Die Online-Ausgabe der Kulturzeitung der Theaterakademie August Everding

Feminazischeiße

Regisseurin Suna Gürler. Foto: radikal jung 2017

Regisseurin Suna Gürler. Foto: radikal jung 2017

Theaterfestival radikal jung 2017: Das Stück „Stören“ proklamiert Frausein mit Haltung. cult-Autorin Tatjana Michel hat mit Regisseurin Suna Gürler und den Ensemble-Mitgliedern Sezgi Ceylanoglu, Mariette Morgenstern-Minnemann, Zeina Nassar, Soraya Reichl, Nathalie Seiß und Chantal Süss gesprochen und erfahren, warum es einen nicht stören sollte, wenn man dabei auch mal nervt.

Wie ist die Idee zu dem Stück entstanden?

Suna: Die Themen Geschlechter und Geschlechtereinschränkung interessieren mich sehr. In meinen Stücken und als Theaterpädagogin setze ich mich damit auseinander. 2013 habe ich einen Jugendclub mit dreizehn jungen Frauen gegründet, in dem wir uns mit dem Thema Körper beschäftigt haben. Das kam so gut an, dass schnell die Überlegung entstand, etwas Ähnliches in einem professionellen Rahmen umzusetzen.

Hast Du über diesen Jugendclub deine jetzigen Schauspieler gefunden?

Suna: Nein. Ich habe in meinem Bekanntenkreis gesucht.

Das Stück habt ihr zusammen entwickelt. Wie muss man sich das vorstellen?

Zeina: Wir haben uns an Büchern, Videos, Alltagsbeobachtungen und eigenen Erfahrungen orientiert, vieles selbst geschrieben und so das Stück erarbeitet.

Wie fühlt es sich an, wenn man eigene Erfahrungen auf die Bühne bringt?

Mariette: Das Schöne ist, dass mit Fiktion und Realität gespielt wird und die Leute im Zuschauerraum nicht wissen, was von beidem sie gerade zu sehen bekommen.

Suna: Das Stück ist nicht autobiografisch, es geht alle etwas an.

Mariette: Dabei spielt die Innensicht eine ganz große Rolle. Im Publikum sitzen bestimmt zehn Leute, die genau diese Situation schon erlebt haben.

Verändern die Erfahrungen, über die ihr auf der Bühne sprecht, euer Verhalten im Alltag?

Sezgi: Klar. Wir reden über viele alltägliche Sachen, die uns nerven, aufregen und stören. Mir sind viele Dinge bewusst geworden.

Wie frei sind wir heute in unserer Gesellschaft?

Suna: Wir haben uns gefragt, wie viel Raum uns in der Gesellschaft zusteht; wie frei uns die Gesellschaft sein lässt. Aber auch, inwiefern wir uns selbst einschränken. Da ist zum einen eine reale Gefahr, wenn konkrete Übergriffe drohen. Zum anderen schränkt uns die oftmals übertriebene Angst davor ein, was uns alles passieren könnte.

Zeina: Ich finde es traurig, dass man zwangsläufig davon ausgeht, belästigt zu werden und dass ständig was passieren könne.

Wollt ihr mit dem Stück Einstellungen verändern?

Sezgi: In erster Linie wollen wir Bewusstsein und Aufmerksamkeit schaffen.

Suna: Und wir wollen denjenigen, die ständig gegen Einschränkungen und ihr Umfeld ankämpfen müssen, Mut machen.

Sezgi: Dass man sich aufgehoben und verstanden fühlt. Durch die Erfahrung, dass es anderen genauso geht und man Situationen teilt.

Suna: Trotzdem soll es am Ende ein unterhaltsames Theaterstück sein.

Habt ihr euch durch das Stück verändert?

Nathalie: Auf jeden Fall. Dadurch, dass man so viel teilt, ist bei mir ein neues Bewusstsein entstanden. Darüber, was eigentlich schief läuft oder wie stark ich sein kann.

Sezgi: Ich bin wütender geworden, weniger passiv. Jetzt wehre ich mich, wenn ich einen doofen Spruch abbekomme. Dadurch fühle ich mich stärker. Eine Art von positiver Wut und Kraft.

Sprecht ihr mit anderen jetzt anders über Sexismus?

Chantal: Mir geht es häufig so, dass das Gespräch auf irgendein Thema kommt, was wir in Stören behandeln und dann greift man schon oft auf Texte aus dem Stück zurück.

Zeina: Wenn ich mit anderen unterwegs bin und solche Situationen passieren, kommt es inzwischen viel häufiger vor, dass ich darüber rede und die Vorgänge nicht mehr ignorieren kann.

Welche Erfahrungen habt ihr in eurer Umwelt gemacht, wenn ihr solche Themen ansprecht?

Suna: Es ist ein Grundproblem des Frauseins, dass man schnell als hysterisch oder zickig abgestempelt wird, wenn man sich beklagt.

Sezgi: Oder als Feminazi bezeichnet wird. Ich habe gemerkt, dass ich mich sogar oft schuldig fühle, wenn mich jemand blöd anmacht und ich mich wehre, was total paradox ist.

Also ist es genauso wichtig, sich selbst zu verändern?

Suna: Das ist eine Kombination aus beidem. Es muss sich außen etwas verändern und innen.

Chantal: Ich glaube immer noch, dass für viele der Mann die Norm ist und die Frau eine Abweichung davon. Aber das ist Bullshit. Trotzdem hängt dieses Bild in den Köpfen.

Suna: Das sieht man auch in den Theatern, auf der Bühne, im Film. Frauen kommen da viel weniger vor. Auch ich bin nur Regisseurin geworden, weil ich mir Männer zum Vorbild genommen habe. Und trotzdem fällt einem dieses Ungleichgewicht nur sehr selten auf und man muss erst darauf aufmerksam gemacht werden. Wenn Frauen vorkommen, dann nur in den typischen Rollen.

War das ein Grund, weswegen Du dein Theaterstück nur mit Frauen realisiert hast?

Suna: Das hatte eher damit zu tun, dass das Stück aus der Frauenperspektive und der Sozialisation der Frau gedacht wurde. Ich finde, dass man Stücke zum Thema Gender unbedingt auch mit Männern machen sollte.

Hier geht’s zur Kritik der Inszenierung und zur Wutrede über das, was nach dem Stück passierte!

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