Die Online-Ausgabe der Kulturzeitung der Theaterakademie August Everding

Die emotionale Seite der Wirklichkeit

Szene aus „El Charro de Toluquilla“. Foto: Dok.fest München

157 Blicke auf die Realität: Daniel Sponsel, Jahrgang 1964, leitet das Münchner Dok.fest. Ein Gespräch über die gesellschaftliche Relevanz und den künstlerischen Wert des Dokumentarfilms.

Cult: Was macht den Reiz des Dokumentarfilms aus?

Daniel Sponsel: Der Reiz ist, dass man durch den Dokumentarfilm Lebenserfahrung sammelt. Ich sehe das Jahr über viele, viele Filme und ich sehe Menschen, Geschichten, Länder, Ereignisse, die ich nie erleben oder kennen lernen werde.  Doch die Filme vermitteln mir einen intensiven Eindruck davon. Diese Filme schaffen eine Lebenserfahrung die ich selbst ohne die Filme nicht machen kann – weil man niemals überall sein und alles sehen kann.

Ist die Vermittlung einer Lebenserfahrung die wesentliche Aufgabe des Dokumentarfilms?

Mit Lebenserfahrung meine ich ja nicht eine Wissensvermittlung oder Informationsvermittlung, sondern Teilhabe. Die Anteilnahme an einem Leben, an einem Schicksal, an einem Ereignis und damit auch emotionale Anteilnahme. Ein Eintauchen in diese Leben, in diese Geschichten. Das macht einen guten Dokumentarfilm aus: Dass er es neben der Informations- und Wissensvermittlung – die auch gerne sein darf – schafft, mich emotional in die Geschichte hineinzuziehen.

Sind besonders in der heutigen Zeit politische Aspekte wichtig für den Dokumentarfilm?

Auf jeden Fall. Ich denke, dass politisch-gesellschaftliche Relevanz für alle Kunstgattungen gilt, und sie ist ein Anliegen des Dokumentarfilms im Besonderen. Das galt eigentlich immer, aber vielleicht ist das in der heutigen bewegten Zeit nochmal eine Spur wichtiger geworden. Auch vor dem Hintergrund solcher Schlagworte wie Fake News oder dem postfaktischen Zeitalter, in dem wir uns angeblich befinden, sind Informationen natürlich ein wichtiges Gut und wahrscheinlich wichtiger denn je. Mit Informationen kann man viel bewegen, man kann auch viel anrichten – und Dokumentarfilme bewegen im positiven Sinne.

Wo ziehst Du die Grenze zwischen der journalistischen Faktenerstattung und dem Dokumentarfilm?

Die Grenze ist nicht ganz trennscharf zu ziehen, aber tendenziell hat Journalismus für mich den Auftrag, umfassend und präzise zu informieren und diese Fakten freizuhalten von subjektiven Interpretationen. Das darf wiederum explizit der Dokumentarfilm: die subjektive Sicht des Autors auf die Ereignisse vermitteln; ohne dabei ins Fiktionale überzutreten, in dem Sinne, dass ich nur ein Leben, einen Menschen, ein Ereignis als Ausgangspunkt nehme und darum herum fabuliere. Ich finde es wichtig, dass der Dokumentarfilm sich an der vorfilmischen Wirklichkeit entlang arbeitet, mit allen interpretatorischen Spielräumen und Freiräumen.

Im Zwiegespräch mit dem Filmkritiker Tobias Kniebe von der Süddeutschen Zeitung hast Du einen schönen Satz gesagt, der in eine dieselbe geht: Man habe in der Zwischenzeit gelernt, „dass auch im Dokumentarfilm von Bedeutung ist, wie erzählt wird, nicht nur, was erzählt wird“. Hast Du das Gefühl, dass es im Dokumentarfilm verstärkt in diese Richtung der künstlerischen Freiräume und Spielräume geht?

