Die Online-Ausgabe der Kulturzeitung der Theaterakademie August Everding

Hoochie oder Coochie?

Foto: Orpheas Emirzas

DANCE Festival: Unsere Autorin hat sich beim Festival d’Avignon in „Caen Amour“ von Trajal Harrell verliebt. Jetzt kommt das intime Tanzstück nach München

Trajal Harrell verteilt einen Zettel, auf dem die Regeln für die Rezeption seines neuen Stücks „Caen Amour“ stehen. Aria Boumpaki, die inmitten des Publikums „Heartless“ von Kanye West singt, erklärt nocheinmal das Wichtigste: Hoochie vorne, Coochie hinten. Man hat die Freiheit aufzustehen, rumzugehen und sich das Geschehen hinter der Bühne anzusehen.

Im Geschlechterkleid

Trajal Harrell hat für das 70. Theaterfestival d’Avignon ein intimes Tanzstück geschaffen, das nun beim Tanzfestival DANCE in München zu sehen sein wird. Über eine erotische Tanzform, den Hoochie Coochie, der von einer syrischen Tänzerin namens Little Egypt 1893 in Chicago etabliert wurde. Perle Palombe, die wunderschöne Tänzerin, räkelt sich hinter der Bühne, um die offensichtliche und doch versteckte Erotik dieses Tanzes, eben den Coochie, darzustellen. Die beiden Männer – Thibault Lac und Ondrej Vidlar – tanzen vorne den Hoochie. Sie spielen mit Kleidung, Geschlechterrollen, Stereotypen und Klischees. Sie versetzen den Zuschauer in Trance – gebannt und gespannt wartet er darauf, was als Nächstes passieren wird, wenn die Tänzer aufs Neue vom Umziehen zurückkommen.

Ein Mann im Cowboy-Outfit. Das muss ein harter Kerl sein. Oder doch nicht? Harrell, der sich seit Langem und in den meisten seiner Arbeiten mit Genderthemen beschäftigt, hat auch mit „Caen Amour“ ein solches Stück geschaffen, das Fragen stellt und Konventionen auslotet. Die Männer voguen über die Bühne, denn voguen ist geschlechtsübergreifend. Sie posieren mit bedeutungsgeladenen Kleidungsstücken. Denn Kleider machen Leute und definieren Geschlechter.

Verführung des Zuschauers

Männer waren beim Hoochie Coochie die, die zusahen, genossen oder durch die Show geleiteten. Bei Harrell sind sie Akteure. Er thematisiert den männlichen Blick, der ein weibliches Objekt fixiert, genauso wie die orientalisch-erotische Anziehung dieses Tanzes und somit auch einen rassistischen Exotismus. Der Titel „Caen Amour“ nimmt dabei Bezug auf die Sensualität, Sexualität und Verführung des Publikums durch den Hoochie Coochie.

Natalie Broschat

„Caen Amour“ ist im Rahmen des DANCE-Festivals zu sehen. Mehr Infos hier!

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