Die Online-Ausgabe der Kulturzeitung der Theaterakademie August Everding

Gemeinsam einsam

Szene aus „Sans Repères“. Foto: Christophe Raynaud de Lage / Festival d’Avignon

Es ist ein Spiel von Macht und Unterwerfung, Annäherung und Wegstoßen, Nehmen und Anbieten. Eine Frau und ein Mann umtänzeln sich selbst und den anderen. Mal verführerisch. Mal aggressiv. Hier werden gelernte Erwartungsmuster durchbrochen. Der klassischen anfänglichen Dominanz und Überlegenheit des Mannes stellt sich eine Frau entgegen, die sich sowohl unterwirft als auch unterwerfen möchte. Um an sie herankommen zu können, muss der Mann ebenso willig sein, verschiedene Rollen einzunehmen. Und trotzdem ist ein Erfolg nicht zwangsläufig.

Das Umwerben in „Tichèlbè“ findet Ausdruck in einem körperbetonten Tanzen. Es sind harte, ruckhafte Bewegungen. Immer wieder lassen sich die beiden fallen. Schlagen auf den Boden auf. Die Musik ist auf minimalistische, repetitive Klänge reduziert. Manchmal fehlt sie ganz und nur das Klatschen der Körperteile aufeinander unterlegt den Tanz. Auch die Anziehung und Abstoßung der beiden spielgelt sich in ihren Bewegungen und Körpern. Synchronizität ist gleichermaßen ein Ausdruck ihrer Beziehung wie deren Fehlen. Verführende Bewegungen miteinander kippen in angriffslustige Posen, die jeder für sich vollzieht.

Es ist sowohl der Beginn des Kennenlernens zwischen zwei Menschen, das abgebildet wird, als auch die Ambiguität verschiedener Charakterzüge und Wünsche jedes Einzelnen, die Eingang in eine jede Beziehung finden.

Wo sich „Tichèlbè“ an diesen Abend auf das Verhältnis zweier Personen konzentriert, erweitert „Sans Repères“ das Miteinander in einer weiteren Darbietung auf ein Kollektiv.

Im Gegenlicht eines Schweinwerfers tanzt eine Frau in bodenlangem Kleid und Hexenhut. Aus dem Dunkel heraus tauchen nach und nach drei weitere auf. Sie sind eine Gemeinschaft, eine Einheit, ein Organismus. Sie bewegen sich gleichförmig. Ihre Zusammengehörigkeit spiegelt sich in ihren Bewegungen. Perfekt auf einander abgestimmt ziehen sie den Zuschauer in ihren Bann und lassen ihn Teil ihrer Welt werden. Ihre langen Gewänder und Hüte wippen zu mit Babygeschrei unterlegter Musik und sakralen Klängen. Es ist Musik, die einen nervös und unruhig werden lässt, die allerdings auch ein Zusammengehörigkeitsgefühl erschafft. Sie hat etwas Ursprüngliches, der Ursprung, der den Frauen gemein ist. Doch nachdem die Tänzerinnen ihre langen Gewänder und Hüte ablegen, zerrinnt die Zusammengehörigkeit langsam. Jede ist für sich, entblößt, verstört. Der Tanz wird auf sich selbst fokussiert. Zerstörerisch. Wütend. Verletzend. Ohne die Gemeinschaft und Traditionen gerät die Welt der Frauen aus den Fugen.

Ähnlich entkoppelt verhalten sich die drei Männer im dritten Stück „Figninto – The pierced Eye“. Sie stehen, leben, tanzen für sich und sind deswegen unfähig, eine Freundschaft oder Beziehung aufzubauen. Ein jeder kreist um sich selbst; die Fähigkeit, sich auf den anderen einzulassen, ihn zu erkennen und etwas von sich selbst Preis zu geben, ist abhandengekommen. Selbst im Beisammensein schaffen man es nicht mehr, echte Kommunikation entstehen zu lassen. Die Blicke sind abgewandt, auf sich selbst gerichtet oder gleich durch über den Kopf gezogene Shirts verdeckt. Man kann und will den anderen nicht so sehen, wie er wirklich ist, und die Zeit, sich auf jemanden aufrichtig einzulassen, hat man schon lange nicht mehr.

Es sind drei Arten, zwischenmenschliche Beziehungen darzustellen. Alleinstehend und doch einen Ton treffend, fügen sich die Choreografien zu einem Abbild modernen Beisammenseins zusammen. Und lassen den Zuschauer mit der Erkenntnis zurück, dass Bewegungen manchmal die bessere Sprache sind, wenn Kommunikation scheitert.

Tatjana Michel

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