Die Online-Ausgabe der Kulturzeitung der Theaterakademie August Everding

Der Sonnenkönig strahlt

Foto: Christophe Raynaud de Lage / Festival d’Avignon

Ein historischer Moment: Die Ära des Frank Castrof an der Berliner Volksbühne ist zu Ende. Die letzte Aufführung findet statt beim Festival d’Avignon, wo Castorf und sein Ensemble mit „Die Kabale der Scheinheiligen“ zu Gast sind. Die letzte Castorf-Saison in Berlin ist zu Ende, nun noch dieser Epilog in der Provence. Frank Castorf war hier schon oft zu Gast, beim Festival d’Avignon. Zuerst als Zuschauerschreck. Aber auch hier ist es ihm gelungen, sich eine Fangemeinschaft zu erspielen. Und diese Menschen sind da, um noch ein letztes Mal die Castorf-Volksbühne zu sehen und ihrem Idol zu huldigen. Ein magischer Theaterabend. Von dem wir auf Castorf’sche Weise erzählen wollen: mäandernd, assotiativ, womöglich auch brachial. Einer Aufführung, die aus vielen Partikeln besteht, mit einigen Gedanken-und Assotiations-Partikeln zu begegnen.

 

Der Staat bin ich

Das Gegenstück zum maladen Molière, dem sein Theater weggenommen werden soll, ist der König, der ihm die Gunst entzieht. Georg Friedrich spielt ihn, als eingebildeten Krankmacher. So einen Typen muss Sigmund Freud vor Augen gehabt haben, als er einmal zu tief an seiner Zigarre sog und sich den Todestrieb ausdachte – einen Wiener.

Das ganze Stück über salamandert er auf Liegemöbeln, wechselwarm sich im eigenen, königlichen Glanze suhlend. Ein hingelümmeltes Wienerisch arbeitet sich aus dem bleichen Pudergesicht hervor, die Augen zusammengekniffen, als wäre das alles nur schwer zu ertragen ohne ein paar Cuba Libre von Rainer Werner Fassbinder – jeder seiner Sätze ist ein Schlusssatz. „Die Angelegenheit ist für mich erleeeedigt“, wiederholt er immer wieder, als der Kardinal den aus seiner Sicht religions- und kardinalszersetzenden Herrn Molière bei ihm anschwärzt. Viele Stunden später wird er dem Kardinal ins Ohr beißen, denn dieses königliche Gespenst lebt und ist bissig. Ein bisschen so wie ein guter Castorf-Abend.

Der Sonnenkönig fläzt während all des Bühnenradaus sichtbar oder unsichtbar auf einer Chaiselongue im Hintergrund und feilt sich die imaginären Fingernägel, um dann irgendwann den Daumen über dem Dichter zu senken. Er verkörpert jenen Erbfeind des Theaters, dem Castorf in so vielen Anläufen mutig getrotzt hat: der Langeweile. Er wird ihn auch mit „Die Kabale der Scheinheiligen“ zum Schluss nicht besiegt haben, so wie der Prophet den Teufel nicht loswird.

Seine Leistung ist eine andere: Der Stückezertrümmerer hat diesem Dämon mit Georg Friedrich eine Gestalt gegeben. Ausgerechnet an ihm gewinnt das Theater an diesem Abend seine andächtigsten Momente. Es lebt und kann sterben, weil auch das Leben Theater ist – es kreist hofstaatartig um einen gepuderten Wiener. Wenn der scheidende Intendant seines ostberliner Wanderzirkus beim Schlussapplaus den Schädel senkt, stand er zuvor in doppelter Gestalt auf der Bühne: Als Dichter mit eingebildeten Krankheiten und als finsterer Sonnenkönig.

Philipp Bovermann

 

Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?

