Wühlen in den Eingeweiden

Im Forum der Berlinale läuft Nikolaus Geyrhalters Dokumentarfilm „Erde“. Der Regisseur inszeniert ihn als Sinnbild für das geologische Zeitalter des Anthropozän, in dem der Mensch sich die Erde brachial Untertan macht.

Von Nina Mohs

Von Nina Mohs

Von Nina Mohs

Nina Mohs

aufgewachsen in Aaachen und Wiesbaden. Studium der Theaterwissenschaft, Sprache, Literatur und Kultur an der LMU in München (2015-2018) und Theater-, Film- und Fernsehkritik (seit 2018). Einige Jahre auf und hinter der Bühne des Theaters verbracht. In die Bereiche Filmverleih und Postproduktion eingetaucht, aber immer beim Schreiben geblieben. 3 Jahre als Redakteurin bei M94.5 Beiträge getextet, produziert und gesprochen. 2018 dann die Entscheidung für den Kulturjournalismus mit Schwerpunkt Film und Theater. 2019 das erste Mal das Theaterfestival UWE, mitorganisiert.

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San Fernando Valley, Kalifornien. Im Sekundentakt fahren riesige gelbe Bagger und Bulldozer über hügeliges und erdiges Gelände. Schlucken den Boden unter sich, ziehen ihn in riesige Containerboxen auf ihren eisernen Rücken. Die Berge aus Steinen und Erde unter den massiven Gleisketten schrumpfen mit jedem vorbeifahrenden Fahrzeug. Dann eine Luftaufnahme. Die Bagger von oben, jetzt ganz klein, mindestens 30 Stück. Sie fahren über ein gigantisches Gelände, tragen Zentimeter für Zentimeter Erde ab. Befreien dieses Gelände von der Natur. Schneiden dem Berg die Spitze ab.

„Wenn dich ein Mädchen in einer Bar fragt, was du beruflich machst und du sie ansiehst und ihr ehrlich antworten kannst: Ich versetze Berge – dann wird sie das in Frage stellen“, sagt Trent Wells, der Bauleiter dieses gewaltigen Projekts. Er lächelt, ein bisschen stolz ist er schon. Denn er und sein Team versetzen tatsächlich Berge. Befreien sie von ihren Bäumen, Pflanzen und Steinen. Planieren die Hügel und schaffen Platz für Häuser, Einkaufsläden, für ganze Städte. Bewegen dafür im wahrsten Sinne des Wortes die Erde.

Ein Phänomen, mit dem sich Regisseur Nikolaus Geyrhalter in seinem Dokumentarfilm „Erde“ auseinandersetzt. Denn San Fernando Valley ist nur eines von vielen Beispielen für die Erde im Anthropozän. Jener aktuellen Epoche, jenem Zustand, in dem der Mensch einen der größten Einflussfaktoren auf die Umwelt darstellt, indem er jährlich mehrere Milliarden Tonnen Erde bewegt. Geyrhalter zeigt sieben Beispiele: Das Valley, der Brennerpass in den Alpen, ein Kohletagebau in Ungarn, ein Marmorsteinbruch in Italien, eine Kupfermine in Spanien, die Schachtanlage Asse in Deutschland und die Erdölraffinerie Fort Mckay in Kanada.

Eingeführt wird jeder einzelne Ort mit beeindruckenden Luftaufnahmen der riesigen Bauflächen, die neben der umgebenden Natur völlig fehl am Platz und drapiert wirken. Mit Nahaufnahmen der Maschinen und Mittel, der Sägen, die gewalttätig den Marmor durchtrennen oder dem Dynamit, das das Kupfer unter der Erde freilegen soll, zeigt Geyrhalter die Hand des Menschen,  die mit aller Kraft versucht, die Natur unter ihre Kontrolle zu bringen. Ähnlich wie in seiner Dokumentation „Homo Sapiens“ aus dem Jahr 2016, reiht der Regisseur lange unkommentierte Aufnahmen der verschiedenen Orte aneinander, lässt sie für sich selbst sprechen und wirken.

Einzelne Interviews mit Mitarbeitern der Steinbrüche oder Minen unterbrechen dabei immer wieder die Szenerie der hellen und sehr symmetrischen Aufnahmen. „So ist der Bergbau, wenn wir die Bäume bedauern, produzieren wir keine Energie. Ehrlich gesagt, fühle ich mich wenig mit dem Baum verbunden. Er ist ein Gegenstand, der weggebaggert werden muss“, sagt István Szappan, Baugeräteführer des Kohletagbaus in Ungarn. Geyrhalter legt den Fokus auf die Kontrolleure der Natur, erforscht, ob den Bauarbeitern bewusst ist, was sie der Erde antun und wie sie sich dabei fühlen. Aussagen wie die von Szappan schockieren, lassen die Situation unserer Erde noch hoffnungsloser erscheinen, aber sie sind selten. Geyrhalter schafft es nur bei einzelnen Interviewten durchzudringen, die Antworten der Bauarbeiter wirken reproduziert, wie ein Pressetext des Unternehmens, das hinter den Steinbrüchen steht. Alles ist super, die Natur wird natürlich zerstört, aber man tut es ja für eine gute Sache.

Das ist schade. Denn genau dann, wenn ein Durchdringen gelingt und Arbeiter wie Franscesco Muscolini sich eingestehen müssen, dass die Natur ihnen die Ressourcen nicht ohne Kampf überlässt und dass sie sie ruinieren, wird „Erde“ interessant und man möchte mehr erfahren. Wenn der Regisseur eine neue Seite beleuchtet, die Seite der Betroffenen, die der Natives in Kanada, die ihr Land durch die Erdölraffinerie verloren haben, wird die Notwendigkeit deutlich, diese menschlichen Erdbewegungen zu thematisieren. Doch dafür lässt der Film nicht genug Raum, diese Gegenseite wird in ein paar Minuten abgehandelt, während die sich wiederholenden Aussagen der Arbeiter zu viel Platz einnehmen. Geyrhalters „Erde“ verliert sich in der Größe der Thematik, schafft es nur selten, verschiedene Perspektiven und interessante Gespräche einzufangen. „Erde“ scheint überfordert zu sein mit der Dimension dieses prekären Zustandes. Dabei ist es gerade jetzt wichtig, Themen wie diese pointiert auf die Leinwand zu bringen. Denn Erde ist Leben. Ganz einfach.

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