Der Film zum Buch

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Michael Sommer ist des Schülers letzter Joker vor der Deutsch-Klausur. Lehrer pimpen ihren Unterricht mit seinen Videos. Theaterwissenschaftler hingegen heben den Zeigefinger und klagen über Werkuntreue. Ein Besuch in Michael Sommers Küche, wo literarische Figuren wie Dorian Gray, Candide oder Johanna von Orléans ganz neue Gesichter bekommen. Was „Sommers Weltliteratur to go“ eine Nominierung für den Grimme Online Award eingebracht hat.

Von Carolin Werthmann

Von Carolin Werthmann

Carolin Werthmann

Mit der Haarbürste als Mikro sang und tanzte ich mit acht vor dem Spiegel zu Disney’s Tarzan oder Pocahontas. Heute sehe und höre ich lieber anderen dabei zu, wie sie singen, tanzen oder Geschichten erzählen – und schreibe darüber. Ob diese Geschichten nun auf Bühnen, hinter Buchdeckeln oder auf der Leinwand warten: in allen Fällen machen sie etwas mit mir, berühren mich immer, belustigen mich oft, ärgern mich manchmal. Diese Gefühle möchte ich vermitteln, möchte zu einem Diskurs beitragen. Ein Diskurs initiiert von Kultur.

Michael Sommer – Anfang vierzig, krauses Haar, Brille – spielt lieber Playmobil als Lego. Auf seinem Küchentisch findet sich eine beachtliche Ansammlung an Figuren, im Studierzimmer reihen sich Gandalf und Frodo an die Nibelungen-Sage. Unter dem Regal liegt die Bulldogge Watson im Körbchen und wacht über das Werkzeug seines Herren. Sommer hat sie alle. Übergewichtige, Bärtige, Brillenschlangen, Rothaarige. Trotzdem: Hin und wieder sucht er Zuwachs und Ergänzung auf eBay oder in den Pasinger Arcaden. Neben H&M und Asia-Food gibt es in der Mall im Münchner Westen auch einen Playmobil-Laden. Mamis und Papis kaufen Geburtstagsgeschenke für die Kinder oder die Kinder selbst schmeißen ihr Taschengeld auf den Tresen und verlassen den Shop mit einer Packung „Playmobil City Life“. Aber auch Michael Sommer durchstöbert die Regale nach neuen Protagonisten. Bedeutende Charaktere der Weltliteratur sollen sie repräsentieren, Oscar Wildes Gespenst von Canterville zum Beispiel … oder Schillers Karl Moor, Goethes Werther, Fontanes Effie, Karl Mays Winnetou. „Sexy, schweigsam, schuppenfrei“, wie Sommer sagt, während er eine rothäutige Figur vor die Kameralinse hält. Winnetou ist die 248. Episode seiner Literaturadaptionen, Sommer dreht sie an diesem kalten Montagmorgen und wird sie wenige Stunden später auf YouTube präsentieren.

 „Sommers Weltliteratur to Go“ ist der Kanal, der seit drei Jahren Schülern das Deutsch-Abi sichert und Lehrern kreativen Inhalt für öde Unterrichtsstunden liefert. Sommer erzählt in zehn Minuten, wofür Mann, Tolstoi und Proust Hunderte Seiten brauchten. Klassiker der Literaturgeschichte, gewitzt, vereinfacht und spielerisch zugänglich gemacht mit Playmobil-Figuren. Vor selbstgebauten Kulissen – gedruckte Fotos von Landschaften, Wirtshaus-Interieurs und herrschaftlichen Anwesen – inszeniert er seine Figuren für die Kamera. Die einzige Spur von Sommer selbst im Bild sind seine Finger, mit denen er die Figuren bewegt. Eloquent aus dem Off spricht er die Handlung der Geschichte, er ist Erzähler und Akteur zugleich. Die lockere Sprache trifft den Geschmack der jungen Zuschauer: „Wir haben das Video im Unterricht angeguckt und unsere Lehrerin hat das übelst gefeiert xD“, „witzig und informativ! Bock mein Lehrer zu werden? Ich spendier dir auch die Playmobil-Figuren :D“.

Knapp 50.000 Abonnenten folgen Sommer auf YouTube, sein „Faust to Go“ liegt bei mehr als 407.000 Aufrufen. „Ich möchte mit meinen Videos einen ersten Eindruck von einer Geschichte geben, der Lust auf mehr macht. Ich versuche, die wesentlichen Punkte der Handlung zusammenzufassen, mit Plastik, klaren Bildern und billigen Witzchen“, erklärt Sommer. Er sitzt am Set seiner Videos, eine Küche mit dunkler Holzvertäfelung, recht hässlich, wie er selbst findet. Old Shatterhand und die Büffel stehen auf dem Tisch, vor wenigen Minuten wurde abgedreht. Daily Business für Sommer, der eigentlich Dramaturg ist und lange Zeit am Theater Ulm arbeitete. Eines Abends verlangte die bevorstehende Inszenierung von „Dantons Tod“, erklärt zu werden. Bei einer Einführungssoirée kam das Playmobil-Ensemble, damals noch in rudimentärer Ausstattung, das erste Mal zum Einsatz. Entstanden war ein Video, dessen Zugriffszahlen Sommer motivierten, in Serie zu produzieren.

