Glanz und Staub

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Der Fotograf Irving Penn war ein Ästhet der Widersprüche. Abendroben und Zigarettenstummel, Stars und Arbeiter interessierten ihn gleichermaßen, wie die Schau im C/O Berlin beweist.

Von Michael Kohl

Von Michael Kohl

Michael Kohl

Studium der Kunst- und Kulturgeschichte (2014-2017) und Theater-, Film- und Fernsehkritik (seit 2017). Schwerpunkte: Bildende Künste und Film. Als Kunststudent, Cineast, Theatergänger und als nebenberuflicher Statist an der Bayerischen Staatsoper kenne ich beide Seiten des Münchener Kulturlebens: das Arbeiten für die und das Erleben von Kunst.

Wenn eine Retrospektive den Künstler schon im Titel „Centennial“ zum Jahrhundertfotografen erklärt, dann klingt das erstmal nach Ikonenverehrung, nach Kaschieren von Brüchen und Fehlern in einer Künstlerbiografie – noch dazu, wenn die Ausstellung im Namen der Stiftung und Nachlassverwaltern kuratiert wird. Die Zweifel erweisen sich aber im Fall der Retrospektive über Irving Penn anlässlich seines 100. Geburtstags im vergangenen Jahr, die aktuell im C/O Berlin zu sehen ist, als falsch. Erstens weil der amerikanische Fotograf tatsächlich mit seinen Mode-, Porträt-, Akt- und Stillebenfotografien stilprägend für das 20. Jahrhundert war; und zweitens, weil die Brüche in seinem Werk und Lebensweg erhalten bleiben.

Zunächst folgt man chronologisch und gleichzeitig inhaltlich geordnet seinem fotografischen Werdegang. Als Student im Design Laboratory von Alexey Brodovitch und später als dessen rechter Hand bei „Harper’s Bazaar“ ist Penn schon in den 1930er- und 1940er-Jahren mit der künstlerischen Moderne und Modebranche in Berührung gekommen. Seine frühen Straßenfotografien mit Reklameresten und menschlichen Schatten erzählen weniger sozialdokumentarisch wie zum Beispiel Walker Evans oder Dorothea Lange als vielmehr fragmentarisch von den Spuren des Leids in Folge der Depressionszeit. Auch seine Stillleben für die „Vogue“ verweisen nur indirekt auf die Menschen. Ein Ohrring, eine Brille, ein Schlüssel, ein Opernglas, eine Taschenuhr und Pillen, die scheinbar aus einer goldenen Handtasche herausgefallen sind und nun über den Boden verstreut herumliegen, laden zum Rätseln über den titelgebenden „Theatre Accident“ ein.

Ballet Society, New York, 1948 © Condé Nast / Irving Penn

Irving Penns Porträts wiederum enthüllen dann direkt das Menschliche hinter den berühmten Gesichtern seiner Modelle. Zu seinem individuellen Setting im Tageslichtstudio gehören entweder die spitzwinklig zusammenlaufenden Wände oder der ausrangierte Theatervorhang mit Flecken und Rissen. Manche, wie Igor Strawinsky, nutzen die Enge spielerisch aus, indem der Komponist mit seinem aufgestützten Ellenbogen und seiner Hand die Ohrmuschel vergrößert, manche wirken wie ein breitschultriger und -beiniger Boxer eingezwängt und manche – der schmale Marcel Duchamps oder die filigrane Modeikone Elisa Schiaparelli – haben die passenden, physischen Voraussetzungen für den klaustrophobischen Raum. Ob diese Gestaltung die Zwänge der Nachkriegszeit symbolisiert, sei dahingestellt, doch zeigt Penn eine ungewöhnliche Seite von Celebrities wie Alfred Hitchcock und Truman Capote. Mit hängenden Schultern oder aufgestützten Kopfneigungen sieht man Müdigkeit und Melancholie in ihren Gesichtern im Gegensatz zu ihrem Schaffensdrang.

Weitere Brüche sind in Irving Penns Werk in seinen Aktfotografien zu entdecken, in denen er zuerst Models, später üppig beleibte Frauenkörper ab- und überbelichtet. Er wagt sich an druckgrafische Experimente, die die Umrisse weich werden lassen, und wendet sich gegen das damalige Frauenideal der Wespentaille. Auch die Stillleben im Obergeschoss (ein Saal zeigt nur Zigarettenstummel!) setzen sein Interesse an menschlichen Überresten fort, aber zeigen auch, wie sich seine Haltung vom akzeptierten Rauchen zum erbitterten Gegner geändert hat. Wenn man die kunstvoll arrangierten Stummel genauer betrachtet, erkennt man, welche Marke und bis zu welchem Grade die Zigaretten geraucht, abgebrochen oder ausgedrückt wurden. Die Reste des Konsums erzählen von kurzen Momenten des Glücks, der Befriedigung, doch die Vergänglichkeit und der Tod sind in den Gebrauchsspuren und in der Asche immer präsent.

Ein Glücksfall ist es auch, dass die Serien über die Einwohner in Peru, Marokko, Papua-Neuguinea und Benin sowie die Arbeiter der „Small Trades“ (Bäcker, Handwerker, Straßenverkäufer et cetera) nicht in den Hintergrund rücken, sondern gleichwertig im selben Raum mit den Berühmtheiten ausgestellt werden. Zudem wird der Vorwurf des Kolonialismus nicht ausgespart. In seiner Ästhetik (vor neutralem Hintergrund) isoliert Penn die Menschen aus ihrem Umfeld, doch verweisen die Beschaffenheit des Bodens und das Tageslicht immer auf eine Realität außerhalb der Künstlichkeit. Das Atelier hat er nie als abgeschlossenen Ort verstanden.

Die Porträts am Ende (Truman Capote oder Ingmar Bergman mit geschlossenen Augen) wirken dann zwar, als ob mit zunehmendem Alter Nostalgie und Melancholie zunehmen, doch die gleichzeitigen Modestrecken für Delacroix oder Chanel sind keineswegs monoton oder altersmüde. Wahrscheinlich sollte man sich Irving Penn als einen Menschen vorstellen, dem beides immer bewusst war: die Lebensfreude und die Trauer über deren Endlichkeit.

„Centennial“ ist noch bis 1. Juli zu sehen

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