die den Moment der Begegnung, auch dieser Gefährlichkeit, die Theater und jede Begegnung haben, ernst nimmt. Begegnungen haben ja was Gefährliches, wenn man sich in einen offenen, neugierigen Dialog miteinander begibt und nicht hinter den Rollenmustern versteckt. Im Alltag bewegt man sich unentwegt in sozialen Rollen und Theater ist ein Ort, an dem man sich von Inszenierungen befreien kann. Das Spielen selbst ist eine Möglichkeit, miteinander neue Zusammenseinsformen herauszufinden. Mich interessieren der lustvolle Spieler und dieses kommunikative Potenzial der Menschen, das sie miteinander ins Spiel geraten lässt. Man muss für jede Person den Rahmen schaffen, in dem das gelingt und jeder seine eigene Ausdrucksweise mitbringt.

Also die Improvisation der Schauspieler?
Ja, genau. Aber der Begriff Improvisation ist ziemlich schwer, weil jeder gleich ein Bild davon hat.

Wie verstehst Du es denn?
Das ist immer sehr verschieden und das kann ich nicht pauschal beantworten. Jeder braucht etwas Anderes, um ins Spiel zu geraten. Es geht darum herauszufinden, was die Bedingungen sind. Es gibt natürlich regelmäßige Abläufe, aber die sind individuell. Somit sind meine Stücke bei jeder Aufführung verschieden. Durch das Spielen und den Umgang mit dem Thema in diesem speziellen Moment. Manchmal ist das Tempo anders oder die Stimmung und das kann sogar zu verschiedenen Aussagen führen. Das ist eine fragile Angelegenheit.

Hier geht’s zur Kritik von Benedikt Mahler zu Leonie Böhms Inszenierung „Nathan die Weise“!

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