Die Begierde der anderen

Gesine Schmidt hat ein zartes, mutiges Hörspiel gemacht über sexuelles Verlangen.

Von Stefan Fischer

Von Stefan FischerVon Stefan Fischer

Stefan Fischer

Hat meistens Kopfhörer im Ohr, weil er ständig Hörspiele hört. Es sei denn, er sitzt im Kino oder Theater. Oder unterrichtet im Studiengang Theater-, Film- und Fernsehkritk. Ist dort auch für die meisten Publikationen verantwortlich. Außerdem Autor und Mitarbeiter der Süddeutschen Zeitung. Verhinderter Weinhändler.

Wahrhaftigkeit steckt – natürlich – auch in fiktiven Werken, nicht nur in dokumentarischen. Manchmal wird sie in solch einer künstlichen Realität sogar besser ersichtlich. Gesine Schmidt hat das zu ihrem Stilprinzip gemacht: Sie recherchiert akribisch, führt eine Menge Interviews – und dieses Material verdichtet sie dann zu Texten für die Bühne und das Radio. Sie nennt das doku-fiktionale Feldforschung.

Wenn das gut gemacht ist, und Gesine Schmidt beherrscht diese Kunst vortrefflich, dann sind diese Geschichten sehr glaubwürdig. Denn sie verlieren sich nicht in der Willkür des Einzelfalls, der dann doch nur bedingt für das große Ganze steht, wie etliche rein dokumentarische Arbeiten. Und sie sind aber auch nicht von einer konstruierten Ausgedachtheit, wie sie einem in der Fiktion nicht selten unterkommen.

Gesine Schmidt hat auf diese Weise bereits gut beobachtete Hörspiele gemacht über Autisten („Oops, wrong planet!“) und über Menschen, die für längere Zeit im Ausland arbeiten („Expats“). Sie hat in „liebesrap“ einer Beziehung zweier Teenager ihre Einzigartigkeit gelassen und sie doch so nacherzählt, dass sie für eine Generation und ein Milieu unserer Gegenwart steht. Und sieht hat, gemeinsam mit Andres Veiel, in „Der Kick“ die bestialische Ermordung eines Jugendlichen mit den Mitteln der Fiktion schmerzlich, weil wahrhaftig vergegenwärtigt.

Nun ist ihr wieder ein starkes Stück gelungen mit „Begehren“, einem Hörspiel für den Rundfunk Berlin-Brandenburg. Und wieder hat ihr sehr geholfen, dass sie über den Umweg der Verfremdung den Realitäten sehr nahe gekommen ist. Auch in „Begehren“ sind die Interviewten nicht persönlich zu hören – Schauspieler haben sich ihrer Aussagen angenommen. Haben ihnen dabei in der Regie von Andrea Getto alles Verdruckste, Zögerliche, Lavierende ausgetrieben, aber auch alle Großmäuligkeit. Und so hören wir sechs Menschen zwischen Mitte zwanzig und Mitte siebzig über ihre sexuellen Begehren sprechen. Auch das ist typisch für Schmidt: Es wird nicht alles zu einem einzigen Mischmasch, die einzelnen Figuren sind immer noch erkennbar und voneinander abgrenzbar. Sie werden aber nicht so stilisiert, dass sie zu Stellvertreter-Typen mutieren. Durch die Verdichtung, Sortierung sowie nicht zuletzt die bedachtsame Interpretation durch Rainer Bock, Marina Frenk, Patrick Güldenberg, Wilfried Hochholdinger, Jutta Hoffmann und Katharina Marie Schubert entsteht eine Nähe, die nie aufdringlich wird.

Man findet sich wieder in den Erzählungen über sexuelle Bedürfnisse und Fantasien, über das Scheitern, über One-Night-Stands und Langzeitaffären, festgefahrenen Beziehungen und Einsamkeit. Es gibt dabei keinen Moment des Fremdschämens, auch nicht des Voyeurismus. „Begehren“ belässt seinem Thema die Intimität, die ihm innewohnt. Und legt doch sehr viel Scheu ab. Um zur Sprache zu bringen, was oft unausgesprochen bleibt.

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