Die Online-Ausgabe der Kulturzeitung der Theaterakademie August Everding

#aufschrei

Was hier auf der Bühne passiert, geht alle was an! Foto: Ute Langkafel/MAIFOTO

Was hier auf der Bühne passiert, geht alle was an! Foto: Ute Langkafel/MAIFOTO

Theaterfestival radikal jung: Suna Gürlers „Stören“ und der Biss in den sauren Adamsapfel. Eine Wutrede

Das Theater begann, als das Stück vorbei war. Ein Mann riss die Bühne an sich, die ihm keiner hätte überlassen dürfen. Mit seiner unfähigen Haltung hat er exemplarisch bewiesen, wie notwendig es ist, über das zu sprechen, was Suna Gürler mit ihrem Ensemble in Stören erarbeitet hat. Es war ein feministischer, mutiger, offen-ehrlicher Appell, vor Sexismus nicht die Augen zu verschließen. Traurigerweise hat dann ausgerechnet dieser Ego- Mann durch seine unqualifizierten Äußerungen dem Abend die Krone aufgesetzt.

Hätte er das nicht getan, stünden hier die üblichen Sätze zum Sinn oder Unsinn performativer Elemente, dem lieblosen Einsatz von Musik, dem fragwürdigen Bühnenbild. Ein beherzter Zweizeiler über die Souveränität der sechs Spielerinnen; eine Aufzählung der überraschenden, enttarnenden, lustigen oder nachdenklichen Momente; schließlich Überflüssiges, was ein 24-jähriger Journalismus-Student zum Thema Feminismus zu sagen hat.

Linksliberal und weltoffen? Pah!

Man irrt sich gewaltig, wenn man glaubt, die sechs Spielerinnen sprächen über ihre alltäglichen Ängste, Herausforderungen und Bedrohungen zu Konvertierten: Schubladendenken, Sexismus und Etikettierung gibt es auch dort, wo sich eine linksliberale, scheinbar weltoffene Masse ausdehnt. Da sitzen Männer mittleren Alters, die sich weigern zu klatschen, während um sie herum Frauen begeistert applaudieren.

Ich habe mich später darüber geärgert, nicht auch aufgestanden zu sein. Und viel zu lange darüber nachgedacht habe, ob die Transgender-Darstellerin nun ein Junge oder ein Mädchen ist. Mir ist bewusst geworden, dass in diesem Raum gerade viele Frauen in ihren eigenen Erfahrungen bestätigt wurden und viele Männer in irgendeiner Form dazu beigetragen haben. Sei es, weil sie mal eine Ex- Freundin bloßgestellt, sich auf im Internet geleakten Nacktbildern von Hollywood-Sternchen einen runter geholt haben oder einfach nur mal breitbeinig in der U-Bahn saßen. Zum Glück ist mann an diesem Abend hinterher schlauer als vorher. Zumindest der, der zu ausreichender Selbstreflexion in der Lage ist. Die anderen machen sich unsichtbar. Und die, die nichts verstanden haben, sind besonders schwer von Mikrofonen fernzuhalten.

Die Arschlöcher sind überall

Die bittere Erkenntnis dieses Abends ist, dass manche Menschen wohl einfach immer in Schubladen denkende, engstirnige Sexisten bleiben werden. Suna Gürler und ihr Dramaturg Maslum Nergiz haben verdeutlicht, dass es absolut notwendig und überhaupt nicht selbstverständlich ist, über Sexismus im Alltag nachzudenken. An solchen Abenden weiß man, warum man ins Theater geht, auch wenn man sich ausgerechnet hier nicht sicher sein kann, ob man neben einem Arschloch sitzt.

Jakob Wihgrab

Hier geht’s zum Interview mit Regisseurin Suna Gürler und der Kritik zur Inszenierung!

Schreibe einen Kommentar

Basic HTML is allowed. Your email address will not be published.

Subscribe to this comment feed via RSS