Die Online-Ausgabe der Kulturzeitung der Theaterakademie August Everding

Bunte Stadt

Ein Wandgemälde von The London Police. Foto: dpa

München und Street-Art passen auf den ersten Blick nicht wirklich zusammen. Ist München doch sauber und Graffiti hauptsächlich mit Vandalismus und dunklen Gestalten am Bahnhof sowie taktlosen Schmierereien auf Autobahnbrücken verbunden. Tatsächlich ist in den 1980er-Jahren die deutsche Street-Art-Szene in München durch das Besprühen von Zügen entstanden. Gesonderte Polizeieinheiten mussten eigens dafür einberufen werden, so umtriebig sind die Künstler damals gewesen. Wirklich viel ist davon nicht übrig geblieben. Die Ausstellung „Magic City“ in der Kleinen Olympiahalle zeigt nun Street-Art in geordneter Form und an einem festen Platz, doch irgendwo muss man ja anfangen mit der Archivierung und Katalogisierung dieser Kunst. Und besser so, als gar nicht.

Die Street-Art ist diejenige Kunst, die am härtesten um Anerkennung kämpfen musste. Doch mittlerweile landen selbst solche Werke für Millionen unter dem Auktionshammer. Allen voran die von Banksy. Der ist in der „Magic City“ ebenfalls vertreten („everybody knows Banksy“), um das gleich vorweg zu nehmen. Jedoch nur am Rande und mit nur zwei kleinen Arbeiten, der „Gangsta Rat“ und der „Love Rat“ (beide von 2004), die eine Galerie für diese Ausstellung herausgab. Die wirklichen Stars sind andere. Mehr als sechzig Künstler wurden angesprochen und haben die Kleine Olympiahalle in ein großes Kunstwerk verwandelt, in eine magische Stadt eben. Um sich zurechtzufinden, bekommt der Besucher einen Stadtplan in die Hand und kann sich auf einen Rundgang durch die Kulturgeschichte der urbanen Straßenkunst begeben.

Als die Graffitibewegung in den späten 1970er-Jahren in New York florierte, war die Fotografin Martha Cooper sofort davon begeistert und fing die ephemeren Kunstwerke mit ihrer Kamera ein. Ihre Fotografien, die den Beginn einer Kunstrichtung dokumentieren, sind ebenso ausgestellt wie die aktuellen Meister der Szene. Darunter die Strick- und Häkelarbeiten der polnisch-amerikanischen Urban-Artist OLEK. Grandios hat sie ein gesamtes Karussell eingestrickt und eingehäkelt, „verwischt immer wieder die Grenzen von Mode, Kunst, Handwerk und Public Art und kombiniert fließend das Skulpturale mit dem Verspielten“, heißt es in der Ausstellung treffend. Ebenso spannend und amüsant sind die dreidimensionalen Arbeiten „Seven Sins“ (2016) von Leon Keer, die im richtigen Winkel, und durch die Handykamera betrachtet, raumfüllende, große Gemälde ergeben, von denen man selbst ein Teil werden kann.

Die Selfie-Kunst ist „ein Bindeglied, um ein breites Publikum für eine Street-Art-Schau zu interessieren“, sagen die Veranstalter. Die haben bereits vor einigen Jahren mit der Ausstellung „Tutanchamun – Sein Grab und die Schätze“ Erfolge gefeiert und sind damit nun auf der ganzen Welt unterwegs, zuletzt in Stockholm. Die „Magic City“ startete in Dresden und wächst und verändert sich ständig und ist nach dem Halt in München auf dem Weg in andere europäische Städte. „Die großen Wanderausstellungen dieser Welt müssen doch immer auf Nummer sicher gehen und handeln daher meist von Gold und Pharaonen, von Pop Art und da Vinci, von Terrakotta-Kriegern und Dinosauriern“, sagt der Veranstalter und Direktor von SC Exhibitions, Christoph Scholz. Der Verlag, in dem der umfangreiche Ausstellungskatalog publiziert wurde, heißt passend dazu „From here to fame Publishing“. Doch die Macher argumentieren von sich aus: „Vereinnahmen wir als Ausstellungsmacher mit ‚Magic City‘ Street Art in illegitimer Weise? In jedem Fall sind wir Chronisten und wir sind Möglichmacher. Wir verstehen unser Projekt als eine Plattform für Künstler und ein weitverzweigtes interdisziplinäres Kreativteam. Natürlich, auch das sei gesagt, wollen und müssen wir als private, nicht subventionierte Ausstellungsmacher Geld verdienen – das wir dann aber auch wieder in neue Projekte investieren.“ Selbst einen eigenen Soundtrack hat diese Ausstellung

Das kann man niemandem übel nehmen, denn es funktioniert und macht Spaß. Die „Magic City“ ist keine bloße Ausstellung, sondern eine Show und als solche quicklebendig. Jeder kann alles anfassen, hier darf man Fotos machen und kann sogar selbst die Spraydose in die Hand nehmen und ein bisschen was vom gefährlich-verbotenen Feeling des Graffitisprayens abbekommen. Allein im Untergrund ist die Bewegung nicht mehr zu finden, sie ist salontauglich geworden. Nur München bleibt lieber ordentlich, sauber und grau. „Städte sollen Spaß machen!“, sagt der Kurator und Kunstkritiker Carlo McCormick.

Deswegen ist die „Magic City“ teilweise ein riesiger Spielplatz und hypnotisierend, wie die lebendigen Straßen-Gemälde, GIF-itis genannt, des Künstlers INSA. Er malte etwas auf eine Wand oder einen Gegenstand, fotografierte es und malte daraufhin eine neue Szene darüber und fotografierte diese wieder. So verändert sich beispielsweise die Hülle eines Autos in rasantem Tempo oder ein Schädel tanzt auf einer bunt bemalten Häuserwand umher. In der „Magic City“ sind diese kurzen GIF-itis zu sehen, auf kleinen Screens. Dazu ist die Street-Art bereits fähig, sie hat sich digitalisiert, da sie nicht nur Störbild, sondern auch Abbild unserer Gesellschaft und aktuellen künstlerischen Strömungen ist. Vor allem aber kann sie durch die Unscheinbarkeit, Schnelligkeit und Anonymität politisch sein. Das mag nicht jeder Street-Art-Künstler, doch die, die es machen, hauen richtig drauf. Banksy ist da noch harmlos, wenn man sich im Vergleich das Künstlerduo Faith47 & Imraan Christian ansieht, die die Jugendaufstände in Südafrika mit ihren Fotoarbeiten kommentieren. Das können sie, weil sie mittendrin waren.

Beim Rundgang durch diese magische Stadt stellt man schnell fest, dass man die Ausstellung auch fast wie eine Anleitung für den Umgang mit der Street-Art außerhalb der geschützten Mauern im Olympiapark lesen kann. „Guck überall hin, nimm alles wahr, denn in jeder Ecke, an jedem Mülleimer kann Kunst, kann eine Botschaft versteckt sein.“ So ist es auch; sobald man diese magische Stadt verlässt, sobald man eintaucht, in die saubere und ordentliche Welt da draußen, nimmt man die kleinen Kunstwerke wahr, die politisch motivierten Aufkleber, oder die Wandmurals, die die Stadt verschönern. Und verschönern ist das ausschlaggebende Wort, denn nicht jeder Murks an der Wand ist Street-Art. Eine Schmiererei lässt sich schnell von wirklichem Handwerk unterscheiden. Und davon kann es in München gerne mehr geben. Kahle Wände gibt es genug, talentierte Künstler bestimmt auch.

Natalie Broschat

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