Foto: Christophe Raynaud de Lage / Festival d'Avignon

Foto: Christophe Raynaud de Lage / Festival d’Avignon

Es ist eine Armada aus Schwarzgekleideten, die dort von links durch den riesigen Hallenraum schreitet. Eingespielt bewegen sie sich auf die drei Aufbauten und die Videowand zu. Jeder Handgriff sitzt. Es gleicht einer Choreografie, wie die Bühnenarbeiter bei dieser letzten Inszenierung ihren Platz einnehmen. Die Rampe einfahren, die kleinere Kopie des Theaterwagens hochkurbeln, die Fenster zuklappen. Dann kann der Raum der Messehalle nutzend rangiert werden, bis Theaterwagen und Zelte sich im Kreis weitergedreht und ihren Platz getauscht haben.

Es ist eine Inszenierung für sich, diesen Scharen an Arbeitern zuzusehen. Nicht nur wie sie die Bühne umbauen, sondern wie sie die gesamten fünfeinhalb Stunden begleiten. Die Vorhänge herunterlassen, Licht und Nebel zuspielen, die französischen Untertitel aussetzen, wenn der Cast improvisiert. Die wahre technische Herausforderung, die diese Aufführung jedoch fordert, verbindet das Theater mit dem Film. Denn die Bespielung der ausladenden Bühne und der Innenräume von Zelten und Wagen wollen an den Zuschauer und auf die Videowand gebracht werden. Dafür werden die Schauspieler fast ununterbrochen von einem, mitunter zwei Kameramännern inklusive weiteren Tonträger begleitet. Sie rennen, wenn die Schauspieler rennen. Sie klettern, wenn die Darsteller eines der drei Bühnenobjekte erklimmen. Sie bücken, drehen, hocken, verrenken sich, um Molière und Louis XIV in angemessener Manier auf die Leinwand übertragen zu können und sie besonders zu inszenieren. Und erst durch ihre Kunst, durch das Einfangen von Blicken, Mimiken und Details das Spiel eines Alexander Scheers, Georg Friedrichs oder Jean-Damien Barbins in Gänze erfahrbar zu machen, geht man aus dieser Aufführung mit dem Gefühl, bei etwas Großem dabei gewesen zu sein.

Tatjana Michel

 

Die Stimme verschwindet

Castorf_RoisEin kraftloses Röcheln. Mehr ist da nicht. Sophie Rois steht allein auf leerer Fläche, hinter ihr der riesige Vorhang, vor ihr viele hundert Zuschauerkörper, die sich nach vorne neigen. Denn sie spricht. Die letzten Worte des letzten Volksbühnen-Castorfs. Ein Abschiedsgruß an Molière. Doch man hört nichts. Nach fünf Vorstellungen in sechs Tagen verliert Sophie Rois ihre Stimme auf der Bühne. Was zu Beginn des Abends noch vertraut rauchig klingt, ist sechs Stunden später nur noch frisch gepresste Luft. Die Erschöpfung fordert ihren Tribut, ein unauffälliger Bühnentechniker folgt Sophie Rois mit der Tonangel, fischt auch noch das leiseste Geräusch von ihren Lippen. Sie rennt im Kreis. Er rennt im Kreis. Magnetisch schwebt die Tonangel über ihr, verfolgt sie ins Himmelbett, dicht gefolgt vom leichtfüßig tänzelnden Techniker.

Dann ist die Szene vorbei und Sophie Rois hüpft in den Bühnenhintergrund, immer noch bei ihr: Tonangel und Tontechniker, das Klackern ihrer Schritte und der schwere Atem. Auftritt zu Ende, Sophie Rois stoppt irgendwo ganz hinten, verstummt. Und plötzlich hört man ein geflüstertes „Danke dir“, sieht sie den Techniker umarmen, ein Küsschen geben – und davonrauschen. Dass die Tonangel noch an war, merkt sie nicht. Sie in der finalen Szene nochmal zu Hilfe nehmen, möchte sie nicht. Mutig ist das und ein wahnsinnig starker Theatermoment: Wie sie da einsam steht und ihren Monolog spricht, wie sich ihre Lippen bewegen und sich kein Ton in den Zuschauerraum retten kann. Ihre Stimme versiegt. Dann hebt sich der Vorhang zum letzten Applaus.

