Die Online-Ausgabe der Kulturzeitung der Theaterakademie August Everding

Theater für die Ewigkeit

Ausdruck der Unzerstörbarkeit von Theater. Foto: Christophe Raynaud de Lage / Festival d’Avignon

Selten sind sich Zuschauer und Schauspieler näher als im Moment eines Texthängers, dann also, wenn der Schauspieler auf der Bühne seinen Text vergisst. Es ist ein magischer Moment der Entzauberung auf beiden Seiten, der das Spiel als Spiel entlarvt und die imaginierte Welt im Kopf des Zuschauers aus den Fugen geraten lässt. Für diese Grenzsituation zwischen Spiel und Nicht-Spiel hat das Theater den Souffleur erfunden. Er gehört nicht zur Bühne, nicht zum Spiel und doch vermag nur er es aus seiner Schattenwelt heraus, der zum Stillstand geratenen Welt einen belebenden Atem einzuhauchen. Aus dem Schatten und hinein ins Licht holt Tiago Rodrigues, Regisseur und Intendant des Nationaltheaters in Lissabon, die Souffleuse seines Hauses und lässt sie in „Sopro – Atem“ ihre Geschichte erzählen.

Das Leben der Souffleuse Cristina Vidal ist ein Leben für die Erinnerung und gegen das Vergessen. Wenn im Theater der letzte Vorhang fiele, eine letzte Geschichte auserzählt wäre und das Gebäude zur Ruine würde, bliebe alles erhalten in ihrer Erinnerung. Fast ihr ganzes Leben hat sie im Theater verbracht, tausend Tode sterben, tausend Tränen fließen und tausend Liebende sich küssen sehen. Besser gesagt hat sie sie gehört und gelesen, denn die meiste Zeit waren ihre Augen auf den Text gerichtet. Ironischerweise geht es den meisten Zuschauern an diesem Abend im Cloître des Carmes in Avignon genauso. Des Portugiesischen ohnmächtig, hängen ihre Augen meist an den französischen Übertitel und nicht am Bühnengeschehen.

Wenn Cristina Vidal zu Beginn die Bühne betritt, mit einem schwarzen Textbuch in der Hand, tut sie das, was sie immer tut. Sie spielt nicht, auch heute nicht. Fünf Schauspieler tun das für sie. Jedes einzelne Wort legt sie ihnen auf die Zunge. Die Doppelungen, Verdrei- und Vervielfachungen, die dadurch entstehen, sind absonderlich komisch: Eine Souffleuse souffliert da etwa einer Schauspielerin, die eine Souffleuse spielt, die einem Schauspieler, der einen Schauspieler spielt, souffliert. Eine Flüsterpost, die in Echtzeit illustriert, wie aus Text Sprache wird und aus Sprache eine Welt.

Das Theater hat über Jahrhunderte hinweg viele Sprachen und Ausdrucksformen erfunden, weiterentwickelt und wieder verworfen. Am Anfang war das Wort, doch auch davon haben sich Theatermacher mal mehr, mal weniger erfolgreich über die Epochen lösen können. Postdramatik und Performancekunst leben vom Moment der Zufälligkeit und dem Reiz des ungewissen Ausgangs, nicht von der akkuraten Darbietung eines einstudierten Aufführungstextes. Wo Sprache keine Priorität mehr ist, verliert auch der Souffleur an Bedeutung. Mitte der 1960er-Jahre verschwanden in vielen Schauspielhäusern die Soufflierkästen an den Bühnenrampen. Wenn es heute noch Souffleure gibt, sitzen sie im Publikum oder als kleiner elektronischer Einsager im Ohr des Schauspielers. Der Souffleur ist eine vom Aussterben bedrohte Spezies. Auch das erzählt Christina Vidals Lebensgeschichte.

Sopro-10-©-Christophe-Raynaud-de-Lage-765x510Das Theater als Ruine, darin die Souffleuse als Archivar der Erinnerung wandelt, ist eine Allegorie in „Sopro“. Nicht im Sinne eines anachronistischen Abgesangs, sondern als Ausdruck der Unzerstörbarkeit. Selbst wenn die Materialität verginge, in den Köpfen der Menschen, die das Theater lieben, bleibt der Geist lebendig. In „Sopro“ wird erzählt, dass der Regisseur im Stück eigentlich eine Ruine als Bühnenbild vorgesehen hatte. Aus dem Geldmangel heraus pflasterte man den Bühnenboden mit Holzpaletten, die noch im Lager standen. Der Geist der großen Illusion braucht keine wirkliche Materialität, nur Bretter, die jede erdenkliche Welt bedeuten können. Ein Ort für große Illusionen.

Dort spielen sich Szenen ab, die Cristina Vidal so oder so ähnlich am Theater erlebt hat.  Alles, was sie in den vielen Jahren soufflierte, hat sie beflissentlich notiert. Wortefetzen etwa von Sophokles, Shakespeare und Moliere, die aneinandergereiht eine Spielzeit von 18 Minuten und 23 Sekunden ergäben. Redezeit, die sich Cristina Vidal nicht genommen und die ihr keiner gegeben hat, sondern Impuls, der das Herz der Illusion wieder zum Schlagen brachte.

Kein Schauspieler möchte auf die Hilfe des Einsagers angewiesen sein. Doch ist der Souffleur die letzte Rettung aus einer ausweglosen Situation des Vergessens. Die Beziehung zwischen Souffleur und Schauspieler ist darum eine besonders innige. Wie sehr das Ensemble des Teatro Nacional D. Maria II seine Cristina Vidal schätzt und liebt, zeigt sich an diesem Abend auf ganz wundersame Weise. Es ist bereits nach Mitternacht und seit wenigen Minuten Cristina Vidals Geburtstag, als Regisseur Tiago Rodrigues den Schlussapplaus unterbricht, um ihr gemeinsam mit den Schauspielern und 500 Zuschauern im Cloître des Carmes ein Ständchen zu singen. Die Tränen, die Cristina Vidal dann über die Wange rollen, sind echt.

Benedikt Mahler

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