Der Stadtteil der gutherzigen Menschen

Die Regisseurin Lone Scherfig lässt den Zuschauer in „The Kindness of Strangers“, dem Eröffnungsfilm der 69. Berlinale, an die Menschen glauben.

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Kevin Scheerschmidt

Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft B.A. (2013-2018) in Frankfurt am Main und seit 2018 Theater-, Film- und Fernsehkritik in München. Berufung: Film! Motto: Filme müssen wenn möglich auf der großen Leinwand konsumiert werden. Egal ob kleinster Independent oder größter Blockbuster, jeder Film hat das Potential großartig sein zu können. Jeder Film verdient eine Chance.

Im episodenartigen Film „The Kindness of Strangers“ treffen verschiedene Menschen in Manhattan aufeinander, die alle eins gemeinsam haben: Sie sind gutherzig und freundlich gegenüber Fremden. Da ist der Ex-Häftling Marc (Tahar Rahim), der zu Unrecht im Gefängnis saß, und sein Pro-Bono-Anwalt John Peter (Jay Baruchel). Die Krankenschwester Alice (Andrea Riseborough), die nebenbei noch als Leiterin einer Selbsthilfegruppe arbeitet und freiwillig Obdachlosen Suppe ausschenkt. Der gutherziger Jobversager Jeff (Caleb Landry Jones), der für nichts qualifiziert genug zu sein scheint und obdachlos wird. Timofey (Bill Nighy), der Leiter eines russischen, schlecht laufenden Restaurants, der vor den Kunden einen russischen Akzent vortäuscht. Im Zentrum des Films jedoch steht die junge Mutter Clara (Zoe Kazan), die mit ihren beiden Söhnen vor dem gewalttätigen Vater, einem Polizisten, flieht.

Durch wiederkehrende Begegnungen kommen alle Figuren miteinander in Kontakt. Ihre Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft führt dazu, dass die anfangs noch Fremden schon bald vertraut miteinander sind.

Steht zu Beginn noch jeder Handlungsstrang für sich, werden sie im Verlauf des Films immer weiter miteinander verwoben, bis am Ende alles auf Clara und ihre zwei Söhne ausgerichtet ist. Die Kinder sind traumatisiert, weil der Vater unter anderem den älteren Bruder zwang, den jüngeren zu schlagen. Das Trauma und Leid, vor dem die Brüder mit ihrer Mutter weglaufen, wird allerdings nicht wirklich deutlich. Dadurch, dass man zu wenig von der angesprochenen furchtbaren Lebenssituation zu sehen bekommt, bleibt das Trauma in weiter Ferne. Die Familie muss zwar in Manhattan um Essen und ein Dach über dem Kopf kämpfen, aber wirklich nahe geht einem das nicht. Dadurch fühlt sich „The Kindness of Strangers“ eher wie eine leichte Version von „The Florida Project“ an.

Die dänische Regisseurin Lone Scherfig hat sich dafür entschieden, die dramatischen Lebenssituationen ihrer Figuren durch Humor aufzulockern. Vor allem der von Bill Nighy gespielte Timofey scheint einzig wegen seines Humors im Film gelandet zu sein. Zwar dient sein Restaurant als Treffpunkt für die ganzen Figuren, und er sorgt dafür, dass der Ex-Häftling Marc bei ihm einen Job bekommt und schnell zum eigentlichen Restaurantleiter aufsteigt, aber jeder Satz aus seinem Mund zielt darauf ab, das Publikum zum Lachen zu bringen. Von der Sorge, eventuell sein Restaurant zu verlieren, ist nicht viel zu spüren. Bill Nighys fast schon teilnahmslosem, dabei stark humoristischem Spiel ist es zu verdanken, dass die Figur trotzdem ihre Daseinsberechtigung im Film hat. Durch Kommentare wie „Long day, short boyfriend“ sorgt Timofey für einige Lacher.

Auch Jeff, gespielt von Caleb Landry Jones, ist für viel Humor verantwortlich. Bei seinem ersten Job hat er auf die Frage, was er denn wirklich gut beherrsche, keine Antwort parat, wirft stattdessen trotzig einen Stuhl aus dem Fenster – und entschuldigt sich umgehend dafür. Von seinem zweiten Job in der Wäscherei wird er gefeuert, weil er einen Hund mit in den Wäschesack gestopft hatte. Der Vorgesetzte muss zwar zugeben, dass der dreckig-weiße Malteser ein wenig wie schmutzige Wäsche ausgesehen habe, an der Kündigung ändert das allerdings nichts. Die engelsgleiche Krankenschwester Alice wiederum scheint in jeder positiven Entwicklung irgendwie ihre Finger drin zu haben. Sie setzt sich so sehr für andere ein, dass sie sich selbst dabei vergisst.

Trotz alledem bleibt die Frage, ob der Film mit weniger Figuren und einer intensiveren Auseinandersetzung mit dem verbliebenen Personal nicht besser funktioniert hätte. Timofey und Jeff beispielsweise sind zwar unterhaltsam, aber lenken auch deutlich vom Hauptgeschehen ab.

Der Polizist und Vater Richard (Esben Smed Jensen) wird hingegen als das reine Gegenstück zur Freundlichkeit der Hauptpersonen inszeniert. Eine Szene, in der er seinen eigenen Vater aus dem Nichts und in einer übertriebenen Reaktion mit einem Telefon bewusstlos prügelt, ist so extrem gewalttätig, dass sie als Fremdkörper im Film steht. Ihr einziger Zweck ist, den Gewalttäter zu dämonisieren. Doch die Szene kommt zu spät, und so wirkt Richard erst dann wirklich furchteinflößend, wenn ohnehin fast alles schon vorbei ist.

So ist der Eröffnungsfilm der Berlinale trotz des tiefsitzenden dramatischen Kerns kein zutiefst dramatischer Film. Sondern ein Appell für mehr Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit. Stellvertretend dafür fragt Alice in einer Szene ihre Selbsthilfegruppe: „Was gibt euch das Recht, unfreundlich zu sein?“

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