Die Online-Ausgabe der Kulturzeitung der Theaterakademie August Everding

Der absolute Hühnerritt

radikal jung plakat

Theaterfestival Radikal Jung: Vom 28. April bis 7. Mai 2017 zeigt das Münchner Volkstheater wieder ausgewählte Inszenierungen junger Kreativer – wir verraten, was kommt

Ein nackter Mann beugt sich seinem Schicksal: Angestrengt trägt er zwei schwarze Hühner auf seinem Rücken. Vom Plakat des radikal jung Festivals starrt er uns gequält an. Wir starren gequält zurück. Das ist keine Verbeugung nach der Vorstellung. Und der Mann denkt wohl auch nicht: Aha, wieder was gelernt. Das wäre nicht radikal jung.

Was haben Terror, Frauen, Film, Angler, Anonymität und die Tagesschau gemeinsam? Mit Sicherheit irgendetwas: Immerhin berichtet die Tagesschau über alles irgendwann mal. Aber wer in diesem Programm den ultimativen roten Faden findet, darf sich daraus gerne eine Mütze häkeln. radikal jung. ist schwer zu greifen. radikal jung. bleibt auch in diesem Jahr divers, horizonterweiternd und irgendwie verrückt. Nehmen wir also Platz neben den Hühnern. Machen wir uns auf dem Rücken des Mannes auf eine Reise durch das radikale Labyrinth. Dieses Jahr zeigen sechs Regisseurinnen und nur drei Regisseure ihre Stücke bei radikal jung. Darum wurde das Theaterfest umgetauft. Statt „Festival für junge Regisseure“ heißt es nun „Festival für junge Regie“.

Die Rolle der Frau

Was bleibt, ist radikal jung. Eine Tendenz? Ja, es gibt ein paar Inszenierungen, die sich mit der Rolle der Frau in der Gesellschaft auseinandersetzen. Zur Eröffnung gehen wir zu „Nathan die Weise“ nach Gotthold Ephraim Lessing. „Die“? Ja, in der Inszenierung von Leonie Böhm wechseln wir die Perspektive: der Klassiker aus der Sicht einer Frau. Nathan selbst wird weiblich, der Schauspieler zum Mann im Kleid. Ein kleines Erdbeben, der Boden tut sich auf! Plötzlich sitzen wir in einem großen Raum, in der Mitte ein schwarzes Loch: Die Vergewaltigungsängste von Frauen. In „Stören“ erzählen Regisseurin Suna Gürler und ihr Team von diesen Ängsten. Wir laufen einmal um das schwarze Etwas herum.

Aus der anderen Richtung nähern wir uns mit Samira Elagoz dem Thema. In ihrer Performance „Cock, Cock… Who’s There?“ sucht sie die Begegnung mit fremden Männern und will so die Kontrolle über ihre Sexualität zurückgewinnen. „Hahn, Hahn“? Auf dem Rücken neben uns wird freudig gegackert.

Ja, und dann bemerken wir, dass wir in einer Sackgasse stehen. Ein Huhn legt ein Ei. Umkehr, andere Gänge, eine Busstation. Mit Pinar Karabulut untersuchen wir in der Inszenierung von „Gott wartet an der Haltestelle“ das Selbstmordattentat einer palästinensischen Krankenschwester. Kann es für eine solche Tat eine rationale Erklärung geben?

Theater ohne Film über Film am See

Nein, also schnell weiter: „The Making-of“. Wir lachen noch über Nora Abdel-Maksouds satirische Auseinandersetzung mit der Filmbranche, als wir an einem kleinen See ankommen. Ein See. In einem Raum? Klar doch! In „Wenn die Rolle singt oder der vollkommene Angler“ von Regisseurin Johanna Louise Witt lernen wir die entschleunigende Wirkung des Angelns kennen und entdecken darin eine Tätigkeit, mit der wir die vielen Verwirrungen einfach mal ausblenden können.

Entspannt halten wir also die Angel ins Wasser, pfeifen ein bisschen, machen die Augen zu… Aber dann: Die Hühner gackern aufgeregt durcheinander! Regisseur Jan Philipp Stange kündigt an: Es ist „Der 2. Mai 2017“! Der Titel ist dem jeweilige Aufführungsdatum angepasst. Wir sehen die aktuelle Tagesschau musikalisch; geht’s zeitnaher – gewiss nicht. Und noch eine junge Nachricht: Vor Kurzem wurde in München eine Frau gefunden, die zwei Jahre tot in ihrer Wohnung lag. Einen solchen Fall gab es vor zwölf Jahren auch in Genf. Im Stück „Kroniek oder wie man einen Toten im Apartment nebenan für 28 Monate vergisst“ stellt Florian Fischer diesen Fall dar. Nicht-Kommunikation und Anonymität führen zur Blindheit gegenüber den Mitmenschen.

Unser Transporteur stolpert über einen Stein, fällt hin und wir stürzen auf den Boden. Die Hühner suchen beflügelt das Weite; der Mann röchelt. Wir Menschen sind nicht mehr tragbar. Also benommen auf den Weg zu bekannten Ufern – zum Altbekannten. Zwischen all den Performances und neuen Texten finden wir neben „Nathan die Weise“ noch ein Stück, das auch nicht mehr ganz so jung ist. Nicolas Charaux bringt am Münchner Volkstheater Kafkas „Das Schloss“ auf die Bühne. Wie sein Protagonist K. irren wir nun ganz allein, jeder für sich, weiter über das Festival. Wir haben auch im Bekannten keinen Halt gefunden. Wir sind gefangen. Unsere Lebensaufgabe ist die Suche nach Ordnung in diesem Durcheinander der Themen und wir bleiben für immer im Dunkel des Theatersaals. Oder ist vielleicht die Suche nach einer Erklärung für all diese Dinge selbst der rote Faden? Heute gehen die Scheinwerfer an – eine Erleuchtung?

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