Britta Schönhütl

 

Atemlos

Foto: Christophe Raynaud de Lage / Festival d'Avignon

Foto: Christophe Raynaud de Lage / Festival d’Avignon

Castorf ist Sprachgewalt. Castorf ist atemlos. Das hat nichts mit Helene Fischer zu tun, sondern mit dem Gewaltakt, den die Schauspieler stemmen: Trotz körperlicher Höchstbelastung darf der Atem die Sprache nicht verdrängen. Die Mischung aus körperlichem und sprachlichem Witz macht „Die Kabale der Scheinheiligen. Das Leben des Herrn de Molière“ wohl selbst für Menschen zugänglich, die kein Deutsch sprechen. Beim Festival d’Avignon springen die Franzosen beim Schlussapplaus euphorisch auf, lachen aber am lautesten bei den gestreuten französischsprachigen Parts der Schauspieler Jean-Damien Barbin und Jeanne Balibar, die hier, anders als in der Volksbühne, nicht übertitelt werden.

Irgendwie ist die Sprache dann also doch ein Hindernis: Während eine Reihe deutscher Studenten praktisch abbricht vor Lachen, sind die Franzosen die meiste Zeit damit beschäftigt, die Übertitel zu lesen. Man fragt sich, wie sie vom körperlichen Witz dann überhaupt etwas mitbekommen und eine solche Begeisterung aufbringen können. Immerhin ist die Bühne in der riesigen Halle deutlich größer als in Berlin und die Schauspieler nutzen sie natürlich komplett aus. Die Übertitel werden oben und an beiden Seiten angezeigt und es gibt enorm viel zu Lesen. Da wird es schwierig, das turbulente Geschehen zu verfolgen. Hinzu kommen der herrliche Rededuktus eines Georg Friedrich, Dialekte und die außergewöhnliche Betonung, die für einen Nicht-Muttersprachler wohl nicht unbedingt zu Belustigung führen.

Aber offensichtlich funktioniert Castorf trotzdem, die meisten Zuschauer halten die knapp sechs Stunden durch. Vielleicht liegt es an der französischen Thematik. Vielleicht wirken die französischsprachigen Parts aber auch so gut, dass das viele Deutsch verziehen wird. Vielleicht ist es aber auch einfach das gemeinsame Abarbeiten am Text, das Zuschauer und Schauspieler bei Castorf immer eint. Bei Nicht-Muttersprachlern könnte dieser Effekt sogar noch stärker sein. Wie die überfordernde Körperlichkeit und die spezielle Sprechart, quält und beglückt der Text zugleich. Bei Castorf ist es so, dass sich die Schauspieler wohl gerne mal kurz hinsetzen und gemütlich lesen würden. Die Zuschauer dagegen können kaum auf ihren Stühlen bleiben.

Maike Müller

 

A E I O U

Foto: Christophe Raynaud de Lage / Festival d'Avignon

Foto: Christophe Raynaud de Lage / Festival d’Avignon

Die Öffnung des Mundes bildet eine kleine Rundung, die dem Schriftzeichen O sehr ähnlich ist. Lasziv durchstößt ein siegelberingter Wurstfinger eine kreisrunde Locke, die in vierfacher Gestalt die Schläfen eines Kardinals ziert. Dem Wurstfingerbesitzer wird Buchstabenkunde gelehrt:  A, E, I, O, I, O, I, O, – wunderbar! I, O, I, O. – Vokale! Wie herrlich ist es, wenn man etwas weiß!

Seine Zunge – unverschämt eigenlebend – verlässt die Mundhöhle und nähert sich reptiliengleich dem Ohr des Kardinals. Schnapp. Schnapp. Als ob sie in hoffnungsvoller Erwartung in seinen Gehörgang gleiten will. Sie will.

Den Konsonanten D erzeugt man, indem man die Zungenspitze hinter den oberen Zähnen an den Gaumen presst und dann loslässt: „DA“. Beim Vokal I dagegen werden die beiden Kiefer nah aufeinander zubewegt, während man gleichzeitig die beiden Mundwinkel zu den Ohren hinzieht. Iiiiiiiiiii. Es funktioniert! Der Sonnenkönig strahlt.

