Die Online-Ausgabe der Kulturzeitung der Theaterakademie August Everding

Marilyn Monroe und die Mutter aller Mimiken

Foto: Fabienne Rappeneau

Auf See, vor Gericht und im Off-Theater sind wir alle in Gottes Hand. Man weiß nie, was man kriegt und ob der Kartenabreißer versuchen wird, einem das Portemonnaie zu klauen. Alles fühlt sich vollständig off an, as off as it gets: Wir sind irgendwo in die Peripherie gelatscht und stehen nun, auf das Stück „Fragments“ wartend, neben dem Archipel Théâtre und der Stadtmauer von Avignon. Dabei stellt sich ein fast magischer, unglaublicher Bierdurst ein – es gibt aber nur Wasser, Kaffee, eine Toilette und vorgreifende Schweißausbrüche angesichts des zu bespielenden Backofens, aus dem gerade verhaltenes Klatschen dringt.

Das Festival Off d’Avignon ist gewaltig, ein durch die ganze Stadt wabernder und metastasierender Organismus. Truppen von überall aus der Welt drücken einem auf der Straße Flyer in die Hand, singen und spielen was vor – von Männerchören mit lustigen Hüten, die ebenso gut Junggesellenabschiede sein könnten, bis zu sauber gesungenen Partikeln aus der „Hochzeit des Figaro“ ist alles dabei. Da es in Frankreich anders als in Deutschland keine Stadttheater gibt, an denen man auch auf mittlerem Niveau Theater machen und davon leben kann, ist die freie Szene hier ungleich komplexer. Sie reicht vom Ziehharmonika-Clochard bis an die Türen des Papst-Palasts. In Avignon habe ich verstanden, dass sie um einen Gesichtsausdruck herum gebaut ist, den man überall auf der Welt erleben kann: Das internationale Off-Gesicht.

Der Applaus im Archipel ebbt ab, die Türen gehen auf, wir hinein. Drinnen steht eine Frau auf der Bühne. Ob sie noch in dem Alter ist, in dem sie das feministische Bedürfnis verspürt, sich zu Kafka-Texten auszuziehen und zu geißeln, wie so viele Theaterwissenschafts-Studentinnen auf den freien Bühnen dieser Welt? Ihr weißes Leinenkleidchen sieht zumindest schon mal so aus, als würde man es sehr schnell aufgeschnürt bekommen. Weitere Off-Indizien: Es gibt kein Bühnenbild, dafür vollgeschriebenes Papier auf dem nackten Dielenboden, und zwei Musiker. Ein Gitarrist mit schönen Schuhen, der optische Höhepunkt des Abends, etwas weiter hinten ein völlig nutzloser Keyboarder, der aber bestimmt gut im Bett ist, deshalb darf er da jetzt sitzen, solange er nur nicht einpennt, wenn die Schauspielerin ihr Off-Gesicht anschaltet.

Es ist eine Art gespenstisches Zentralrequisit auf leerer Bühne. Gespenstisch deshalb, weil es höchst merkwürdig ist, dass es als Konstante überhaupt existiert. Eigentlich hat man im Off-Theater mannigfaltige Ideen, aber oft auch wenig Talent, und so kommt es, dass ein und dasselbe Gesicht immer und immer wieder den süßen Theaterschmerz vorformuliert, der eigentlich Weltschmerz ist, und den die Aufführung idealerweise im Zuschauer und nicht im Schauspieler erwecken sollte. Weil für den Zuschauer so aber nichts mehr übrig bleibt, geht er gewissermaßen selbst ins Off: Er schläft ein.

Die ersten beiden Reihen pennen weg wie auf Kommando, als die Schauspielerin ansetzt, die traurige und von vielen Maladaisen geprägte Lebensgeschichte der Marilyn Monroe vorzutragen. „Poèmes, écrits intimes, lettres“ verspricht der Untertitel des Stücks, der Gitarrist zupft hin und wieder brav was dazu, seine Schuhe sind wirklich toll. Leidensgenuss ist der Kern des Off-Gesichts. Hach, scheint es zu sagen, das Leben ist wahrlich kein Ponyhof. Jetzt steh ich hier im Scheinwerferlicht, ich armer Tor, und bin klüger als wie zuvor und kann nur noch milde lächeln, aber ich teile meinen Schmerz mit euch, ich habe ein Gesicht daraus geschmiedet, das die Güte versiegelt, meine Güte für euch, die ihr mich anschauen dürft. „Sure I am the greatest star, see my face on the posters…“ Sie haucht das so dahin, schmiegt sich lasziv an ihr Elend, denn es geht mit ihr zu Ende, eine halbe Stunde ist schon um, und mittlerweile ist völlig unklar, ob sie sich noch ausziehen wird.

Reflektiertes Leiden ergibt im Off-Gesicht das Paradoxon eines tragikomischen Gesichtsausdrucks. Reale Menschen mit realen Gefühlen würden ihn niemals haben, denn üblicherweise ist man höchst selten zugleich todtraurig und selig, außer vielleicht, wenn man gerade im Theater sitzt. Es ist das schauspielerische Gegenstück zur Allegorie, weil es eigentlich gar nichts Bestimmtes meint und immer passt. Man könnte es auf Taufen und Beerdigungen tragen, ein festlicher Anlass sollte es allerdings schon sein. Beim Burger King passt es nicht, da hat man Hunger und die Vergeistigung verfliegt. Im Theater hingegen weist dieses befrackte Festgesicht den Weg in die Abstraktion. Es entgleitet nicht, es gleitet vor sich hin – der Zuschauer rutscht daran ab, direkt ins Reich der Träume, wo es wiederkehrt, ihn verfolgt und mit traurigen Blicken aufweckt. Im Off-Gesicht steckt nämlich immer auch ein latenter Vorwurf, ein Quäntchen passive Aggression: Wie jetzt, ich stehe hier monatelang in diesem stickigen Drecksloch und erkläre dem Gitarristen, wann er zupfen soll, und dann kommst du Nichtsversteher hier in MEIN STÜCK und pennst einfach ein?

Aber was soll man machen? Im Theater wie auch sonst im Leben gilt, dass man hinterher immer schlauer ist, und mit ein bisschen Glück hat man dabei auch noch eine Mütze Schlaf abbekommen. Und dann geht man raus in die Nacht, wo die Grillen zirpen, atmet tief durch und sagt: Off … geschafft!

Philipp Bovermann

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