Unzähmbar

Nora Fingscheidts Debütfilm „Systemsprenger“ konkurriert im Wettbewerb der Berlinale. Der bemerkenswerte Spagat zwischen emotional ergreifendem Drama und realitätsnaher Darstellung gewinnt prompt einen Silbernen Bären.

Von Carolin Werthmann

Von Carolin Werthmann

Carolin Werthmann

Mit der Haarbürste als Mikro sang und tanzte ich mit acht vor dem Spiegel zu Disney’s Tarzan oder Pocahontas. Heute sehe und höre ich lieber anderen dabei zu, wie sie singen, tanzen oder Geschichten erzählen – und schreibe darüber. Ob diese Geschichten nun auf Bühnen, hinter Buchdeckeln oder auf der Leinwand warten: in allen Fällen machen sie etwas mit mir, berühren mich immer, belustigen mich oft, ärgern mich manchmal. Diese Gefühle möchte ich vermitteln, möchte zu einem Diskurs beitragen. Ein Diskurs initiiert von Kultur.

Die Lage muss ernst sein, wenn selbst Pädagogen, Sozialarbeiter und Ärzte überlegen, ein neunjähriges Mädchen nach Kenia abzuschieben. Die Lage ist tatsächlich ernst: Benni ist aus Dutzenden Pflegefamilien, Wohngruppen und Sonderschulen rausgeflogen. Ihre eigene Mutter, eine labile Frau mit dem falschen Männergeschmack, hat Angst vor ihr, will ihre zwei kleineren Kinder vor Benni, dieser tickenden Zeitbombe, schützen und weigert sich, sie zu sich zu nehmen. Benni, die eigentlich Bernadette heißt und diesen Namen „voll hässlich“ findet, explodiert, wenn man sie reizt, ignoriert oder – am schlimmsten – ihr Gesicht berührt. Die Mutter sagt, Benni habe früher volle Windeln ins Gesicht gedrückt bekommen, vermutlich von dem damaligen Lebensgefährten. Dieses zarte Mädchen mit der Puderhaut und den weißblonden Haaren schreit dann „Fick dich, du Arschloch!“ oder „Halt’s Maul, du Fotze!“. Sie schlägt zu, pöbelt, knallt den Kopf ihrer Mitschülerin auf den Schreibtisch und ihren eigenen gegen die Autoscheibe, bis er blutet. Benni ist wie ein rasender, gewalttätiger Teenager im Körper eines Kindes, was es umso schockierender macht anzusehen. Sie ist eine Systemsprengerin. Und das System ist überfordert mit ihr.

Vor Jahren war die Regisseurin Nora Fingscheidt für Recherchen in einem Heim für wohnungslose Frauen, als plötzlich ein für diese Einrichtung viel zu junges Mädchen an ihr vorbei spazierte, gerade mal 14 Jahre alt. Die Betreuerin nannte das Mädchen eine Systemsprengerin. Offiziell gibt es diesen Begriff nicht, inoffiziell aber steht er für Kinder, deren Verhalten alles andere als das ist, was man systemkonform bezeichnen würde. Das sind Kinder wie Benni, die Hauptfigur in Fingscheidts Debütfilm „Systemsprenger“, der im Wettbewerb der Berlinale um den Goldenen Bären konkurriert. Mit diesem Debüt gelingt der 36-jährigen Regisseurin, die an der Filmakademie Ludwigsburg absolvierte, ein bemerkenswerter Spagat zwischen emotional ergreifendem Drama und realitätsnaher Darstellung, was auch an der jungen Hauptdarstellerin liegt.

In der jungen Helena Zengel hat Fingscheidt eine ideale Protagonistin gefunden. Es ist ganz erstaunlich, mit wie viel Energie Zengel diese Figur zum Leben erweckt, diesen ständig kippenden Gefühls- und Gemütswandel bewältigt, vom zahmen, schüchternen Mädchen mit den blauen Augen zum Terrorzwerg und umgekehrt. Wenn Benni ihre Mutter sehen kann, schmust sie sich an sie, lässt sie nicht mehr los, vergisst alles andere um sich. In ihrer knallpinken Kleidung kann Benni ganz harmlos wirken, fetzt durch den Garten ihrer Wohngruppe, schlägt Räder, macht Handstand, lacht quiekend und wiegt flauschige Hasen in ihrem Arm. Fingscheidt unterlegt diese Szenen mit einer kindlichen Rockmusik. Doch auch während dieser Glücksmomente bleibt immer ein unangenehmes Misstrauen. Wie lange es wohl dauert, bis Benni dem Hasen in ihrem Arm das Genick bricht, einfach so, weil sie wütend wird, irgendjemand ein falsches Wort sagt, was immer auch ‚falsch‘ für Benni sein mag? Sie bricht dem Hasen nicht das Genick, doch allein zu glauben oder nahezu zu erwarten, sie könnte und würde es tun, zeigt, wie gut es Zengel und Fingscheidt gelingt, diese komplexe Persönlichkeit auf die Leinwand zu bringen.

Noch unangenehmer wird es, wenn es kein Hase, sondern ein Säugling ist, den Benni aus seiner Krippe schnappt und im Arm schunkelt. Sie ist unberechenbar. Selbst der von Albrecht Schuch gespielte toughe Schulbegleiter Micha, erfahren mit problematischen Jugendlichen, stößt an seine Grenzen. Einmal rastet Benni so sehr aus, dass der Krankenwagen kommen und Sanitäter sie mit Drogen stilllegen müssen. Fixiert auf einer Trage liegt sie in einem sterilen Raum, ihr Blick stiert ausdruckslos durch das Fenster zum Gang, in dem Micha steht. Die Kamera ist ganz nah an seinem Gesicht, in den Augen spiegelt sich Fassungslosigkeit und Entsetzen.

Was muss diesem Kind zugestoßen sein, dass es so unzähmbar ist? Fingscheidt, die nicht nur Regie führte, sondern auch das Drehbuch schrieb, flechtet mögliche psychologische Gründe für Bennis Verhalten subtil ein, ohne auf Pseudo-Diagnosen zurückzugreifen oder Kausalitäten mit vergangenen Traumata heraufzubeschwören. Benni sehnt sich nach der Nähe und Liebe der Mutter und bekommt sie nicht, wird immer wieder enttäuscht. In Micha, der selbst offenbar eine dunkle Vergangenheit als Jugendlicher hinter sich hat, sieht Benni einen Verbündeten, doch ihrem ständigen Verlangen nach Aufmerksamkeit kann und darf Micha irgendwann nicht mehr gerecht werden.

Und so findet man sich in einer deprimierenden Spirale aus wenigen Lichtblicken und immer wiederkehrenden Ausbrüchen von Aggression und Gewalt. Wie die Erzieherinnen und Erzieher verliert man irgendwann die Hoffnung, Benni könne sich bessern. Die pinke Welt dieses neunjährigen Mädchens droht zu zersplittern. Ob sie es wirklich tut, das lässt Fingscheidt offen.

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