Am Boden

Mit ihrem einfühlsamen Blick auf einen gefallenen Cowboy in „The Rider“ begeisterte Cloé Zhao nicht nur Werner Herzog, der ihr gleich den nach ihm benannten Preis verlieh, sondern auch auf dem Festival in Cannes im letzten Jahr, wo sie den Art Cinema Award erhielt. Nun läuft der Film in den deutschen Kinos an.

Von Tatjana Michel

Von Tatjana Michel

Tatjana Michel

Tatjana Michel studierte Psychologie in Salzburg, Hong Kong und München und legte während dieser Zeit ihren Schwerpunkt vor allem auf das wissenschaftliche Arbeiten und Schreiben. Danach wandte sie sich der Kulturkritik zu. Besonders die Bereiche Film und Tanz bespricht sie seitdem in Online-, Print-, Radio- und Videoformaten. Darüber hinaus arbeitet sie bei der Süddeutschen Zeitung.

In Brady Jandreaus Leben hat sich alles verändert. Gerade galoppierte er noch auf dem Rücken seines Pferdes durch die Weiten South Dakotas und bezwang wilde Bullen und bissige Stuten im Rodeo-Ring. Jetzt soll er Bettruhe halten und seinen Radius auf den verschlissenen Familientrailer beschränken. Denn während eines Rodeo-Wettbewerbs fiel Brady vom Pferd und das Tier, auf dem er gerade noch saß, trat auf seinen Kopf. In Folge des Schädelbruchs kämpft Brady mit Schmerzen, Übelkeit und Krämpfen in seiner rechten Hand. Diesen Schicksalsschlag nimmt die Regisseurin Cloé Zhao als Ausgangspunkt, um eine etwas andere Cowboygeschichte zu erzählen.

Schon in ihrem Filmdebüt „Songs My Brothers Taught Me“ widmete sie sich diesem uramerikanischsten aller Themen und zeigte einen desillusionierten Blick auf das Cowboydasein. Mit „The Rider“ perfektioniert sie diese Idee nun. Denn von der romantischen Lagerfeuerstimmung und den draufgängerischen Heldentaten, die die klassischen Hollywood-Western einst erfolgreich vermarktet haben, ist bei Zhao wenig übriggeblieben. Rodeo ist ein Lebensinhalt, aber auch eine der wenigen Möglichkeiten, dem tristen Leben irgendetwas abzuringen. Denn in diesem Teil des Landes gibt es schon lange keine Perspektiven mehr. Man lebt von Tag zu Tag, und jeder davon ist ein Kampf. Hinzu kommt, dass der Rodeo-Ring für Brady der einzige Ort ist, an dem er etwas sein kann.

Auch deshalb gibt Brady die Hoffnung erstmal nicht auf. Es steht für ihn außer Frage, dass er zu den Wettkämpfen zurückkehren wird. Währenddessen vertreibt er sich die Zeit damit, junge Pferde einzureiten. Durch das Zureiten kann er wenigstens zum Familieneinkommen beitragen. Das ist sowieso schon knapp bemessen. Bradys Vater verzockt das wenige Geld, um danach die Schuldgefühle in Alkohol zu ertränken. Seine Mutter ist schon lange tot und auch seine kleine, autistische Schwester kann nicht dabei helfen, dass die Familie über die Runden kommt. Doch seine Krämpfe werden schlimmer und schlimmer. Schließlich muss er sich eingestehen, dass er die Frage, was bleibt, wenn Rodeo aus seinem Leben verschwindet, nicht mehr ignorieren kann.

Die Eindringlichkeit, mit der „The Rider“ diese drängende Frage stellt, ergeben sich durch den Cast. Die Figuren im Film spielen sich selbst und haben diese Schicksalsschläge genau so erlebt. Während dem Dreh zu „Songs My Brothers Taught Me“ stieß Zhao auf ihren späteren Protagonisten Brady und wusste, dass sie unbedingt mit ihm drehen wollte. Als der Sturz ihn ereilte, hatte er die glückliche Seite, dass damit eine Geschichte gefunden war. Auf Grundlage dessen und im Kontrast zu all den Pferden, Waffen und lauten Männlichkeitsritualen fragt die Regisseurin einfühlsam, wie man damit umgeht, wenn das Leben einem die Träume nimmt. Eine Frage nicht nur für Cowboys.