Die Online-Ausgabe der Kulturzeitung der Theaterakademie August Everding

Das Licht der Dunkelheit

Angela Winkler bei den Aufnahmen zu „Nacht“
Foto: DLR / Sandro Most

„Die Dunkelheit besitzt ihr eigenes Licht“, schreibt Etel Adnan in ihrem Buch Nacht. Manche Tiere könnten es besser sehen als wir Menschen. Aber das liege womöglich nur daran, so die arabisch-amerikanische Schriftstellerin, dass wir uns zu sehr daran gewöhnt haben, bei Tag zu leben. „Mein Gefühl ist, dass wir das Mysterium der Nacht verloren haben“, klagt sie – und taucht mit ihrem Text tief ein in ein samtenes Dunkel, das ihr ein wohliges Gefühl beschert und sie eben nicht ängstigt, anders als bei so vielen Menschen, die die Nacht fürchten. Was aber keineswegs bedeutet, dass die 92-jährige Grand Dame der arabischen Literatur, die in Kalifornien und Beirut lebt, in Nacht nicht auch an die Kanten von Abgründen herantritt.

Giuseppe Maio hat diesen mäandernden Text, der in viele einzelne Gedankensplitter zerfällt und doch eine Einheit bildet, nun als Hörspiel inszeniert. In der Fantasie der Hörer, in den Bildern, die in ihren Köpfen entstehen, bekommt das von Etel Adnan proklamierte eigene Licht der Nacht noch einmal einen helleren Glanz. Adnan selbst ist zu hören, mit ihrer rauen, leisen Stimme, die ein merkwürdiges Englisch artikuliert, das nicht immer leicht zu verstehen ist. „Wir brechen auf, wohin auch immer uns Geschichte führt“, heißt es an einer Stelle. Man ist von dieser Vagheit und Rätselhaftigkeit nicht genervt, es macht vielmehr erstaunlich viel Spaß, sich darauf einzulassen, aus den vernuschelten Lauten einen Sinn herauszuhören und damit als Hörer gewissermaßen selbst Licht ins Dunkel bringen zu müssen.

Als Führer durch die Nacht steht einem Angela Winkler zur Seite, die mit großer Klarheit die Gedanken sortiert über viele kleine und einige ganz große Themen wie vor allem den Glauben und die Sphäre des Göttlichen sowie die Kraft der Erinnerung. Ulrike Haage hat zu den beiden sehr unterschiedlichen Stimmen eine dezente, dennoch spannungsreiche Musik komponiert.

Etel Adnan spricht in Nacht sehr viel darüber, wie Realität entsteht, wie man zu Gewissheiten gelangt. In der Dunkelheit der Nacht sehen die Dinge aber eben notwendigerweise anders aus als bei Tage. Diese Skepsis ist das Thema von Nacht, beziehungsweise eine hellsichtige Überzeugung, Dinge auch anders wahrnehmen zu können, als sei auf den ersten Blick erscheinen.

Stefan Fischer

Nacht, Deutschlandradio Kultur, 6. August 2017, 18.30 Uhr.

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