Die Online-Ausgabe der Kulturzeitung der Theaterakademie August Everding

Patchwork-Humanismus

Geysire statt Ringe. Lessing würde schäumen. Foto: Krafft Angerer

Geysire statt Ringe. Lessing würde schäumen. Foto: Krafft Angerer

Theater-Kritik: Es hat sich ausparabelt auf dem Theaterfestival radikal jung, denn „Nathan die Weise“ braucht keine Ringe

Sie haben ihren Nathan geteert und mit silbrigen Pailletten gefedert. Sie haben ihn zu einem infantilen Tattergreisen gemacht, der dadaviebrierend über die Bühne kriecht, vielleicht seinen Namen tanzt, bestimmt einen Springbrunnen beschwört und unangestrengt Berge versetzt. Sie haben Freimut statt Furcht bewiesen vor Lessings humanistischem Koloss und ihn in ein neues Wortgewand gehüllt. Leonie Böhm und ihre drei SchauspielerInnen haben sich befreit von der Schullektüre im Kopf, das kleine gelbe Buch zerrissen und daraus Konfetti gemacht.

Müssen wir heutzutage ernsthaft noch über Werktreue reden? Als das sogenannte Regietheater seinen Siegeszug begann, Ende der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, klar, da gab es Redebedarf. In Zeiten von Postdramatik und ausgereifter Performance-Kunst sind Diskussionen darüber grotesk. Vielleicht waren sie das auch schon immer und Werktreueschwüre die Attitüden uninspirierter Regisseure. Vielleicht war die Werktreue auch eine Erfindung perfider Theater-Reaktionäre, die glaubten tote Autoren vor etwas beschützen zu müssen, das sie selbst als Bedrohung empfanden. Den jungen Theatermachern um Leonie Böhm wurde für ihre „Nathan“-Inszenierung jedenfalls Werktreulosigkeit attestiert. Wer so etwas sagt, hat nicht viel davon verstanden, sehr wohl haben sie Lessing die Treue gehalten, Autor und Werk ernst genommen und hart damit gearbeitet.

MC Lessing zieht blank

Ein blasser Junge mit Tigerpulli tritt an die Bühnenrampe, als müsste er ein Deutschreferat halten. Wenn er spricht, klingt das, wie wenn Jan Böhmermann den türkischen Staatspräsident Erdogan persifliert. In krassem Straßen-Slang erzählt uns der Typ von dem Hausbrand, von Nathan, Recha und Curt, dem Tempelritter. Er tut das mit einer bemerkenswerten Leichtigkeit, gerne hört man ihm zu. Durch seine einfache, aber bezeichnend rhythmische Sprache brechen ganz unvermittelt Lessings Blankverse; selten hat man sie so klar gehört, selten gingen sie so leicht ins Ohr. Dramaturg Matthias Günther hat die erzählte Handlung geschickt mit den Original-Repliken verwoben. Die Darbietung auf der Bühne ist schließlich eine Verneigung vor dem Prätext in der Kunstform eines temperamentvoll performten Poetry Slams.

Man spricht wieder auf dem Theater, mag das sprechkünstlerisch ausgehungerte Münchner Publikum gedacht haben, das in Sachen Lilienthal von der Ideologie eingedösselt wurde, SchauspielerInnen von heute hätten das Sprechen verlernt. Ein blasser Schauspieler im Tigerpulli reicht als Gegenbeweis aus. Sie können sprechen, wenn sie wollen. Doch manchmal wollen sie nicht, weil Sprache als Ausdrucksmittel nicht immer ausreicht, oder weil man große Worte einfach schon so oft wiederholt hat, dass sie hohl geworden sind. Es ist nur konsequent, dass dem redseligen Tigerjungen das Wort Humanismus im Halse stecken bleibt.

Was man Leonie Böhms szenischer Interpretation zu Gute halten muss, sie biedert sich nicht an, entscheidet sich gegen den überanstrengten Versuch, dem Stoff Tagesaktualität anzuheften. Dabei wäre es leicht gewesen, Geflüchtete auf die Bühne zu stellen und Humanismus zu proklamieren, mit der Ringparabel zu winken, wie mit dem Zaunpfahl, um auf religiösen Fundamentalismus zu zielen. Doch nicht das Glück oder Unglück der Welt, sondern das des Einzelnen wird in „Nathan Die Weise“ verhandelt. Recha, Curt und Nathan bauen sich ein Haus, leben dort als Patch-Work-Familie und Recha fragt sich, ob sie Curt denn heiraten will und, ob sie es muss, wenn sie es nicht will. Sie demonstriert Mündigkeit durch den Versuch einer Willensentscheidung. Rechas Rache an den Herren der Schöpfung: Sie heiratet sich selbst.

Benedikt Mahler

Hier geht’s zum Interview mit Regisseurin Leonie Böhm!

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