Zweisam einsam

Debra Granik zeigt in ihrem Film „Leave No Trace“, wie der Rückzug in die Einsamkeit entgegen allen Plänen doch tiefe Spuren hinterlässt.

Von Michael Kohl

Von Michael Kohl

Michael Kohl

Studium der Kunst- und Kulturgeschichte (2014-2017) und Theater-, Film- und Fernsehkritik (seit 2017). Schwerpunkte: Bildende Künste und Film. Als Kunststudent, Cineast, Theatergänger und als nebenberuflicher Statist an der Bayerischen Staatsoper kenne ich beide Seiten des Münchener Kulturlebens: das Arbeiten für die und das Erleben von Kunst.

Es lässt sich überleben in der Wildnis! Wenn man erfindungsreich einen Anorak als Wasserspender nutzt, wenn man sparsam auf Kleeblättern herumkaut oder wenn man geschickt ein Feuer mit dem Messer anzündet.

Es lässt sich natürlich alles viel einfacher und schneller erledigen, wenn man Gas oder Strom benutzt. Die 13-jährige Tom hat Hunger und kann nicht mehr warten, bis ihr Vater Will die Funken fürs Feuer hinbekommt. Stattdessen brät sie die gepflückten Pilze selbst an.

Schon zu Beginn ihres Filmes „Leave No Trace“ zeigt die Regisseurin Debra Granik, wie fragil diese Vater-Tochter-Beziehung ist, trotz der Naturidylle. Der Kriegsveteran und Witwer Will hat Tom in einem Nationalpark in Oregon großgezogen, ihr Survival-Training gegeben, aber auch Lesen und Schreiben beigebracht. Die beiden leben den uramerikanischen Mythos der individuellen Unabhängigkeit, wie man ihn aus Henry David Thoreaus Aussteiger-Klassiker „Walden“ kennt. Den Vater und seine Tochter trennen aber nicht nur ihr Hang zu ein wenig Bequemlichkeit, sondern vor allem ihre unterschiedlichen Lebenserfahrungen. Traumatisiert vom Krieg, dringt der Lärm von Helikoptern in das natürlich-meditative Waldleben ein und verstört Will im Schlaf.

Es ist also keine vollständig realisierte Utopie, die eines Tages zerstört wird, als das Sozialamt und die Polizei auftauchen. Will und Tom wird angeboten, in einem abgelegenen Haus zu wohnen unter der Bedingung, dass er auf einer Farm arbeitet und sie zur Schule geht. Hier erfährt Tom zum ersten Mal das Gefühl von Gemeinschaft. In der Kirche und in der Hasenschule kommt sie sich zwar etwas verloren vor, aber sie spürt ein tiefes Gemeinschaftsbedürfnis innerhalb des ärmlichen, weißen Milieus im ländlichen Amerika, das Debra Granik in ihrem früheren Film „Winter’s Bone“ eher als feindselig porträtiert hat.

Will dagegen kann sich in die Zivilisation überhaupt nicht eingliedern. Die Weihnachtstannen der Farm stehen aufgereiht da. Perfekt zugeschnitten, im Gegensatz zu der moosigen, wilden Natur des Waldes. Die Sägen und Transporter lassen keine Idylle aufkommen und Will wehrt sich gegen jeden sozialen Anschluss. Also haut er mit Tom ab. Sie fühlt sich zu ihm zwar immer noch zugehörig, aber die ursprüngliche Zweisamkeit lässt sich nicht wiederherstellen.

Debra Granik ist ein subtiles und starkes Drama über eine Vater-Tochter-Beziehung gelungen, das einerseits eine Coming-of-Age-Geschichte und anderseits von der Bewältigung eines Traumas erzählt. Mit Thomasin McKenzie und Ben Forster hat Granik ein Schauspielerpaar gefunden, das glaubhaft zwischen innigen Zusammenhalt und gegensätzlichen Bedürfnissen zu zerreißen droht. Am Ende zeigt Tom ihrem Vater, wie sie gelernt hat, eine Bienenwabe ohne Schutz herauszuziehen. Gestochen und getötet könnte sie schon werden, aber davor hat sie sich das Vertrauen der Tiere aufgebaut.

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