Die Online-Ausgabe der Kulturzeitung der Theaterakademie August Everding

Menschliche Randbezirke

Was sehen wir am Menschen im Zwielicht? In den Schattenregionen der Deals und unausgesprochenen Begierden? In seinem Text „In der Einsamkeit der Baumwollfelder“ geht Bernard-Marie Koltès diesen Fragen nach, und die Zuschauer finden einen Menschen vor, der sich nach Vertrauen sehnt und doch längst nicht mehr vertrauen kann. Das Stück, 1986 geschrieben, scheint heute brisanter denn je. Doch der französische Regisseur und Intendant des Théâtre des Halles, Alain Timár, der es im Rahmen des Off-Theaterfestivals in Avignon auf die Bühne gebracht hat, verzichtet bei seiner Interpretation überraschenderweise auf einen konkreten Fingerzeig.

Timár inszeniert „In der Einsamkeit der Baumwollfelder“ als Jazz-Nummer. In einer Mauernische am hinteren Bühnenrand sitzt der Schlagzeuger Pierre-Jules Billon und rhythmisiert – ähnlich zu dem Film „Birdman“ – das beständige, gegenseitige Umkreisen und Belauern der beiden Protagonisten. Die Musik wirkt dabei wie eine Schwerkraft, die die rechte Balance im planetaren Spiel der beiden Antagonisten zu garantieren hat. Weder sollen sie kollidieren, noch zu weit auseinandertriften. Diese Schwerkraft verweist auf die Gesetzmäßigkeiten des Marktes, wobei die Jazz-Rhythmen die darin vorherrschende Einheit aus Chaos und Struktur wiederspiegeln. In diesem Kraftfeld also bewegen sich zwei Menschen, die Koltès in seinem Stück in eine Art kapitalistischen Naturzustand wirft, was meint, dass er die Grundform zwischenmenschlicher Kommunikation aus dem Verhältnis Dealer und Kunde heraus denkt.

Ein Hinterhof bildet die Szene, eine finstere Ecke zwischen versifften Klinkerwänden mit blinden Fabrikfenstern. Trockenes Laub liegt an jenem gottverlassenen Ort, eine alte Sitzbank aus einem Kleinbus mit aufgerissenen Polstern steht als Requisite am Bühnenrand. Doch der Schein darf nicht trügen. Es gibt weder Graffitis noch Heroinspritzen, Scherben oder Müll. Timár beschwört die konkrete Atmosphäre des Banlieus nur, um sie sofort zu ästhetisieren. Selbst die eingeschlagene Scheibe am Bühnenende wirkt nicht wie das Resultat von Vandalismus, sondern evoziert eher das Bild eines Schlüssellochs, das einen Blick in den menschlichen Seelenraum gewähren soll. Timár stilisiert die Idee eines Nichtortes, und spätestens jetzt ist klar, dass er sich weniger für eine zeitgenössische Aktualisierung des Stoffes interessiert als für einen philosophischen Diskurs. Seine Inszenierung folgt dabei eher der manierierten Form des Textes, als sie zu interpretieren. Statt konkreter Anspielungen, wie es sie in unserer politischen Gegenwart zuhauf gäbe, entscheidet er sich für ein scheinbar naturalistisches Setting, das sich auf dem zweiten Blick jedoch als abstrakte Chiffre entpuppt.

