Alte Wunden

In dem skandinavischen Film „Pferde stehlen“, der bereits fünften Zusammenarbeit des Regisseurs Hans Petter Moland mit dem Schauspieler Stellan Skarsgård, wird ein alter Mann von einem Kindheitstrauma eingeholt. Er konkurriert im Wettbewerb der Berlinale und bringt dem Kameramann Rasmus Videbæk einen Silbernen Bären ein.

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Kevin Scheerschmidt

Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft B.A. (2013-2018) in Frankfurt am Main und seit 2018 Theater-, Film- und Fernsehkritik in München. Berufung: Film! Motto: Filme müssen wenn möglich auf der großen Leinwand konsumiert werden. Egal ob kleinster Independent oder größter Blockbuster, jeder Film hat das Potential großartig sein zu können. Jeder Film verdient eine Chance.

Trond (Stellan Skarsgård), ein gezeichneter, 67-jähriger Mann, zieht sich kurz vor der Jahrtausendwende in ein einsames Haus in Norwegen nahe der schwedischen Grenze zurück. Durch einen Autounfall, bei dem er am Steuer saß, kam seine Frau drei Jahre zuvor ums Leben. Die Schuldgefühle lasten schwer auf ihm.

Doch Trond findet keine Ruhe in der Einsamkeit. Durch die zufällige Begegnung mit Lars (Bjørn Floberg), den er noch aus Kindheitstagen kennt, wird ein weiteres traumatisches Erlebnis wieder in Tronds Bewusstsein gespült. Durch Rückblenden in das Jahr 1948 erfährt der Zuschauer allmählich von einem prägenden Sommer für den jugendlichen Trond und seiner Beziehung zum Vater.

Die beiden verbrachten die ereignisreichen Monate zusammen in einer abgelegenen Waldhütte – ohne Tronds Schwester und Mutter. Ein Wendepunkt im Leben des Jungen ist ein Junitag, an dem er mit seinem Sommerfreund Jon Pferde stehlen geht. Jon verhält sich an diesem Tag merkwürdig aggressiv – der fünfzehnjährige Trond erfährt später, welche Familientragödie sich ereignet hat. Jon, der auf seine Zwillingsbrüder aufpassen sollte, war für eine Weile unaufmerksam. Und einer der Brüder hat den anderen beim Spielen versehentlich mit dem Jagdgewehr erschossen. Bei dem Überlebenden handelt es sich um Lars, den Trond 1999 zum ersten Mal nach diesem verhängnisvollen Sommer wiedersieht.

Ameisen wuseln auf dem Boden, Hummeln landen auf Blumen, Käfer krabbeln über Tannennadeln, eine Eule landet in ihrem Nest, der Fluss plätschert, der Wind heult. Der Wald erwacht zum Leben, und das vermittelt sich vor allem durch einen unglaublich intensiven Sound. Ein tiefer Bass donnert aus den Boxen, als ein Baum gefällt wird und mit einem lauten Dröhnen auf den Waldboden kracht.

Warum die Mutter und die Schwester damals nicht mitdurften, muss Trond in jenem Sommer auf schmerzhafte Weise lernen. Der naive Fünfzehnjährige verguckt sich in die verheiratete und trauernde Mutter von Lars und Jon. Durch einen intensiven Moment, in dem die beiden harmlose Berührungen austauschen, bekommt er das Gefühl, dass ein Näherkommen von beiden Seiten gewollt ist. Ein Irrtum. Schließlich findet er heraus, dass diese Frau der wahre Grund ist, warum die Frauen seiner Familie zuhause bleiben mussten: Sein Vater hat eine Affäre mit Larsʼ und Jons Mutter, was nicht nur seinen eigenen naiven Plänen einen Riegel vorschiebt, sondern die eigene Familie in Gefahr bringt. Trond stürzt in eine tiefe emotionale Krise.

Der noch unbekannte Schauspieler Jon Ranes gibt dem jungen Trond viel emotionale Tiefe. Das Hin- und Hergerissensein zwischen dem eigenen sexuellen Verlangen, die Wut, Bewunderung und Zuneigung, die er zugleich für seinen Vater empfindet, und die Angst um seine Familie werden in seinem trotzigen Gesicht deutlich. Der junge Schauspieler, der aussieht wie eine Kreuzung aus Tom Holland und Heath Ledger, liefert ein beeindruckendes Spielfilmdebüt. Im Gesicht und Spiel von Stellan Skarsgård spiegelt sich unterdessen all das wider, was dem alten Trond in seinem Leben widerfahren ist. Das Verlassenwerden von der Vorbildfigur, dem geliebten Vater, die eigene Scham über das jugendliche Verhalten und die Schuldgefühle wegen des Tods seiner Frau nach 38 Jahren Zweisamkeit.

„Pferde stehlen“ beruht auf dem gleichnamigen Roman des norwegischen Schriftstellers Per Petterson. Auf einige Handlungsstränge möchte der Regisseur Hans Petter Moland nicht verzichten, sie kommen in dem zweistündigen Film jedoch zu kurz, so dass man sich von ihnen kaum emotional einfangen lassen kann. So fällt ein Rückblick ins Jahr 1943, in die Nazi-Zeit, sehr knapp aus, auch der Tod von Tronds Frau wird sehr schnell abgehandelt, und die Beziehung Tronds zu seiner Tochter wird am Ende mehr reingeworfen in den Film als wirklich organisch integriert.

Auf fünf Zeitebenen – 1943, 1948, 1956, 1996, 1999 – erzählt Moland Tronds Lebensgeschichte anhand von Schlüsselereignissen. Der Fokus liegt auf den Jahren 1948 und 1999, wobei die zeitlichen Wechsel sehr gut funktionieren und intelligent aufgebaut sind.

Die bereits fünfte Zusammenarbeit von Hans Petter Moland und Stellan Skarsgård (zuletzt 2014: „Einer nach dem anderen“) ist ein Film über Vergangenheitsbewältigung. Dazu passt der Stil der nicht-linearen Erzählweise. Nach und nach versteht der Zuschauer, wie Trond zu dem Menschen werden konnte, der er kurz vor der Jahrtausendwende ist. Neid und Eifersucht spielen dabei eine wichtige Rolle, vor allem in der grundsätzlich liebevollen Beziehung Tronds zu seinem Vater, die durch das intensive Zusammenspiel von Tobias Santelmann und Jon Ranes fesselnd dargestellt wird.

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