Härte im Hinterhof

Jason Reitman erzählt in seinem Film „Der Spitzenkandidat“ die Geschichte eines Krieges, den Journalisten und ein Politiker miteinander austragen.

Von Kevin Scheerschmidt

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Kevin Scheerschmidt

Gary Hart ist Hoffnungsträger der Demokraten. 1988 will er US-Präsident werden und gilt als Spitzenkandidat bei den demokratischen Vorwahlen. Doch ein Skandal um eine Affäre kommt dazwischen und bedroht die Chance auf einen Einzug ins Weiße Haus.

Hugh Jackman spielt den ambivalenten Gary Hart. Und ihm gelingt die Gratwanderung zwischen sympathischem Hoffnungsträger, der den Wähler überzeugen kann, und dem unsympathischen Womanizer, der seine Frau betrügt und gegen die Presse hetzt. In einer zentralen Szene des Films wird er von drei Journalisten in einem dunklen Hinterhof mit den Fremdgeh-Gerüchten konfrontiert. Die Reporter fragen immer weiter nach und lassen Gary Hart keine Ruhe. Sie dringen in seine Privatsphäre ein, indem sie ihm auch in seiner freien Zeit nachspionieren. Hart beschimpft die Journalisten und besteht darauf, sein Privatleben sei „nobody՚s fucking business“.

Die Szene steht stellvertretend für die wichtigen Fragen, die der Film aufwirft: Ist es die berufliche Pflicht der Presse, auch in diesen Bereich vorzudringen? Und wo endet das Recht auf Privatsphäre für die mächtigsten Politiker? Das Wortgefecht jedenfalls wandert vom Hinterhof schnell in die Öffentlichkeit und droht Harts Kampagne zu beenden.

Hugh Jackman zeigt in seiner Darstellung des Spitzenkandidaten Überzeugung, Liebe, Freude, Unsicherheit, Wut, Arroganz und Reue. Seine Performance wirkt stets natürlich und realistisch. In einem Streitgespräch zwischen Hart und dem von J.K. Simmons gespielten Kampagnenmanager Bill Dixon über den Umgang mit dem Sexskandal wird deutlich, welche Schauspielgrößen hier zusammentreffen. Gary Hart will in der Öffentlichkeit lieber keine Stellung zu den Gerüchten beziehen und alles ignorieren, Bill Dixon hingegen will die Probleme offensiv angehen und nach außen klären. Sie schreien sich an, bringen Argumente vor und kämpfen mit der Sturheit des Gegenübers. Das unterhält und begeistert, man würde gerne mehr davon sehen.

Aber solche Szenen sind in dem fast zwei Stunden langen Film sehr selten. Und so entsteht kaum Tempo. Vor allem die unzähligen austauschbaren Nebenfiguren machen es dem Zuschauer schwer und entschleunigen den Film.

„Der Spitzenkandidat“ beleuchtet beide Seiten der Geschichte. Einerseits die der Presse, andererseits die des Politikers, seiner Familie und seiner Affäre. Es wäre einfach gewesen, die Geschichte nur einseitig zu beleuchten: Aus Gary Harts Sicht als Politiker, dem von der Presse Unrecht getan wird. Oder aus Sicht der Journalisten, die unter großem Einsatz den Sexskandal aufdecken.

Doch so einfach macht es sich der Regisseur Jason Reitman nicht. Er entscheidet sich für eine ambivalente Erzählweise. Auch als Zuschauer steht man zwischen den beiden Positionen. Man kann sowohl für als auch gegen jede der beiden Seiten argumentieren.

„Der Spitzenkandidat“ erscheint in einer brisanten Zeit. Gary Hart ist nicht Donald Trump, aber die Themen, die während dessen Kandidatur diskutiert wurden, sind in der politische Debatte der USA aktueller denn je. Hier mediales Ausschlachten der Person Donald Trump, von dessen Familie und Umfeld, da Fake-News-Vorwürfe, der Entzug von Presse-Akkreditierungen und Beleidigungen gegenüber Print- und Fernsehmedien. Gary Harts Verhältnis zur Presse möchte man aus heutiger Perspektive im Vergleich zu Trumps Medienkrieg schon fast als kleinen Streit abtun.

Aktuell kann man sehen, wie unterschiedlich sich ein Sexskandal in der heutigen Zeit auf die politische Laufbahn auswirken kann. Stormy Daniels ist nicht Donna Rice. Vieles hat sich verändert in der politischen und medialen Landschaft.

„Der Spitzenkandidat“ ist ein wichtiger Beitrag zu dieser aktuellen Debatte um die Pressefreiheit und überlässt durch einen guten, differenzierten Blick dem Zuschauer selbst die Entscheidung, auf welcher Seite er stehen oder ob er sich keiner Seite zuordnen möchte. Auf der Reise durch die wichtigen Themen vergisst der Film allerdings manchmal den Zuschauer und ist deshalb nicht immer packend und unterhaltsam.

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