Die Entwicklung geht schon seit vielen Jahren dorthin. Das hat damit zu tun, dass wir als Rezipienten anspruchsvoller geworden sind. Die gesamte Medienlandschaft und auch die Technik, die dafür bereitsteht, hat sich weiterentwickelt. Und es ist in jeder Kunstform wichtig, wie ich etwas vermittle. Die Form spielt einfach eine wesentliche Rolle. Und der Dokumentarfilm darf da narrativ und gestalterisch so reif sein wie alle anderen Filmformen auch. Das ist total wichtig, weil die Leute sich diese Filme nicht nur anschauen, weil sie an dem Thema interessiert sind.

Was empfiehlst Du jungen Filmemachern, um einen solchen Dokumentarfilm zu schaffen, der sowohl seine eigene Sprache findet als auch das Publikum anspricht?

Man braucht auf jeden Fall eine Haltung. Was will man erzählen? Warum? Und wem? Und dann: Dass man sich trainiert in der Form. Dass man sich Filme anschaut, probiert, darüber spricht, sich damit auseinandersetzt. Sonst entstehen Filme, die vom Thema her interessant sind, aber dann für das Publikum nicht so richtig funktionieren.

Das Dok.fest verzeichnet in den letzten Jahren stetig mehr Zuschauer. Trotzdem ist es so, dass es Dokumentarfilme in den Kinos oftmals schwer haben. Konsumieren die Leute eher Dokumentarfilme in diesem geschützten Raum des Festivals?

So geschützt ist der Raum nicht. Wir richten uns an die gleiche Öffentlichkeit wie alle Kinos oder anderen Kulturveranstaltungen auch. Deswegen glaube ich, dass der Dokumentarfilm im regulären Kinobetrieb tatsächlich noch besser funktionieren könnte, als er es momentan tut, aber es fehlen ihm die Mittel dazu: Für die Werbung und die Kommunikationswege, um den Film so zu verkaufen, dass die Leute auch erreicht werden, die ihn sehen wollen. Diese Leute erreichen wir eher mit der Wucht eines Festivals. Das Festival beweist das nur. Die Leute sind da, die Filme sind da und die Leute wollen die Filme sehen. Es braucht einfach einen kräftigen Auftritt. Das kann ein Film allein oftmals im regulären Betrieb nicht leisten und wir leisten das einfach als Festival in der Summe.

Welche Auswirkungen auf die Sehgewohnheiten von Dokumentarfilmen haben Streamingdienste?

Das muss man in der Gesamtheit aller Formen von Laufbildmedien betrachten, und da müssen wir auch zehn Jahre weiterdenken. Wir wissen alle, dass sich die Kinolandschaft verändern wird, dadurch, dass Streaming in so hoher Qualität möglich ist und auch zunehmend mehr genutzt wird. Da müssen wir alle aufpassen, dass wir damit genügend Geld verdienen. Die Leute, die nicht mehr ins Kino gehen wollen, weil sie einen Film zuhause sehen wollen, müssen dafür bezahlen – das ist klar. Da muss eine Struktur entstehen, die allen Beteiligten an diesem Prozess, also vom Macher über den Verleiher bis hin zum Betreiber von Kinos oder Streamingdiensten, ermöglicht, daran zu verdienen. Damit auch weiter Produktionsmittel im Kreislauf bleiben.

Dieses Jahr zeigt Ihr 157 Filme auf dem Dok.fest. Hast Du darunter einen besonderen Lieblingsfilm?

Es gibt mindestens ein Dutzend Filme, die ich für mich favorisiere, aus verschiedenen Gründen. Ich finde es sehr wichtig, dass wir die Reihe Dok.euro.vision haben. Wo zwölf Filme gezeigt werden, mit unterschiedlichen Ansätzen und Blickwinkeln, wie wir in parlamentarischen Demokratien in Europa und im Gesamtkonstrukt Europa weitermachen wollen. Das treibt uns, denke ich, alle gerade um – mehr denn je. Aber genauso freue ich mich auf die Retroperspektive mit Georg Stefan Troller, der seine Lebensgeschichte hier mit nach München bringt und auch Filme, die das dokumentieren. Mit seinen Filmen erleben wir nicht nur eine Filmgeschichte, sondern auch eine Kulturgeschichte.

Geben die Filme der Euro.vision-Reihe Deiner Meinung nach auch Antworten auf die Frage, wie es mit Europa weitergehen kann und soll?