Und das R: Beim R pressen wir die Zungenspitze gegen den Gaumen. Anstrengend. Aber der Mühen wert. Vor der kräftig herausströmenden Luft gibt sie nach, bleibt aber in derselben Lage, und so entsteht eine Art Vibration: R, R, RRA.

„Was habe ich alles versäumt! RRRRRRA“ Der Sonnenkönig und das Alphabet. Eine liaison d’amour.

Benedikt Mahler

 

Spreu und Weizen

Foto: Christophe Raynaud de Lage / Festival d'Avignon

Foto: Christophe Raynaud de Lage / Festival d’Avignon

Der französische Fußballer und selbst ernannte Philosoph Eric Cantona wurde nebst seinem feldherrenklugen Passspiel vor allem dadurch berühmt, dass er einem Manchester-United-Fan, der einmal zu deutlich seinen Unmut über Cantonas Performance Kund tat, schlichtweg per Karatesprung den Arsch versohlte. Denn ein Eric Cantona, so Cantona, das ist nicht irgendein überbezahlter Gladiator, der den Pöbel zu unterhalten hat; das ist ein Künstler. Man muss dieses Pathos nun nicht unbedingt gutheißen und dennoch durchbrach Cantona die fixe Trennung zwischen aktivem Darsteller und passivem Zuschauer. Fußball ist nicht Kino, Fußball ist Theater.

Ähnlich verfährt Castorf in seinen Stücken. Für ihn ist ­ frei nach Beuys­ Kunst nicht dazu da, ein System zu dekorieren; vielmehr ist Theater der Ort, an dem noch buchstäblich alles aufs Spiel gesetzt wird. Selbst der Zuschauer. Castorf-Inszenierungen sind bekanntlich kein Zuckerschlecken. Sechs Stunden Schreien, Spucken, Keifen, in einer 1970er-Jahre Weichplastiksitzschale, bei 38 Grad Außentemperatur und überlasteter Klimaanlage. Das willst du nicht unbedingt mit französischen Übertiteln sehen. Und so ist es gewissermaßen nachvollziehbar, dass gut ein Fünftel des französischen Publikums nach rund einer dreiviertel Stunde Gnadenfrist das Weite sucht.

Und natürlich ist dieses Fliehen für ein Castorf-Stück ein Geschenk. Zunächst veralbert Alexander Scheer die Deserteure mit kleinen Sottisen. Dann greift der französische Darsteller Jean-Damian Barbin zu drastischeren Mitteln. Gerade in Rage geredet, über die Scheinwerfer ins Publikum gestiegen, lauthals brüllend, kommt ihm einer der letzten Ausreißer die Tribünentreppe entgegen gestiegen. Da packt er ihn am Schlafittchen, schüttelt ihn kräftig durch und schreit ihm ins Gesicht: „Tu reste ici“ – „Du bleibst hier!“ Der junge Mann ist irritiert, kurz versucht selbst die Faust zu zücken, darf dann aber nach einer dreiminütigen Tirade doch das Haus verlassen. Er ist der Letzte, der geht.

Max Sippenauer

 

Der letzte Vorhang

„Stehen wir auf?“ – „Ja?“ – „Los wir stehen auf!“ –  „Nicht das die Franzosen noch buhen.“ Als wir uns in der Pause besprochen haben, ob man aufstehen müsse, um den in den Stühlen wie in ihren Köpfen gleichermaßen knarzenden Franzosen das Klatschverhalten zu diktieren, konnten wir nicht ahnen, dass wir am Ende von Frank Castorfs „Die Kabale der Scheinheiligen“ nicht einmal die ersten sein würden, die aus der Sitzschale sprangen. Sophie Reus rasselte mit letztem Atem den Schlussmonolog – ihre Stimme saß bereits schnaufend und fiepend bei Rosé und drei Schachteln Gitanes in der Garderobe –, wir hörten nichts, verfluchten noch einmal die französischen Übertitel und dann fiel der letzte Vorhang. Nicht nur war dies das Ende der fünften und letzten (fast sechsstündigen) Aufführung – das sind 30 Stunden Theater in sechs Tagen, das sind 1 ¼ Tage von sechs Tagen, in denen man auf der Bühne steht, nein, es war auch der letzte Vorhang für Frank Castorf als Leiter der Berliner Volksbühne. Wie einen Hund würde man ihn im August vom Hofe jagen.

