Welt. Stadt. Berlin.

Kommt die Welt nach Berlin oder findet Berlin seinen Platz in der Welt? Es ist noch ein weiter, beschwerlicher Weg für das Humboldt Forum, wie die aktuellen Ausstellungen auf der Museumsinsel zeigen. Ein Zwischenbericht.

Von Michael Kohl

Von Michael Kohl

Michael Kohl

Studium der Kunst- und Kulturgeschichte (2014-2017) und Theater-, Film- und Fernsehkritik (seit 2017). Schwerpunkte: Bildende Künste und Film. Als Kunststudent, Cineast, Theatergänger und als nebenberuflicher Statist an der Bayerischen Staatsoper kenne ich beide Seiten des Münchener Kulturlebens: das Arbeiten für die und das Erleben von Kunst.

Das Konzept vom Makro- im Mikrokosmos, auf dem das Humboldt Forum gründet, hat seine Wurzeln in den europäisch-barocken Kunst- und Wunderkammern, die einerseits einen systematischen Überblick versprechen, aber andererseits auch von ungleichen Machtverhältnissen erzählen. Ob das den Initiatoren in Berlin von Anfang bewusst war, kann man nicht mit Sicherheit sagen, doch der öffentliche Diskurs hat den Effekt, dass die Verantwortlichen spätestens jetzt die Problematiken eines „Universalmuseums“ in Zukunft viel stärker thematisieren müssen – egal ob es sich dabei um die (Teil-)Rekonstruktion des Berliner Schlosses inklusive Kuppelkreuz oder um die Restitution von Sammlungsgegenständen der Stiftung Preußischer Kulturstiftung (SPK) handelt.

Um Kritiker bis zur finalen Eröffnung zu besänftigen und um neugierige Besucher mit Appetizern zu versorgen, haben die Verantwortlichen eine Humboldt Box mit kleinen, kostenlosen Sonderausstellungen eingerichtet. Im Alten und Neuen Museum in Berlin Mitte treffen unter dem Titel „Neue Nachbarn“ Highlights aus dem Museum für Asiatische Kunst und dem Ethnologischen Museum schon vorzeitig aufeinander. Doch wie sieht die Idee vom „partizipativen Labor“ mit Anspruch auf globale Multiperspektiven in der Praxis aus? Oder werden Ausstellungsstücke nur mit kuratorischen Worthülsen nebeneinandergestellt? Kann man wirklich vom „Shared Heritage“ sprechen?

Gleich in der Rotunde des Alten Museums trifft man im Zentrum auf den vierarmigen Gott Vishnu aus Tamil Nadu im 8. oder 9. Jahrhundert, umgeben vom antiken Götterpantheon. Der Audioguide erklärt zwar vorbildlich Unterschiede in Ästhetik und Verehrung, doch wird hier ein religiöser Universalismus zelebriert, den es so nie gegeben hat – zumindest bis jetzt nicht. Eine Herausforderung für das Humboldt Forum wird es sein, einerseits Parallelen aufzuzeigen und andererseits klar voneinander zu trennen.

Vergleiche bieten sich natürlich da an, wo ikonographische Ähnlichkeiten sichtbar sind. Aber abgesehen von der zeitlichen und örtlichen Diskrepanz zwischen der verwundeten Amazone des Polyklets und der ostindischen Statue der Fruchtbarkeitsgöttin Shalabhanjika haben die Figuren außer ihrer Pose (Arm hinter Kopf angewinkelt) auch in ihrer Bedeutung nichts gemein. Ohne den näheren Ausstellungskontext, der erläutert wird, fühlt man sich allein gelassen. Wenn zwei Sonnengötter aus verschiedenen Kulturen zusammengestellt werden – der hinduistische Surya und der griechische Helios –, dann wird zumindest wirklich eine inhaltliche Nähe erkennbar. Doch warum werden gerade diese zwei Religionen miteinander verglichen? Gibt es nicht auch im Alten Ägypten den Sonnengott Re? Könnte nicht die Sammlung im Neuen Museum nebenan ein Leihstück anbieten? Und welche Religionen haben keinen Sonnengott? Wen oder was stattdessen? Die vorübergehenden „Neuen Nachbarn“ zeigen, dass es nicht ausreicht, Ähnlichkeiten und Unterschiede festzustellen, sondern neue und gewagte Schlüsse zu ziehen, über die anschließend diskutiert werden könnte.

Ziemlich hilflos wirkt auch der Kommentar zum Tongefäß in Gestalt einer Fledermaus aus Südmexiko im Neuen Museum. Weil die Verwendung als Rauchopfer oder als Grabbeigabe anscheinend nicht geklärt werden kann, erzählt die Sprecherin: „Doch auch wenn die Geschichte im Verborgenen bleibt, ihre Erscheinung spricht für sich.“ Wie bitte? Nichts spricht für sich! Die Kuratoren setzen ein Sehen und ein Verstehen voraus, das sich nicht jedem Besucher automatisch erschließt. Hier ist noch einiges an Arbeit zu leisten. Im Neuen Museum sind generell nur drei „Neue Nachbarn“ zu entdecken. Der Rest bleibt in gewohnt altmodischer Zusammenstellung nach Chronologie und Gebieten.

Trotzdem kann auch der Vorschlag von der ehemaligen Leiterin des Ethnologischen Museums, Viola König, einer Petersburger Hängung – also eine enge, überfüllte Zusammenstellung von allen 500 000 Objekten – keine Lösung sein. Die meisten Besucher wären allein von der Masse erschlagen und könnten keine Querverbindungen herstellen oder sich Eigenheiten erschließen. Das Ziel des Humboldt Forums sollte es sein (neben den Vortrags- und Diskussionsräumen), Ausstellungen zu zeigen, die anlässlich eines Themas klug kuratiert sind und die die dazugehörige Vielfältigkeit erläutern mitsamt den unterschiedlichen Verwendungszwecken, Erwerbs- und Ausstellungskontexten.

Von der Idee eines permanenten Konvoluts kann man sich generell verabschieden, wenn man Restitution ernsthaft betreiben will. Die erste Ausgabe des „Leitfaden zum Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten“, der vom Deutschen Museumsverbund erstellt wurde, klingt da noch sehr vage. Man sollte aber die Überarbeitung nach Fachdiskussionen und Workshops erstmal abwarten.

Die vom französischen Präsidenten Emmanuel Macron vorgeschlagene Idee der „circulation des œuvres d'art“ bietet da schon einen interessanteren Ansatz. Wenn Museen nicht mehr im Besitz von Artefakten sind, sondern sich im Austausch miteinander oder mit den Herkunftsländern befinden, dann ergeben sich zahlreiche Möglichkeiten: Neue Zentren erschließen sich neben den traditionellen (wie London, Paris oder New York …), neue Kommunikationskanäle, neue Kulturbeziehungen. Macrons Konzept ähnelt dem des ständig zirkulierenden Kapitals auf dem freien globalen Markt. Hier wie dort gibt es Gewinner und Verlierer. Berlin darf keine leeren Behauptungen oder Versprechungen machen! Insofern ist es mutig, wenn der neue Intendant des Forums, Hartmut Dorgerloh, erklärt: „Wir müssen den Austausch mit den Herkunftsgesellschaften suchen, und das wird auch für das Humboldt Forum eine Reise ins Offene sein.“ Wenn Alternativen im internationalen Dialog gesucht werden, dann hat Berlin eine Chance, seinen Platz in der Welt zu finden, und andersherum kommt die Welt dann auch gerne nach Berlin.

 

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