Der Parasit

Dunkler Zuwachs im Marvel-Universum: „Venom“ zeigt einen zwiespältigen Superhelden.

Von Michael Kohl

Von Michael Kohl

Michael Kohl

Studium der Kunst- und Kulturgeschichte (2014-2017) und Theater-, Film- und Fernsehkritik (seit 2017). Schwerpunkte: Bildende Künste und Film. Als Kunststudent, Cineast, Theatergänger und als nebenberuflicher Statist an der Bayerischen Staatsoper kenne ich beide Seiten des Münchener Kulturlebens: das Arbeiten für die und das Erleben von Kunst.

Eddie Brock ist als Journalist eine ungewöhnliche Erscheinung: ein Muskelpaket, Träger von Lederjacken, mit Tattoos am Unterarm und Dreitagebart, der mit seinem Motorbike durch die Straßen von San Francisco rast. Brock erledigt seine Recherchen gründlich. Notfalls loggt er sich auf dem Laptop seiner Freundin Anne Weying ein und stichelt dort, wo es besonders wehtut.

Diesen Schmerzpunkt hat Brock auch bei der wissenschaftlichen Stiftung Life Foundation gefunden. Diese bekämpft Krebs und forscht im Weltraum. Gute Sache, wenn man den jungen Chef und Weltverbesserer Carlton Drake sprechen hört. Nur dass auf der Rückkehr eines Raumschiffs ein außerirdischer Organismus mitgebracht wurde und dass Drake damit an wehrlosen Tieren und obdachlosen Menschen herumexperimentiert.

Die Story hat das Zeug zum Knüller, doch Brocks Verleger feuert ihn. So ergeht es Journalisten, wenn sie der Wahrheit auf der Spur sind, sich aber mit den Mächtigen anlegen. Brock verliert zudem seine Freundin und die Wohnung. Aber bevor er darüber zum Zyniker wird, öffnet ihm eine Doktorandin der Life Foundation rechtzeitig die Türen zum geheimen Labor. Hier passiert das Unglück: Der fremde Organismus nistet sich als Parasit in Brocks Körper ein. Der Superheld Venom ist geboren.

Wobei Superheld hier eine ambivalente Bezeichnung ist. Glitschige schwarze Adern formieren sich zu einem Wesen mit messerscharfen Zähnen und Tentakeln, die wahlweise als Hammer oder Beil fungieren. Superhelden retten nicht immer nur die Welt, sondern zerstören sie dabei häufig auch. In Brock/Venom manifestiert sich dieser Widerspruch als Persönlichkeitsspaltung deutlich. Als er Anne zurückerobern will, frisst er wie eine Bestie das Fleisch von den Tellern. Als er seinem früheren Chef einen Hinweis hinterlassen will, bricht er durchs Fenster ein und randaliert in dessen Büro.

Gute Absichten, böse Taten. Das erste Mal ist Venom dementsprechend nicht als Held aufgetaucht, sondern als Gegenspieler von Spider-Man im dritten von Sam Raimi inszenierten Teil. Da beide Figuren filmrechtlich zu Sony Pictures gehören, konnte Marvel die beiden erst später in das Marvel Cinematic Universe integrieren. Nach einigen humoristischen Neuzugängen zuletzt wie bei „Guardians of the Galaxy“ oder „Deadpool“ ist Venom wohl die dunkelste Gestalt, inklusive seines Gegners.

Auch Drake lässt sich von einem der Parasiten ergreifen, die er euphemistisch „Symbionten“ getauft hat. Die meisten Testpersonen und -tiere haben keinen Nutzen davon, eher das Gegenteil ist der Fall. Doch Drake verfolgt als böser, glitschiger Riot seinen Traum vom Übermenschen. Der Showdown ist also ein Kampf zwischen Drake und Brock in derselben Gestalt mit denselben Kräften. Erscheinung und Superkräfte sind hier keine Maßstäbe für Über- und Unterordnung. Allein der moralische Kompass unterscheidet die beiden. Der tickt bei Brock trotz Persönlichkeitsspaltung immer noch.

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