Dafür wirkte er fast schon beseelt bei diesem letzten Mal, schoss Selfies mit Fans aus der ersten Reihe und lies sich auch die ein oder andere Verbeugung nicht nehmen. Die paar wenigen Holzköpfe, die nach Einsetzen des Applauses den Saal, quatsch, den Koloss von einem Raum, dieses überdachte Kolosseum verlassen wollten, blieben schnell in der fünfzehn-minütigen Standing Ovation stecken oder merkten selbst, dass sie hier wohl Teil eines historischen Theatermomentes wurden. Sichtlich gerührt drehten Ensemble, Regisseur, Kameraleute, Tonmänner und Bühnenarbeiter ihre Verbeugungsrunden. Sie alle waren erschöpft, glücklich und traurig zu gleich, wie nach einer durchzechten Nacht, an dessen Ende der Sonnenaufgang die aufgekratzten Wunden schließt, doch gleichzeitig die Gewissheit bringt, dass der neue Tag geprägt ist von einer wabernden Ungewissheit.

Jakob Wihgrab

 

Spieglein, Spieglein

Am Ende, als alles vorbei ist, aber das Publikum will, dass es immer noch weiter geht, indem es einfach nicht aufhört zu klatschen und zu johlen – da muss Frank Castorf dann doch auf die Bühne. Er möchte nicht, aber die Zuschauer ziehen ihn mit ihrer Zuneigung nach vorne, und seine grandiosen, ermatteten Schauspieler schieben ihn zusätzlich. Da steht er dann, unangenehm berührt und auf die Chance lauernd, schnell wieder zu verschwinden in der Kulisse.

Er hat seinen Auftritt schließlich schon gehabt während der knapp sechsstündigen und faszinierend kurzweiligen Aufführung von „Die Kabale der Scheinheiligen“. Er ist es in dieser Szene nicht selbst, der dort in einem Sessel fläzt; Alexander Scheer spielt ihn. Und doch ist Frank Castorf ganz unverstellt zu sehen, jedenfalls stellt man sich das als Zuschauer, der man ihn nicht persönlich kennt, derart vor. So sind die besten Momente in diesem Theaterkosmos seit jeher: bei aller Theatralität von einer monströsen Wahrhaftigkeit. Die Szene ist ein Kondensat des Castorf’schen Theaters: witzig, brillant gespielt, maximal selbstironisch, kraftstrotzend (wenn hier auch auf eine eher stille Art), fordernd gegenüber allen Beteiligten. Sie setzt ein komplexes Assoziationsspiel in Gang. Es geht in dieser Inszenierung um Machtstrukturen in kulturellen Kontexten, und es geht um Scheinheiligkeiten. Der Regisseur, der sich selbst darstellen lässt, das ist natürlich eine bombastische Eitelkeit, die Alexander Scheer allerdings massiv unterläuft durch die herablassende Schnoddrigkeit, die er Castorf beimisst – und die man ihn in jedem Fall zutraut. Die selbstironische Brechung hebt in diesem Fall die Realität nicht auf. Der ausgestellte Machtmissbrauch, er findet sicherlich auch bei und durch Castorf statt. Als Alexander Scheer ein paar Szenen später den Paten aus Coppolas Film spielt, hat man noch nicht vergessen, dass er zuvor Castorf war. Und so bringt man beide Figuren unweigerlich zusammen.

Frank Castorf überfordert das Publikum, manchmal stürzt derlei viel auf einen ein, dass man begraben wird unter der Flut an Bildern, Thesen, Anspielungen und nur noch wenig versteht. Oft jedoch stehen die Dinge sehr klar in ihrer Komplexität vor einem, jedenfalls erscheinen sie einem so im Augenblick des Betrachtens. Diese Momente zu erschaffen, ist Frank Castorfs große Kunst. Und wenn er dafür selbst auf die Bühne kommen muss. Auf seine Weise natürlich: als Spiegelung, als Reflektion.

Stefan Fischer

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