Inzwischen findet sich von Shakespeare bis Harry Potter eine große Bandbreite an Literatur, die er einerseits selbst auserwählt hat, andererseits von Zuschauer oder Reclam vorgeschlagen wurden. Zwischen Sommer und dem Reclam-Verlag besteht seit zwei Jahren eine Kooperation. Das große Geld mache er mit seinem Kanal jedoch nicht, beteuert Sommer. Enthusiasmus sei es vor allem, der das Projekt trage – und der persönliche Vorteil, die eigenen Bildungslücken zu schließen. Trotz Literaturstudiums in Freiburg und Oxford liest Sommer viele der Werke, die er vorstellt, zum ersten Mal.

Als Jugendlicher wollte er eigentlich Schauspieler werden. Aus gutem Grund, meint er, lehnten die Schauspielschulen ihn jedoch ab. Im Studium war er trotzdem öfter auf der Bühne als im Vorlesungssaal. Also wurde er Regieassistent am Theater Ulm. Dort stellte er aber fest, dass er eigentlich besser mit Worten arbeiten kann als visuell. Dann also Dramaturg. „Bei meinem YouTube-Projekt steht ja auch die Sprache im Vordergrund. Die Playmobil-Figuren sind nur ein Köder, damit die Leute zuhören.“ Glaubt er. In Wahrheit ist es ein Zusammenspiel aus beidem, Sprache und Spiel. Beides ist lustig, beides höchst ironisch. Eine Persiflage und Hommage zugleich. Denn trotz flapsiger Sprache, gelegentlichem Jugendjargon und dem Hang zum Lächerlichen bleibt Michael Sommer dem Kern des Werkes treu und schafft es, die Handlung, wie gestrafft sie auch sein mag, getreu zusammenzufassen und zugänglich zu machen. „Wie an jeder Schule gibt es in Hogwarts auch Arschloch-Lehrer“, sagt Sommer und setzt Playmobil-Harry mit Blitznarbe in den nachgebauten Hogwarts-Express. „Wen Effie Briest echt mag, ist der Apotheker, weil der schenkt ihr immer Zeitungsausschnitte und Pralinen.“

„Die Buddenbrooks“, „Herr der Ringe“, „Anna Karenina“ – alles keine Werke, die sich mal so schnell lesen lassen. Sommers Projekt einer Weltliteratur to Go verlangt Zeit. Ein Grund, warum er momentan nicht in Festanstellung, sondern als freier Dramaturg beschäftigt ist. Sein aktuelles Leseprojekt ist die „Ilias“ von Homer. In einer Woche soll es dazu das Video geben. Hart, aber nicht unmöglich.

Bestes Beispiel für Unmöglichkeit ist „Die Günderode“ von Bettina von Arnim. Schon der kryptische Titel macht Angst. Es ist eines der wenigen Werke, die Sommer scheitern ließen. „Das muss man echt nicht gelesen haben“, fügt er hinzu, fast entschuldigend. Der Zuschauer kennt Sommer nur über seine Stimme und die besondere Art der Werk-Interpretation, inspiriert übrigens von Harald Schmidt, der bereits in den frühen 2000ern auf eine ähnliche Idee gekommen war. Sitzt man Sommer nun gegenüber, wirkt er ruhig, akkurat, ernster. Er trägt ein weißes Hemd und lässt sich Zeit mit der Antwort auf die Frage, was für ihn gute Literatur ausmache. Er zeigt auf Mini-Winnetou und Rappe Iltschi und sagt: „Wenn das Buch mich unterhält und mich motiviert weiterzulesen, finde ich es gut. Winnetou zum Beispiel hab ich in der Jugend nie gelesen, fand es aber jetzt sehr schön. Die Figuren und die Story sind natürlich ein bisschen einfach, aber die Botschaft ist keine schlechte. Und es gibt noch nicht mal so zweifelhafte Dinge wie Gruppensex mit elf wie bei Stephen King.“ Neben der Unterhaltung sei die literarische Qualität das andere Kriterium. „Jemand wie Hölderlin schreibt Dinge, die man nicht mehr aus dem Kopf kriegt, wenn man sich einmal mit den Gedanken drum herum gewunden hat.“ Worte hinterließen Spuren, zwischen zwei Buchdeckeln seien sie tot. „Literatur lebt, wenn man damit umgeht. Die Figuren in meinen Videos können möglicherweise Lust darauf machen.“

Sommer geht unvoreingenommen an die Werke ran. Seine Videos zeigen weder negative noch positive Haltung. Ironie und Sarkasmus sind die rhetorischen Verschleierer von Sommers Meinung. Ihm geht es um Inhalte. Um den Kern der Geschichte. Um Unterhaltung. Was am Ende beim Zuschauer ankommt, mag bei dem einen Verärgerung ob der lächerlichen Darstellung großartiger literarischer Meisterwerke sein. Bei anderen eine ganz eigenständige Kunstform jenseits des Kanons der Literaturgeschichte. „Mach ich das bis zu meinem Rentenalter?“, fragt sich Sommer und streichelt Bulldogge Watson über das Haupt. „Die Liste wird nicht kürzer. Die Leute machen Vorschläge und die Schulstoffe variieren. Es gibt noch viel zu verplaymobilisieren.“