Ach, Anneliese

Miriam Blieses „Die Einzelteile der Liebe“ ist in der Perspektive Deutscher Film auf der Berlinale zu sehen. Die Regisseurin zerlegt darin eine kleine Familie im öffentlichen Raum.

Von Nina Mohs

Von Nina Mohs

Von Nina Mohs

Nina Mohs

aufgewachsen in Aaachen und Wiesbaden. Studium der Theaterwissenschaft, Sprache, Literatur und Kultur an der LMU in München (2015-2018) und Theater-, Film- und Fernsehkritik (seit 2018). Einige Jahre auf und hinter der Bühne des Theaters verbracht. In die Bereiche Filmverleih und Postproduktion eingetaucht, aber immer beim Schreiben geblieben. 3 Jahre als Redakteurin bei M94.5 Beiträge getextet, produziert und gesprochen. 2018 dann die Entscheidung für den Kulturjournalismus mit Schwerpunkt Film und Theater. 2019 das erste Mal das Theaterfestival UWE, mitorganisiert.

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Der Morgen nach Silvester. Das Hansaviertel in Berlin. Zwischen dem Zeilenbau des Architekten Pierre Vago steht der kleine Jakob mit einer verschossenen Silvesterrakete in der Hand auf einer Europalette. Neben ihm sein Vater Georg und seine Mutter Sophie. „Anneliese, ach Anneliese, warum bist du böse auf mich?“, singt Jakob in seine Silvesterrakete. Sein Vater begleitet ihn auf der Gitarre. Bei der nächsten Strophe steigt Sophie ein. „Du weißt doch, ich liebe nur dich. Doch ich kann es gar nicht fassen, dass du mich hast sitzen lassen“.

Die Familie sieht glücklich aus, wie sie an diesem grau verhangenen Morgen den Schlager von Hans Arno Simons in ihrem Vorgarten performt. Aber Familie, das war einmal. Sophie und Georg sind getrennt. Ein paar Minuten vorher haben sie noch über Sophies Verspätung gestritten, ein paar Minuten später streiten sie über Georgs Improvisation an der Gitarre. Mit „Die Einzelteile der Liebe“, ihrem Abschlussfilm an Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin, zeigt die Regisseurin Miriam Bliese auf der Berlinale in der Kategorie „Perspektive Deutscher Film“ den langsamen Zerfall einer Liebe und den schwierigen Umgang miteinander nach der Trennung.

Blieses Idee: Ein Kammerspiel vor der Haustür. Außerhalb der gemeinsamen Wohnung, außerhalb des Intimen und Privaten, spielt sich die gesamte Beziehung vor der metallgrünen Tür oder im Vorgarten des Häuserblocks ab. Hier wird über das Sorgerecht von Jakob gestritten, hier werden Partys mit Freunden gefeiert, hier versucht Sophies neuer Freund, zwischen ihr und Georg zu vermitteln. Miriam Bliese springt immer wieder von der Gegenwart in die Vergangenheit, zeigt die Beziehung in ihren Anfängen, als Sophie hochschwanger sitzen gelassen wird und Georg Jakob wie sein eigenes Kind annimmt. Zeigt die Höhen und Tiefen der beiden, die Streits, die immer wieder gelöst werden, bis eine Kommunikation zwischen den beiden kaum noch vorhanden ist. Zeigt Georg, der nach der Trennung aus Verzweiflung und Angst, seinen Sohn nicht mehr sehen zu können, mit Jakob im Auto davonfährt. Und zeigt Marie, die ihm hinterherschreit: „Ich hasse dich“.

Diese von Bliese aufgefangen Momente funktionieren. Die Fragmente der Beziehung werden sichtbar und der eigentlich nicht intime Ort vor der Haustür wirkt bald privater als die eigene Wohnung. Aber es fehlt die Chemie im Ensemble. Das Spiel von Ole Lagerpusch und Birte Schnöink in den Rollen des Paares wirkt nicht harmonisch. Die Figuren sind distanziert, die Leidenschaft erst der Liebe du dann der Abneigung ist kaum zu erkennen. Gerade, wenn Bliese die Anfänge, die Liebe, in der Beziehung darstellen will, wirken Sophie und Georg eher entfremdet.

Nur in den Versöhnungen nach Streitigkeiten wird eine Leidenschaft füreinander sichtbar. Dieses Gefühl der Entfremdung und der Distanz zwischen den Figuren entsteht vor allem durch das Drehbuch. Oft wirkt es so, als würde jemand anderes aus dem Mund von Sophie und Georg sprechen. Die Dialoge sind extrem schriftsprachlich, Wortwahl und Duktus recht eigensinnig. So sitzen die beiden nach der Entbindung von Jakob auf einer Mauer und Sophie möchte wissen, warum er sie nicht begleitet hat zur Kaiserschnitt-Geburt, er schenkt ihr einen Affen für Jakob, dann sagt er, sie ist schön, dann sind sie plötzlich zusammen, dann geht es um den Kinderwagen ohne Reifen. Die Sätze wirken unnatürlich in dem Rahmen, den Bliese geschaffen hat. Damit diese merkwürdige Konversation gelingen könnte, müsste auch das Setting verwunderlicher sein. Doch die nüchterne und recht unbewegte Kamera lässt die Sprache fehl am Platz erscheinen. Miriam Bliese entwickelt in „Die Einzelteile der Liebe“ gute Ansätze, aber scheitert an den Figuren und den Verbindungen innerhalb der kleinen Familie. Sie entfremdet sich selbst von den Entfremdeten.

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