Ein merkwüriger Mann

In „Forrest Gump“ hat der Regisseur Robert Zemeckis die Geschichte eines Mannes mit niedrigem IQ erzählt. 25 Jahre später kommt sein Film „Welcome to Marwen“ in die Kinos. Wieder steht ein auf den ersten Blick seltsamer Mann im Mittelpunkt, der Probleme hat im Umgang mit Menschen.

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Kevin Scheerschmidt

Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft B.A. (2013-2018) in Frankfurt am Main und seit 2018 Theater-, Film- und Fernsehkritik in München. Berufung: Film! Motto: Filme müssen wenn möglich auf der großen Leinwand konsumiert werden. Egal ob kleinster Independent oder größter Blockbuster, jeder Film hat das Potential großartig sein zu können. Jeder Film verdient eine Chance.

Der coole Captain Hogie (Steve Carell), ein puppenartiger Flugzeugpilot, stürzt im Zweiten Weltkrieg in Belgien ab und sieht sich dort einer Gruppe von fünf puppenartigen Nazis gegenüber. Da seine Schuhe bei dem Flugzeugabsturz Feuer fingen, schlüpft er in High Heels, die er praktischerweise findet. Als die Nazis ihn erwischen, erscheint zu seiner Rettung eine Gruppe von schwer bewaffneten, puppenartigen Frauen. Zusammen mit den Frauen bewohnt er fortan das fiktive belgische Dorf Marwen. Eine Hexe namens Deja (Diane Kruger) sorgt jedoch dafür, dass keine der Frauen Hogie zu nahe kommt. Die erschossenen Nazis tauchen derweil quicklebendig immer wieder auf. Was für teils abstruse Geschichten sich in dieser Puppen-Welt zutragen, bestimmt Mark Hogancamp.

Dieser hat das Miniatur-Dorf namens Marwen aufgebaut und mit barbieähnlichen Puppen bevölkert, um ein furchtbares Trauma zu verarbeiten. Nachdem er in betrunkenem Zustand in einer Bar erzählt hatte, dass er gerne Frauenschuhe trägt, haben ihn fünf Kumpels brutal zusammengeschlagen. Aus dem Koma erwacht, fehlen Mark jegliche Erinnerungen an eine Zeit vor dem Angriff.

Zur Selbsttherapie baut Hogancamp reale Menschen in seine fiktive Welt des Zweiten Weltkriegs ein. Die Nazis symbolisieren die fremden Angreifer, die Frauen sind Bekannte, die in seinem Leben eine wichtigere Rolle spielen. Nur für wen oder was die Hexe steht, scheint er selbst nicht zu wissen.

Steve Carell spielt den stark traumatisierten, introvertierten und ängstlichen Mark Hogencamp, der auf den ersten Blick sehr seltsam daherkommt. Stresssituationen führen dazu, dass er das Gefühl hat, das traumatisierende Ereignis wiedererleben zu müssen. Zur Bekämpfung seiner posttraumatischen Belastungsstörung nimmt er Pillen, von denen er allerdings abhängig wird. Früher war Mark Künstler und zeichnete. Eine Fähigkeit, die er durch den Angriff verloren hat. Deshalb macht er jetzt Fotos von seinem Puppendorf, die bei einer Ausstellung gezeigt werden sollen.

Robert Zemeckis 1994 erschienener Film „Forrest Gump“ hatte bereits eine Hauptfigur, die seltsam wirkt, geistig minderbemittelt ist und Probleme im Umgang mit anderen Menschen hat. Der Film zeichnet sich durch einen sehr sensiblen Umgang mit der Thematik aus und gewann sechs Oscars, Zemeckis selbst wurde als bester Regisseur ausgezeichnet. Während man Forrest Gump ins Herz geschlossen hat und zu lieben lernte, schaut man nun zu Mark Hogancamp eher mit einer hochgezogenen Augenbraue hinüber.

