Memoria et Amnesia

Ritesh Batra  hat „Vom Ende einer Geschichte“ verfilmt, den mit dem Man-Brooker-Prize ausgezeichneten Roman von Julian Barnes. Darin zeigen Jim Broadbent, Charlotte Rampling, Emily Mortimer und Matthew Goode, wie Erinnern und Vergessen zusammenhängen.

Von Michael Kohl

Von Michael Kohl

Michael Kohl

Studium der Kunst- und Kulturgeschichte (2014-2017) und Theater-, Film- und Fernsehkritik (seit 2017). Schwerpunkte: Bildende Künste und Film. Als Kunststudent, Cineast, Theatergänger und als nebenberuflicher Statist an der Bayerischen Staatsoper kenne ich beide Seiten des Münchener Kulturlebens: das Arbeiten für die und das Erleben von Kunst.

Tony Webster, ein älterer Mann, öffnet einen Brief und liest ihn. Cut. Eine Frau wirft eine heiße Pfanne ins Waschbecken. Cut. Eine andere jüngere Frau zieht an den einzelnen Fingern eines jungen Manns. Es knackt. Cut. Tony Webster legt den Brief schnell wieder weg, bevor die Erinnerungen seine Gedankenburg stürmen.

Wie sich herausstellt, handelt es sich bei dem Brief um das Testament von Sarah, der Mutter seiner Jugendfreundin Veronica. Tony fordert sein Vermächtnis ein – juristisch nicht unproblematisch, weswegen er seine Exfrau, eine frühere Anwältin, konsultiert und ihr seine Jugendgeschichte erzählt. Von Veronica, von ihrer Familie, von seinem besten Freund Adrian und dessen Selbstmord. Lag der Grund von Adrians Ende im unglücklichen Liebesdreieck zwischen ihm, Veronica und Tony?

Tony erzählt uns eine Geschichte. Der Sturm und Drang der Jugend weicht der Ernüchterung des Alters. Schon zu Beginn und dann den ganzen Film über werden Vergangenheit und Gegenwart parallel geschnitten, statt wie in der mit dem Man-Brooker-Prize ausgezeichneten Romanvorlage von Julian Barnes in zwei Teile getrennt zu sein. Tonys Selbstdarstellung vom naiv Liebenden zum tragisch Betrogenen erweist sich als zu geglättet. Tony Webster ist zwar kein unzuverlässiger Erzähler, aber einer mit ausgeprägten Verdrängungsmechanismus. Sein Erbe konfrontiert ihn damit.

Seine Exfrau und seine Tochter währenddessen konfrontieren ihn mit der Gegenwart. Die Tochter erwartet ein Kind – ohne Vater gezeugt, sondern künstlich befruchtet. Tony gräbt tief in seiner Vergangenheit, aber interessiert sich nur wenig für seine Mitmenschen. Zwei Herausforderungen muss Tony also bewältigen: Vergangenheit aufarbeiten und Gegenwart gleichzeitig meistern.

Der britische Schauspieler Jim Broadbent spielt den alten Tony zwischen übertriebenem Selbstmitleid und tollpatschiger Traurigkeit. Der beeindruckende Cast mit Charlotte Rampling, Emily Mortimer und Matthew Goode wird zwar an den Rand gedrängt, aber es passt zu der Entscheidung, einen Egozentriker als Erzähler in den Mittelpunkt zu rücken. Viele Momente bleiben deswegen in dem Film von Ritesh Batra – dem Regisseur von „Lunchbox“ – nur Andeutungen. Das unterdrückte Handwinken der betrunkenen Mutter Sarah. Oder der zur Vorlesung zu spät hereinplatzende Adrian und die tuschelnden Freunde. Erinnerungen wiederholen, variieren sich aber auch. So kann am Ende die Vergangenheit zwar aufgeschlüsselt werden, aber die zugefügten Verletzungen verheilen erst langsam. Die Gegenwart dagegen zeigt, dass Tony sich durchaus ändern kann. Es ist schon mal ein Anfang, seiner Tochter im Krankenhaus bei der Geburt beizustehen.

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