Traue den Augen nicht

Wang Quan’an, der mit „Tuyas Hochzeit“ bereits einen Goldenen Bären gewonnen hat, konkurriert mit „Öndög“ neuerlich im Wettbewerb der Berlinale.  Der Film erzählt mit subtilem Humor von der Einsamkeit der Menschen in der mongolischen Steppe.

Von Tobias Obermeier

Von Tobias Obermeier

Von Tobias Obermeier

Im Nirgendwo der Mongolei: Ein Auto bahnt sich langsam seinen Weg durch die Nacht. Nur das Scheinwerferlicht erleuchtet die unendliche Dunkelheit, in der eine Herde wilder Pferde den Weg des Autos kreuzt. In ihm sitzen zwei Männer. Sie unterhalten sich über die Jagd: Man dürfe bei ihr den Augen nicht trauen. Sie erkennten die Wirklichkeit oft nicht. Aus einem Hund würde schnell ein Wolf werden. Die Intuition aber leite einen immer richtig.

Langsam und bedächtig deutet sich im Lichtkegel ein lebloser Körper auf dem Gras bedeckten Boden ab. Es ist die nackte Leiche einer ermordeten Frau.

In „Öndög“, der im Wettbewerb der 69. Berlinale läuft, deutet zunächst alles auf einen Kriminalfilm hin. Nach dem Fund der Leiche wird ein junger, unerfahrener Polizist abgestellt, den Tatort über Nacht zu sichern. Da er keine Waffe bei sich hat, um sich vor den umherstreunenden Wölfen zu schützen, soll ihm eine Hirtin mit ihrem Gewehr beistehen. Sie bringt ihm eine Suppe mit frisch geschlachtetem Lammfleisch, zündet ein Feuer an und verführt den jungen Polizisten mit einer Flasche Schnaps, bevor sich ihre Wege wieder trennen. An dieser Stelle hat sich der Film bereits von der Kriminalgeschichte gelöst, die nur noch eine Randnotiz in dieser in vielerlei Hinsicht humorvollen Geschichte darstellt.

Der Regisseur Wang Quan’an, der bisher mit jedem seiner Filme auf der Berlinale vertreten war und mit seinem Erstlingswerk „Tuyas Hochzeit“ den Goldenen Bären gewann, verfasste für „Öndög“ kein Drehbuch. Erst vor Ort entwickelte sich die Geschichte. Im Zentrum steht dabei die entschlossen auftretende Hirtin, wunderbar herzlich und selbstbewusst gespielt von Dulamjav Enkhtaivan. Die Frau wohnt in einer traditionellen Jurte, hält Schafe und eine Kuh und anstatt mit einem Motorrad legt sie die weiten Strecken in der kargen Graslandschaft eingepackt in dicken Felljacken mit einem Kamel zurück. In diesem abseitigen Leben, in der die Zeit in ihrer Langsamkeit einen ganz eigenen Rhythmus hat, zeigen sich keine archaischen oder patriarchalen Denkweisen. Die Hirtin lebt selbstbestimmt und autark und lässt sich nicht von ihrem Nachbarn klein reden, weil sie noch immer keinen Mann und keine Kinder hat. Den Nachbarn holt sie auch nur zu sich, wenn sie Hilfe bei der Arbeit braucht. Öndög, so heißen in der Mongolei häufig aufzufindende Fossilien von Dinosauriereiern. Die Hirtin selbst wird von vielen in der Gegend Dinosaurier genannt. Als der Nachbar ihr eines Tages solch ein Ei schenkt, merkt er an, sie solle sich endlich einen Mann suchen, sonst denken noch alle, sie wäre ein Öndög, so alt wie sie schon ist. Er hat schon mehrmals um ihre Hand angehalten und wird es dabei nicht belassen.

Der erzählerisch-intimen Annäherung an die Hirtin steht die herausragende Kameraarbeit von Aymerick Pilarski gegenüber. In vielen meditativ anmutenden Totalen beobachtet die Kamera die Figuren in ihren subtil humorvollen Begegnungen. Vor allem die schier unendlich weit anmutende Steppenlandschaft tritt hier in voller Kraft hervor. Die Kamera ist auf Distanz zu den Figuren, möchte nicht zu nah herantreten, als wolle sie kein Eindringling in eine fremde Kultur sein. Erst allmählich fängt sie die Gesichter in ihrer Mimik und Gestik ein. Als es zur Geburt eines Kalbs kommt, tritt die Kamera völlig aus der durchgeplanten Bildsprache heraus und geht über in das dokumentarische Festhalten des Augenblicks.

„Öndög“ ist ein poetisches Porträt über das von Langsamkeit geprägte Leben der mongolischen Steppenbewohner. Vielleicht liegt es am fehlenden Drehbuch, dass die Geschichte dabei nicht von der metaphorischen Schwere erdrückt wird, die in vielen Momenten sichtbar wird. Es geht um die immer währenden Themen des menschlichen Daseins: das Leben, die Liebe und der Tod. Dem Lamm schneidet der Nachbar beim Schlachten das Herz heraus, nach der Geburt des Kalbs wird miteinander geschlafen. Wenn der junge Polizist zu „Love Me Tender“ neben der ermordeten Frau im Steppengras tanzt oder er und die Hirtin sich neben dem Kamel vergnügen – das wundervoll komisch drein blickt – dann bewahrt sich „Öndög“ vor einer symbolischen Überfrachtung.

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