Mit Crossdressing beschäftigt sich „Welcome to Marwen“ nur oberflächlich, ebenso mit der Medikamentenabhängigkeit. Zu Beginn des Films ist es noch schön zu sehen, wie Frauen aus Marks Umfeld in die Puppenwelt eingebaut werden, dort zu seinen Retterinnen werden und Captain Hogie die selbstbewusste, coole, beeindruckende Person ist, die Mark selbst gerne wäre. Doch als er seine neue Nachbarin Nicol (Leslie Mann) in seine Miniaturwelt einbaut und diese Liebesgeschichte aus seiner fiktionalen in die reale Welt überträgt, wird es merkwürdig. Unwillkürlich geht man auf Distanz zu Mark Hogencamp, der als der lässige Hogie in der Puppenwelt Nicol heiratet und anschließend als der verunsicherte Kerl, der er tatsächlich ist, in der echten Welt Nicol einen Antrag macht. Ohne dass die beiden sich bisher näher gekommen wären. Mark Hogancamp flüchtet sich in seine Fantasie und verliert dabei die wahre Welt aus den Augen. Robert Zemeckis gelingt es nicht, die Geschichte so zu erzählen, dass sie den furchtbaren, aber bewegend wahren Ereignissen gerecht wird. Das Mitleid, das man empfindet, paart sich mit Fremdscham und Abneigung.

Das Puppen-Setting im Zweiten Weltkrieg wirkt lange Zeit verwirrend, weil man das Gefühl bekommt, Mark hätte in dem Krieg gedient. Es dauert lange, bis die wahren Hintergründe beleuchtet werden. Überdies wird man durch Referenzen auf Zemeckis Werk aus der Handlung geworfen. Vor allem da es sich hier um die Verfilmung einer wahren Geschichte handelt, in die Zemeckis sich sehr deutlich mit seiner eigenen Film-Biografie hineinschreibt. Dadurch fühlt es sich wie eine Verfälschung an, wenn man einen LKW mit der Aufschrift „Allied“ sieht, die auf den gleichnamigen Film von 2016 verweist. Noch schlimmer wird es, als später eine Zeitreisethematik in die Handlung eingebaut wird, in der wie in „Back to the Furture“ (1985) ein DeLorean als Zeitmaschine fungiert.

Ein Lichtblicke ist das gelungene Produktionsdesign. Die Puppen-Sets sehen toll und realistisch aus. Im Zusammenspiel mit den fantastischen visuellen Effekte erwacht die Welt von Marwen zum Leben. Die Mischung aus realistischem und puppenartigem Aussehen lässt die Figuren zu echten Charakteren im Film werden. Stirbt eine von ihnen, verliert sie jegliche Lebendigkeit und Beweglichkeit, wird wieder starr und unbeweglich. Die stimmungsvolle Musik von Alan Silvestri, Zemeckis Stammkomponisten, hätte einen tollen Film unterstreichen können, aber sticht eher hervor, weil sie, anders als der Film, Spaß macht und sensibel sowie passend zur Thematik klingt.

Die Moral des Films ist vor allem, dass man sich seinen Ängsten stellen muss. Eine schöne Aussage, die aber durch den erst spät eingeführten und vernachlässigten Handlungsstrang einer Gerichtsverhandlung, während der Mark erneut mit seinen Angreifern konfrontiert wird, kaum rüberkommt.

Als am Ende die Hoffnung auf eine Beziehung zwischen Mark und der Verkäuferin des Puppenladens Roberta (Merritt Wever) aufkommt, weiß man nicht, ob man sich für Roberta freuen soll. Und woher ihre Zuneigung zu Mark Hogencamp kommt, wird nicht aufgelöst. Es bleiben viel verschenktes Potential und eine Verfilmung, die es nie schafft, den Zuschauer emotional einzunehmen. Wer die Geschichte um den wahren Mark Hogencamp spannend findet, dürfte mit der Dokumentation „Marwencol“ (2010) deutlich besser aufgehoben sein.

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