Die Online-Ausgabe der Kulturzeitung der Theaterakademie August Everding

Stadt aus Pappe

Foto: Stefan Fischer

Bei der schier unübersichtlichen Anzahl der Aufführungen, die man sich während des Theaterfestivals in Avignon anschauen könnte, vor allem im Off-, aber auch im In-Festival, wundert es wenig, dass die gesamte Stadt mit Plakaten tapeziert ist. Jeder Tag ist auch ein Kampf um die Gunst der Besucher und jede Produktion ist in erster Linie selbst für die Eigenwerbung zuständig. So ziehen die Schauspieler, Regisseure und Dramaturgen durch die Gassen, verteilen Flyer und tackern die Stadt mit Plakaten zu. Jede halbwegs brauchbare Wand, jedes Fenstergitter und jedes Geländer müssen als Plakathalterung herhalten.

Da steht auch mal jemand auf einer Laterne, um einen als unerreichbar scheinenden Platz doch noch zu behängen, und bräche er sich dabei das Genick, so wäre er für die Kunst gestorben.
Mit Kunst haben die meisten dieser Plakate allerdings wenig zu tun. Sie beeindrucken durch Masse. Sie funktionieren als Mosaik. Ein Meer aus Plakaten, in dem das Einzelne verschwimmt.

Foto: Jakob Wihgrab

Foto: Jakob Wihgrab

Nimmt man eines heraus, endet das schnell mit einem Kopfschütteln. Die meisten der bunten Plakate erinnern an Revuenummern oder Kabarettabende. Die Darsteller posieren dabei debil lächelnd vor einer kitschigen Kulisse. Das erinnert mehr an Europas Musical-Hauptstadt Hamburg als an ernst zu nehmendes Theater.

Beliebt sind auch Szenenfotos. Das ist gängig und nicht weiter schlimm, kann unter Umständen sogar ansprechend sein, allerdings nicht, wenn die Szene um- und entstellt ist von den miesesten Schriftarten, die Microsoft Word zu bieten hat.

Auch beliebt und ebenso verachtenswert: auf teuer gemachte Hochglanzplakate, die eher an Filmposter erinnern. So gesehen zum Beispiel beim Off-Stück „Le Misantrophe“ von Molière – ein metallgrauer Himmel spiegelt sich im eisblauen Pool. Dahinter eine offensichtlich reingeshoppte Luxusvilla. Ein reich aussehender Mann klettert aus dem Pool und schmunzelt diebisch in die Ferne. Eine Frau liegt in Jesus-Pose (Arme ausgebreitet, Füße über Kreuz) neben ihm im Wasser. Im Hintergrund bekommt ein anderes Paar einen Drink vom Butler serviert, der aussieht, als hätte man eben schnell den örtlichen Gärtner vor die Kamera gezerrt. Man muss sich wundern: Liegt diese Trash-Ästhetik im Trend oder ist einfach nur kein Geld da für einen guten Designer? Oder beides? Noch vor wenigen Jahren gab es einen Wettbewerb, bei dem das schönste Plakat vom Publikum gewählt werden konnte, einen Anreiz, den die Stadt und das Festival Avignon sicherlich wieder vertragen könnte.

Foto: Jakob Wihgrab

Foto: Jakob Wihgrab

Einige wenige Ausnahmen gibt es natürlich gelegentlich. Zum Beispiel das abstrakte Plakat des Théâtre des Doms, mit dem dieses per QR-Code für das hauseigene Festivalprogramm wirbt. Doch bleiben solche Beispiele Ausnahmen, denn erspäht jemand zwischen all dem Schund mal ein Kunstwerk, dann reißt er es ab und nimmt es mit nach Hause.

Jakob Wihgrab

Schreibe einen Kommentar

Basic HTML is allowed. Your email address will not be published.

Subscribe to this comment feed via RSS