Die Online-Ausgabe der Kulturzeitung der Theaterakademie August Everding

Schwarze Roben, wenig drunter

Foto: Christophe Raynaud de Lage / Festival d’Avignon

Es gibt Aufführungen, die will man gut finden, aber es geht einfach nicht. „Standing in time“, aufgeführt im Innenhof eines Lyzeums (Cour du Lycée St. Joseph), gehört nicht zu dieser Kategorie. Man hat ganz andere Bedürfnisse: Aufstehen, zum Beispiel, und etwas Lustiges machen, schlafen und von etwas Hübschem träumen, ins Theater gehen wäre auch eine tolle Idee, aber es geht nicht, man sitzt fest auf dieser metallenen Sitzreihen-Konstruktion, unten schreiten Frauen in schwarzen Roben über die Bühne, heben Steine an und lassen sie wieder fallen, hin und wieder schreien sie herum – man möchte einstimmen.

Das Ganze vollzieht sich in weihevoller Langsamkeit und unterlegt von einem bedeutsamen Bassdröhnen, denn wir sind Teil einer Art Weiblichkeits-Ritual. Maori-Frauen, offenbar echte, singen Maori-Gesänge, die der Zuschauer nicht versteht, aber das macht auch nichts, findet das Programmheft, denn schließlich gehe es vielmehr um den „Zugang zur Reinheit der Sprache und zu den Gefühlen, die Geräusche transportieren, anstatt um die unvollständige, der arbiträren Natur der Worte inhärente Bedeutung“. Gemeint ist vermutlich, dass die Unvollständigkeit der Arbitrarität der Sprache inhärent ist, und nicht, dass die unvollständige Bedeutung der Arbitrarität inhärent ist, aber wir sollen ja nicht kleinlich und unvollständig sein, nicht verstehen und zergliedern, sondern am Klang der Worte schwelgen – ahnend verlassen wir also den geschichtlichen Raum und betreten die archetypische Ebene: Blut tropft dort auf einen nackten Frauenleib, eine der Damen tanzt mit einem großen Schraubenschlüssel herum, Beine werden gespreizt zu Empfängnis oder Geburt. Alles in allem eine Art feministischer Romeo Castelluci mit Ethno-Schlagsahne.

Es erinnert an eines dieser New Age-Rituale, bei denen Desperate Housewives im Griff der Midlife Crisis um geweihte Steine tanzen und sich mit Menstruationsblut übergießen, um die weibliche Urkraft in sich zu erwecken. Warum sämtliche der Messdienerinnen ihre Verrichtungen ausführen, als klemmte da irgendwo die Slow-Motion-Taste, hat vermutlich auch irgendwas mit Weiblichkeit zu tun – oder vielleicht ist der Raum des Archetypischen halt einfach ein bisschen langsam, gemessen an der modernen Welt, in der wir blöden, ungeduldigen Zuschauer zu sitzen die Frechheit haben. Mit moderner Weiblichkeit hat das alles jedenfalls nicht das Geringste zu tun. Auch nicht mit eher spielerischen, flexiblen und offenen Weiblichkeitskonstruktionen jenseits der mythologischen Verkitschung von Geburt und Frauenrudel. Ausnahmsweise ist hier mal die Gegenprobe erlaubt, sich zu fragen, wie offensichtlich peinlich und verfehlt so eine Weihrauchdusche für geschlechtliche Urkräfte wäre, wenn die Männlichkeit sie erhielte.

Ein nettes Wort hat allerdings das Bühnenbild verdient. Zentral über der Spielfläche befindet sich eine Reihe starker, zum Publikum gerichteter LED-Strahler, die ganz langsam in die Höhe fahren und so geschickt Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit innerhalb des Aufführungsraums regulieren. Ihren stärksten Moment allerdings haben sie ganz zum Schluss: Als sie auf Nimmerwiedersehen ausgehen.

Philipp Bovermann

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