Die Online-Ausgabe der Kulturzeitung der Theaterakademie August Everding

Die Babypuppenkiller

Shari verteilt Babypuppen auf der Bühne. Die junge Frau aus einem unbekannten Land legt mit ihnen fein säuberlich Muster um eine gefesselte blonde Frau. Dann flennt es aus Lautsprechern. Shari rennt von einer vermeintlich schreienden Babypuppe zur nächsten, spielt Puppentheater mit ihren Händen (die linke Hand ist die Mutter, die rechte der Vater) und reißt ihnen, mal mit der Mutter-, mal mit der Vaterhand, die Köpfe ab. Die Puppen landen gebrochen auf den Boden und werden schließlich in einen Kasten vor der Bühne gekehrt. Es raucht aus dem Sarg, in dem tote Babypuppen landen. Das Muster ist zerstört, das Spielzeug auch.

„Toys: Un sombre conte de fées“ – ein dunkles Märchen – ist das Spiel zweier Frauen. Shari kommt aus einem fiktiven Land, das für alle Länder steht, in denen Krieg und Terror herrschen. Sie hat sich durchgesetzt, einem Journalisten etwas erzählt, das stark war. Was genau das war, ist unwichtig. Wichtig ist nur: „Frauen sind wie Granaten. Sie müssen explodieren!“ Nun ist Shari in New York bei Clara, die bald heiratet und fasziniert von ihrem Mut ist.

Auch auf Clara lastet ein gewisser Druck: Ihre Mutter ist sehr involviert in die Hochzeitsplanung. Zu Beginn des Stücks spricht sie auf den Anrufbeantworter, regelmäßig blinkt das Faxgerät, um an sie zu erinnern und Szene von Szene abzugrenzen. Mit diesen Luxusproblemen kann Shari nichts anfangen, schließlich sind ihre Probleme existentieller Natur. Sie hantiert plötzlich mit einer Handgranate, Clara findet sich gefangen und umringt von Babypuppen. Es stellt sich heraus: Clara heißt eigentlich Fatma und ist Sharis Schwester, die in ihrer Kindheit nach Amerika kam. Shari versteht nicht, warum sie nicht für ihr Heimatland kämpfen will. Es scheint ausweglos.

Doch dann macht die Inszenierung eine Kehrtwende. Die beiden Schauspielerinnen Tünde Skovrán und Júlia Ubrankovics zeigen plötzlich eine kindliche Spiellust und ihre Charaktere finden sich, wie die Schauspielerinnen, im Theaterspiel. Der Wendepunkt sind die Babypuppen. Sie sind ein einfaches, doch sehr treffendes Symbol. Die Frau, das Spielzeug der Männer, zerstört Spielzeug. Die Frau, die Mutter, tötet Kinder. Die Frau, die Friedliche, wird gewalttätig und macht Terror. Sind die alten Vorstellungen überwunden, könnten ganz neue Spiele entwickelt werden. Stattdessen in „Toys“: Hochzeitskleid aus Plastiktüten basteln. Oder Ehemann mit Luftpumpe aufblasen.

Viel Luft um nichts: Alte Werte wurden zwar zerdeppert und der Terror abgeschafft, dadurch, dass Shari beschließt, in New York zu bleiben und ein friedliches Leben zu führen, am Ende ist das Spiel doch den üblichen Bildern verhaftet. Der Regisseur Gábor Tompa schafft mit „Toys“ ein kurzweiliges Stück, das in der Chapelle des Théâtre des Halles in Avignon mit seiner Albernheit den spannenden Raum nicht vollkommen ausnutzt. Dennoch: Mitten in dieser Kapelle lässt es sich besser heiraten als in dem Theater in Los Angeles, in dem die Inszenierung ihre Uraufführung hatte. Und geheiratet wird am Ende, oder zumindest das Hochzeitsfoto geschossen.

Auch wenn auf besagtem Foto zwei Bräute lächeln und der aufgeblasene Ehemann in ihrer Mitte lediglich heiße Luft ist, weil es um die Verschwesterung geht, bleibt er in „Toys“ doch unentbehrlich. Das Ritual wird verändert, aber nicht abgeschafft. Man hätte sich gewünscht, dass die neuen Spielzeuge der beiden Frauen etwas kreativer wären – tatsächlich etwas Neues –, nicht lediglich eine Parodie. Aber am Ende bleiben die alten Werte, der Terror und die Benachteiligung der Frau bestehen. Man kann das lediglich überspielen.

Maike Müller

Schreibe einen Kommentar

Basic HTML is allowed. Your email address will not be published.

Subscribe to this comment feed via RSS