In diesem Kraftfeld beginnen Kunde und Dealer gleich zweier Solisten ihr von Begierde und Misstrauen geleitetes Call-and-Response-Spiel. Sie werfen sich ihre Positionen wie virtuose Jazzlicks zu, greifen die Motive ihres Gegenübers auf und variieren sie. Das alles beherrschende Thema: das Wesen des Deals. „Die einzige Grenze, die es gibt, ist die zwischen Käufer und Verkäufer, doch sie ist schwankend, denn beide besitzen den Wunsch und den Gegenstand des Wunsches“. Doch ein Deal ist keine klassische Transaktion, er vollzieht sich außerhalb eines gesetzlich geregelten Tauschhandels, sein Gegenstand ist ein verbotener, der Akt selbst ein Wagnis. Koltès interessierte sich für den Deal, weil sich darin der Mensch in Reinform zeigt, außerhalb einer gesellschaftlichen Norm.  Der Deal ist für den Autor also nur Anlass, in den menschlichen Randbezirken zum Menschen selbst zurückzufinden und der Clou des Stückes dabei ist, dass es eben zu gar keinem Deal kommt. In fast schon Beckett‘scher Manier erfährt der Zuschauer nie, womit hier eigentlich gedealt werden soll, sondern nur, wie dieses Dealen den Menschen eigentlich betrifft. Wie er sich außerhalb des Justiziellen dennoch weiterhin als ökonomisches Subjekt verhält.

Koltès Text selbst gibt Anlass genug für eine derartige Herangehensweise, sofern er ein abstraktes, mitunter stark manieriertes Gespräch über das Wesen des Deals ist. Er gleicht in Form und Sprache eher einem Platonischen Dialog denn einer realen Deal-Situation. Und wie bei Platon nimmt das Gespräch dann eben seinen Ausgang für die entsprechende Exkursion durch die Seele an einem ganz spezifisch gewählten Ort. Timár überträgt dieses Prinzip der Intellektualisierung, also dieses Vexierspiels zwischen Naturalismus und Abstraktion, auch auf  seine Schauspieler: der Kunde natürlich ein abgehalfterter Bankkaufmann. Anzug von der Stange, klobige Brille, abgenutzte Ledertasche. Der Verkäufer das Klischee von einem Dealer, Wollmütze, schlecht rasiert, abgenutzte Kleidung. Aus diesen Klischees schälen sich die beiden dann ab der Mitte des Inszenierung, sie legen ihre Kleidung ab und verputzen ihre blanken Gesichter und Oberkörper mit Mörtel. Kunde und Dealer zementieren ihre Verhältnis, ringen um eine Form von Vertrauen. Doch aus dem Gravitationsfeld des Deals, aus der Logik, selbst aus dem Eros des Marktes lässt sich keine Liebe ableiten. „Es gibt keine Liebe“, konstatiert der Kunde gegen Ende ernüchtert. Es gibt nur einen Handel oder den Griff zur Waffe.

Alain Timárs Verzicht, dieses Sujet in einen konkreten Bezug zur Welt zu setzen, gibt dem platonischen Charakter, dem rastlosen Ergründen des Textes nach der menschlichen Seele viel Raum. Über weite Strecken gelingt es dieser, unermüdlich vom Trommeln des Schlagzeugs befeuerten Wechselrede, die Volte ins Philosophische zu vollziehen, ohne dabei zu affektiert zu wirken. Dies liegt vor allem an dem grandiosen Spiel der beiden Darsteller Robert Bouvier und Paul Camus. Sie vermeiden es, dem pathetischen Duktus des Textes nachzugeben und ringen der abstrakten Rede jeden nur möglichen Aspekt einer konkreten Situation ab. Nur so wird Timárs Intention, mit den beiden Figuren eine Art Rückreise in einen Rousseau‘schen Naturzustand unter kapitalistischen Vorzeichen, also in einen Raum ohne legales Eigentum, sondern nur die Kontingenz des Besitzens und Tauschens, zu gestatten. Dennoch ist es das Gekünstelte, das dieser philosophischen Tendenz der Inszenierung entspringt, auch dessen Kernproblem. Der abstrakte Diskurs verstellt den Blick auf die eigentlich brennende Relevanz des Themas, verspielt die Chance, wirklich auf den Tisch zu hauen zu Gunsten eines sehr stilvollen Ziergesprächs. So verlässt man den klinkerroten Theaterraum am Ende wie man heute die Jazzclubs verlässt, nicht im Innersten bewegt, sondern höchstens auf eine bildungsbürgerliche Art und Weise angeregt.

Maximilian Sippenauer

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