Ich glaube, in der Kunst ist es wichtiger, die richtigen Fragen zu stellen, als Antworten zu geben. Antworten in der Kunst sind meistens unbefriedigend, weil sie zu kurz greifen und uns damit meistens nicht weiterbringen. Wichtiger ist es zu sensibilisieren, mit den richtigen Fragen und indem man die richtigen Felder aufmacht und die richtigen Töne anstößt. Um bestimmte Fragen in die Gesellschaft zu tragen und dann dort Stück für Stück zu Antworten zu kommen.

Denkst Du, dass Dokumentarfilme Haltungen schaffen oder sogar verändern sollen?

Klar sollen sie das. Das soll vieles. Die Politik soll Dinge verändern, der Journalismus soll das, die Kunst sowieso. Das ist eine interessante Frage, dass einmal zu verifizieren, was bei einem Menschen an Einflüssen alles passieren muss, damit er seine Haltung ändert oder damit Fakten geschaffen werden und er sich bewegt.

Da steht natürlich dann auch die Frage im Raum, welche Menschen diese Filme erreichen und ob die Menschen, bei denen eine Einstellungsänderung erstrebenswert wäre, überhaupt erreicht werden.

Das ist in der Tat immer eine Hürde, dass wir generell eher Leute erreichen, die wir sowieso schon haben, auch mit der Sensibilisierung für bestimmte Aspekte und Themen. Wir versuchen aber schon einiges in der Kommunikation des Programms, um Leute zu erreichen, die vielleicht nicht ganz nah dran sind. Das ist keine leichte Aufgabe, aber indem wir bestimmte Zielgruppen für bestimmte Filme direkt ansprechen und einladen, hoffen wir, auch diese Menschen in die Kommunikation einzubinden.

Ist das auch ein Aspekt bei der Auswahl der Filme, dass sie für bestimmte Zielgruppen und Themen funktionieren?

Das erste Entscheidungskriterium ist die Qualität der Filme. Danach spielen die Themen auf jeden Fall eine Rolle. Auch um eine gewisse Diversität zu erreichen, um starke Filme für Themen, Geschichten oder Länder zu finden, die wir so noch nicht haben.

Wie kam es zu dem diesjährigen Länderfokus Mexiko?

Jedes Jahr kommen wieder ein halbes Dutzend Länder in Frage, über die wir die Gastreihe machen wollen. Russland ist zum Beispiel seit einigen Jahren immer wieder in der Diskussion. Mexiko hat sich dieses Jahr angeboten, weil das Freundschaftsabkommen Deutschland-Mexiko dieses Jahr 40 Jahre besteht und weil Mexiko in der Gesellschaft und Kultur dieses Jahr auch verstärkt eine Rolle spielt, was wir damit auffangen wollten. Außerdem haben wir eine lateinamerikanische Mitarbeiterin im Team, die sich besonders für Mexiko interessiert. Darüber hinaus ist Mexiko einfach ein spannendes Land. Gesellschaftlich sowieso, und darüber wissen wir auch zu wenig, weswegen wir Filme zeigen, die nicht nur die Erwartungen von Drogenkartellen und Kriminalität bestätigen, sondern auch viele andere Aspekte der Gesellschaft hervorheben. Und es ist auch ein spannendes Filmland. Mexiko oder Mittelamerika allgemein hat eine sehr große Filmindustrie, das sieht man auch an dem Output an Dokumentarfilmen.

Welche Filme kommen beim Publikum am besten an?

Gut kommt immer alles an, was mit Musik zu tun hat. Alles, was einfach noch andere Gruppierungen mit ins Boot holt und sich mit anderen Kunstbereichen überschneidet, wie zum Beispiel der Film über die Band Blumentopf. Mit anderen Aspekten ist das natürlich schwieriger. Da bin ich auch neugierig, wie der Fokus Mexiko angenommen wird. Weil das Thema Mexiko zwar eigentlich gut vermittelbar ist, aber ich nicht genau weiß, wie groß das Interesse da wirklich ist. Man kann die Leute immer nur dort abholen, wo sie sich schon ein wenig hinbewegt haben.

Interview: Tatjana Michel

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