Die Online-Ausgabe der Kulturzeitung der Theaterakademie August Everding

Hollywood in Europa

Neue Erfahrungen in Europa

Zehn Minuten der nur 45 Minuten dauernden Aufführung von „TOYS: Un sombre conte des Fées“ verbringt die Schauspielerin Tünde Skovrán damit, nackte Babypuppen auf dem Boden einer ehemaligen Kapelle in Avignon anzuordnen. Kurz zuvor hat sie gedroht, sich, ihre Schauspielkollegin Júlia Ubrankovics und uns mit einer Handgranate in die Luft zu sprengen – die Erinnerung an den Terroranschlag von Nizza, der während des letztjährigen Festivals nur eine kurze Autofahrt entfernt geschah, liegt noch in der Luft.

 

Cult: Wie kommt es, dass Ihr euer Stück hier beim Off-Festival in Avignon präsentiert?

Tünde Skovrán: Wir sind aus Los Angeles. Wir haben dieses Stück in Hollywood 2015 inszeniert und wurden vom Direktor des Théâtre des Halles, Alain Timár, nach Avignon eingeladen. Wir sind die einzigen Theaterschaffenden aus Amerika hier, was uns sehr freut.

Was ist eure Erfahrung bis jetzt mit dem Festival? Ist es das erste Mal für euch?

Tünde Skovrán: Ich war vor fünf Jahren schon einmal hier, mit einer Theaterproduktion aus Rumänien. Die Erfahrung dieses Jahr ist ähnlich zu der vor fünf Jahren. Es ist ein cooles, hippes, internationales Festival. Allerdings macht es schon einen Unterschied, wenn man von Amerika mit seiner eigenen Produktion hierher kommt. Dieses Mal sind wir eine sehr viel kleinere Gruppe. Wir müssen sehr effizient und selbstorganisiert arbeiten.

Was bedeutet diese selbstorganisierte Effizienz konkret?

Júlia Ubrankovics: Wir müssen uns um alle Aspekte selbst kümmern. Das fängt beim Marketing an und geht über das Auf- und Abbauen der Bühne, den Kontakt mit der Presse, das Verwalten unseres gesamten Equipments bis hin zu der Organisation hier vor Ort mit den anderen Künstlern und Verantwortlichen. Wir beiden haben dieses Stück produziert und wir sind auch die einzigen beiden Schauspieler. Darüber hinaus ist nur noch unsere Autorin Saviana Stanescu aus New York dabei, unser Bühnenmanager und jemand, der uns mit den französischen Untertiteln hilft. Alles andere machen wir.

Wie wirkt Kapelle im Théâtre des Halles als Aufführungsort auf das Stück ein?

Júlia Ubrankovics: Wir mussten das Setting ein wenig verändern, weil wir hier keinen Raum hinter der Rückwand haben oder Seitenabhänge. Aber es ist etwas sehr Besonderes, das Stück an einem so historischen Ort aufzuführen, der einer Kirche sehr nahe kommt. Unser Stück ist ein Traum in einem Traum in einem Traum. Die Figur wacht auf in einem Raum, von dem wir nicht wissen, ob es ihr Apartment ist oder ein Krankenhaus. Aber es ist ein traumhafter Ort. Und das Setting hier verstärkt dieses Gefühl.

Tünde Skovrán: Wir haben das Stück schon einige Mal angepasst, weil wir damit auf verschiedenen internationalen Theaterfestivals zum Beispiel in Ungarn und Rumänien eingeladen waren.

Júlia Ubrankovics: Ursprünglich ist es neutral konzipiert worden, mit weißem Boden und Rückwand und schwarzen Seiten.

Hat dieser Ort auch Einfluss auf die Bedeutung des Stücks?

Júlia Ubrankovics: Das Stück wurde im November 2015 zum ersten Mal aufgeführt, und während seiner Laufzeit ereigneten sich die Terroranschläge in Paris und Beirut. Das hatte natürlich sowohl Auswirkungen auf uns als auch auf das Stück. Und es jetzt hier in Europa zu zeigen, in Frankreich, ist etwas Besonderes für uns. Gestern war ein Freund von mir aus Paris bei der Aufführung dabei und sein erster Satz danach war: „Ihr habt ein sehr politisches Stück gemacht.“ Hier in Frankreich ist das Bewusstsein für das Thema Terror besonders geschärft.

Tünde Skovrán: Und tatsächlich bekommen viele Sätzen aus dem Stück hier in Frankreich eine weitere Konnotation. Wenn wir über Frieden, Liebe oder Terror reden, gewinnt es mehr an Gewicht und hat einen größeren Bezug zur Realität. Und auch auf mich als Schauspielerin hat diese Umgebung einen Einfluss. Wenn ich über diese Themen rede, könnte ich anfangen zu weinen, einfach weil ich die Bedeutsamkeit für das Publikum spüre und auch seine Angst und Trauer.

Júlia Ubrankovics: Für mich ist es ein sehr wichtiges Stück. Ich weiß, dass es sehr europäisch inszeniert ist. Der Regisseur ist aus Rumänien, hat aber auch in San Diego gearbeitet. Trotzdem ist die Geschichte sehr amerikanisch. Deswegen spielen viele Einflüsse in das Stück hinein. Und wir freuen uns darauf, wie es sich in den nächsten drei Wochen weiterentwickelt.

Was war Euer erster Eindruck, als Ihr hier nach Avignon und in diese Kapelle gekommen seid?

Júlia Ubrankovics: Das hier ist ein so heiliger Ort. Die Kapelle und das Theaterstück beeinflussen sich gegenseitig. Dadurch hat sich noch eine weitere Ebene eröffnet, mit der wir nicht gerechnet haben.

Tünde Skovrán: Im Stück sage ich den Satz: „Ich bin wie Madonna in einer italienischen Kirche. Ich bin nicht christlich, aber ich mag meinen christlichen Namen.“ Dieser Ort war einmal eine christliche Kirche. Es schwingt immer noch eine Art Heiligkeit mit, auch wenn hier jetzt Theater gespielt wird. Und auf der anderen Seite ist Theater unsere Art von Tempel. Also wird diese Kirche zum Theater und das Theater zur Kirche. Das ist eine sehr besondere Erfahrung, die mehr Freude und Gewicht hinzufügt.

Júlia Ubrankovics: Und Avignon selbst ist ein so historischer Ort. Jede Ecke atmet Kultur und jeder hier ist am Theater und an Kultur interessiert. Ich hatte große Angst davor, durch die Straßen gehen zu müssen und Leute mit Flyern anzusprechen und dazu bekommen zu wollen, dass sie zu unserem Stück kommen. Das macht man in den Staaten einfach nicht. Da lächelt man und gibt jedem seine Privatsphäre und seinen eigenen Raum. Hier ist das anders. Jeder, den man anspricht, ist wirklich interessiert und man kommt sofort ins Gespräch.

Interview Philipp Bovermann und Tatjana Michel

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