Zarte Männer fürs Grobe

Peter Farelly begibt sich in seinem Film „Green Book“ auf einen humorvollen Roadtrip in die rassistischen Südstaaten Amerikas und stellt fest: It’s not all about black and white. Dafür gab es drei Oscars: für den besten Film, das beste Originaldrehbuch und den besten Nebendarsteller

Von Tobias Obermeier

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Von Tobias Obermeier

„Dumm und dümmer“, „Verrückt nach Mary“, „Nach 7 Tagen – ausgeflittert“: In den 1990ern und Anfang der 2000er sorgten die Brüder Peter und Bobby Farrelly mit ihren infantilen Komödien und in ihrer Unverfrorenheit im Umgang mit Klamauk und Vulgarität für enorme Erfolge an den Kinokassen. Zuletzt versuchten sie jedoch vergeblich, mit einer Fortsetzung von „Dumb and Dumber“ an frühere Erfolge anzuknüpfen. Umso erstaunlicher ist, dass Peter Farrelly mit „Green Book“ nun auf alleinigem Weg zu alten Erfolgen zurückzukehren scheint – und nebenbei auch das Fachpublikum auf seiner Seite weiß. Drei Golden-Globe-Auszeichnungen und drei Oscars sprechen hierfür.

Für „Green Book“ hat sich Farrelly einer wahren Geschichte bedient. Der schwarze, hochgebildete Klassik-Pianist Dr. Don Shirley engagiert 1962 für seine Tour durch die rassistischen Südstaaten den grobschlächtigen Türsteher Tony Lip als Fahrer. Mit im Gepäck ist das „Negro Motorist Green Book“, ein damals herausgegebener Reiseführer für afroamerikanische Reisende, um sich vor rassistischen Übergriffen zu schützen.

Tony Lip, Nachfahre italienischer Einwanderer, kämpft sich mit einfachen, aber rabiaten Mitteln durch den Alltag, um seine Familie über Wasser zu halten. Als Türsteher in einem zwielichtigen Nachtlokal sorgt er für Ruhe und Ordnung. Unerschrocken in seinem Arbeitsethos, wirft er selbst hohe Tiere der New-Yorker Unterwelt hinaus. Als der Club wegen Renovierungsarbeiten schließen muss, ist Tony gezwungen, sich nach einer neuen Beschäftigung umzusehen. Sein Ruf als kompromissloser Mann fürs Grobe führt ihn zu Don Shirley.

Ungewöhnlich stark untersetzt spielt Viggo Mortensen Tony Lip, der sich mit seiner liebevollen Derbheit in allen Belangen zu behaupten weiß. Nebenbei ist er sich nicht zu schade, bei einem Wettessen 26 Hot Dogs zu verspeisen und seine Frau mit dem Preisgeld zu überraschen. Mortensen schafft es auf hervorragende Weise, die unbeherrschte und ruppige Figur, die genauso in einem Mafiafilm vorkommen könnte, in einen witzvoll charmanten Familienvater zu übersetzen.

Das erzählerisches Gegenstück findet sich in Dr. Don Shirley. Ein Afroamerikaner, der aus seiner hochkulturellen Sozialisation keinen Hehl macht. Als Tony für das Bewerbungsgespräch als Tour-Fahrer geladen wird, sitzt Don wie ein König thronend auf einem erhöhten Stuhl und blickt bestimmend auf den einfachen „working class man“ herab. Die Wohnung selbst ist mit zahlreichen indigenen Kunsthandwerken geschmückt. Tony, der gleichsam einer königlichen Audienz bei Don vorspricht, nimmt den Job aufgrund seiner Geldsorgen widerwillig  an.

Von Beginn an ist offensichtlich: Hier begibt sich ein ungleiches Paar auf Reisen. Unheilvolle Situationen werden überstanden und am Ende kehren beide in ihren anfänglich starren Überzeugungen als Geläuterte zurück. Während Don wohl kultiviert in seinen Maßanzügen auf dem Rücksitz verweilt, lenkt Tony das Auto durch die weiten Landschaften des mittleren Westen von einem Auftritt zum nächsten. In der einen Hand eine Zigarette und in der anderen Wahlweise Sandwiches oder Kartoffelchips. Der plappernde Mund stets sperrangelweit offen.

In „Green Book“ zeigt sich Peter Farrellys Gespür für Situationskomik. Die gesellschaftspolitische Relevanz der Geschichte sorgt jedoch dafür, dass er nicht übertriebenen und obszönen Witzeleien anheimfällt, wie es in früheren Arbeiten mit seinem Bruder so oft der Fall war. Nicht der Gegensatz zwischen dem weißen Tony und dem schwarzen Don steht im Mittelpunkt, sondern die Disparität zwischen Hochkultur und Arbeiterklasse. Damit spielt Farelly geschickt und fügt dem verbalen Schlagabtausch zwischen beiden eine originelle Note hinzu. So wird Don in den Genuss frittierter Hähnchenkeulen eingeführt, während Tony lyrische Nachhilfe in seinen bescheidenen Ambitionen bekommt, Briefe an seine Frau zu verfassen.

Der allgegenwärtige Rassismus der segregierten USA und seine gesellschaftspolitische Verhandlung ist wichtiger Bestandteil des Films, besitzt jedoch nicht die zentrale Bedeutung, die das titelgebende „Green Book“ andeutet. Während der Reise ist Don permanenten Anfeindungen und Diskriminierungen ausgesetzt. Er ist der talentierte schwarze Sonderling auf der Bühne, eine musikalische Attraktion für die reiche Oberschicht in den stark rassistisch geprägten Südstaaten. Trotz seiner bravurösen Auftritte auf der Bühne wird ihm eine Besenkammer als Vorbereitungsraum angeboten. Ein Abendessen unter den weißen Gästen wird ihm untersagt. Oder die Polizei inhaftiert ihn und Tony, da Schwarze nachts nicht mehr auf der Straße unterwegs sein dürfen. Die äußere Wirklichkeit, die ideologische Bedrohung, der allgegenwärtige Rassismus, all das sind jedoch nur Handlungsauslöser, um die innere Erzählung der Geschichte voranzutreiben.

Obwohl Mahershala Ali neben der starken raumfüllenden Präsenz von Viggo Mortensen in vielen Momenten verblasst, zeigt sich in seinem oscarprämierten zurückhaltenden, gleichwohl prägnanten Spiel, mit welch harten Lebensrealitäten Don sich in seiner exotischen Außenseiterposition konfrontiert sieht. In einem Ausbruch verzweifelter Wut bringt er seine Situation auf den Punkt: „Wenn ich nicht schwarz genug bin, wenn ich nicht weiß genug bin, Tony, dann sag mir doch, was ich bin!“

„Green Book“ verfügt in seiner einfachen Erzählweise über ein großes Maß an Emotionalität und Menschlichkeit, das Farrelly geschickt mit der Frage der Klassenzugehörigkeit verknüpft. Ausgrenzung äußert sich nicht nur anhand der Hautfarbe. Dass es bei all dem letztendlich um den einzelnen Menschen geht, führt „Green Book“ auf charmante und liebevolle Weise vor.

 

„Green Book – Eine besondere Freundschaft“
USA 2018
Regie: Peter Farelly
Drehbuch: Nick Vallelonga, Brian Hayes Currie, Peter Farelly
Darsteller: Viggo Mortensen, Mahershala Ali, Linda Cardellini, Don Stark
Kinostart: 31. Januar 2019, 130 Minuten
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