Mitspielen? Aber sicher!

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Nach der „Rocky Horror Show“ muss man noch tagelang das Konfetti aus der Jackentasche popeln. Aber es kommt nicht von der Bühne des Deutschen Theaters in München, sondern mitten aus dem Publikum – das ist interaktives Theater mit Tradition.

Von Maike Müller

Von Maike Müller

Maike Müller

Maike Müller hat schon früh eine Leidenschaft für absurde Satzstrukturen und verzwickte Metaebenen entwickelt. Nach dem Abitur studierte sie darum Germanistik in Mannheim und Kanada. Nach einigen Ausflügen hinter den Theatervorhang wandte sie sich dann dem Schreiben und dem Studiengang "Theater-, Film- und Fernsehkritik" zu. Seitdem haut sie für die Cult, die Süddeutsche Zeitung und deren Digitale Ausgabe immer wieder in die Tasten.

Wir sitzen im Regen. Vor uns irrt ein Paar durch die Wildnis, singt von einem Licht im Dunkeln. Die Frau hält sich eine Zeitung über den Kopf, singt: „Buy an umbrella, you cheap bitch!“. Wir haben unsere Zeitung vergessen, oder vielleicht war uns die frisch gedruckte „Cult“ auch zu schade, um sie für trockene Haare zu opfern. Erst als Janet und Brad an eine Schlosstür klopfen, hört es langsam auf zu tropfen. Wir sind im Theater; heute Abend in 4D. Die „Rocky Horror Show“ ist traditionell interaktiv – Theater, in dem sich das Publikum selbst feiern kann.

Nach der Bühnenpremiere 1973 in London kam die Story 1975 auf die Leinwand: als „Rocky Horror Picture Show“ mit Tim Curry in der Hauptrolle. Der Film wurde zum Kult, Mitmach-Rituale an klar bestimmten Stellen haben sich etabliert. Regelmäßig wird in Vorstellungen, unter anderem jeden Monat in den Museums-Lichtspielen in München, Klopapier geworfen, wenn die erschaffene Kreatur Rocky sich aus ihren Bandagen befreit, und mit Wasserpistolen geschossen, wenn im Film der Regen einsetzt. Aktives Kino, das auf der Bühne interaktiv wird – hier ist es ein gegenseitiges, nicht nur ein einseitiges Reagieren.

Interaktion vor allem mit Sky Du Mont. Er ist der Erzähler der „Rocky Horror Show“ am Deutschen Theater. Traditionell wird der Erzähler in der „Rocky Horror Show“ durch „Boring“-Rufe eher angegangen als gut aufgenommen. Aber als Du Mont auf die Bühne tritt, will der Applaus nicht enden – und das nicht nur beim ersten Mal. Wenn Du Mont allerdings beginnt zu erzählen, lässt sich das Publikum die traditionellen Ausrufe nicht nehmen. Du Mont reagiert; meint, er fände den Text selbst langweilig oder ob man nicht mal etwas anderes rufen könne; „Ausziehen“ zum Beispiel. Das Publikum nimmt das dankbar auf, ruft es – und entlarvt Du Mont: Nicht mal das Sakko legt er ab, er ist eben doch eher Team Janet und Brad.

Aber was er erzählt, ist Kult, Spaß und sexuelle Grenzauslotung zugleich. Die frisch Verlobten Brad und Janet haben einen Platten. Auf der Suche nach einem Telefon geraten sie durch den Regen ins Schloss von Frank’n’Furter, einem sexbesessenen Wissenschaftler vom Planeten Transylvania. Sofort wissen sie: Das hier ist verrückt. Die beiden kommen an einem besonderen Abend und werden prompt zu den Festivitäten eingeladen. Frank hat sich einen sexy Toyboy geschaffen – Rocky – der an diesem Abend zum Leben erweckt wird. Rocky wendet sich aber lieber Janet zu, was dem selbst eher polygamisch eingestellten Frank gar nicht gefällt. Wer sich ihm in den Weg stellt, muss zu den ikonischen Klängen aus Hitchocks „Psycho“ sterben oder für ihn tanzen – natürlich in Strapsen.

Die Strapse haben die Besucher heute Abend im Schrank gelassen; zu kalt. Stattdessen: Enge schwarze Lederhosen mit Nieten und Sakko. Aber das ändert nichts daran, dass das Publikum gerne mitmacht. Einige jüngere Besucher stehen sogar während des Stücks auf und tanzen den „Time Warp“ – wohl eine der bekanntesten Szenen der „Rocky Horror Show“. Das ist so manch einem natürlich ein Dorn im Auge, die Tanzenden werden umgehend gerügt. Ist ja immer noch Theater hier. Was diese Spaßverderber nicht verstanden haben: Das chaotische Geschehen im Parkett ist genauso wichtig wie das auf der Bühne.

Gegen die Rufe und den Lärm aus dem Publikum müssen die Darsteller erst einmal ankommen. Stimmen, die teilweise hart an der Grenze des Erträglichen kratzen, wie vor allem das Quietschen Sophie Isaacs als Janet, treffen darum auf Überbetonung und unnatürliche Grimassen. Die Musik ist allgemein deutlich lauter als bei anderen Musicals im Deutschen Theater. Das Schauspiel ist comichaft überzeichnet.

Der Regisseur Sam Buntrock holt mit seiner Inszenierung den Charakter schräger B-Movies und Science-Fiction-Klassikern auf die Bühne: Alles schön bunt und überzeichnet. Die „Rocky Horror Show“ war immer auch vor allem eins: Eine Liebeserklärung an das Kino und die Filme, die in Double-Features früher an zweiter Stelle liefen. Sie sind die billigeren Produktionen, werden oft als zweitklassige Film missverstanden. In diesem Musical sind sie die Hauptattraktion.

Also alles genau, wie es sein soll. Gary Tushaw als Frank’n’Furter erweist sich, auch im Vergleich mit Tim Curry aus der Verfilmung, als stimmgewaltiger Transvestit. Er versteht es sehr gut, die Balance zwischen abgedrehtem Tyrannen und mitleiderregendem Liebessuchenden zu halten. Nur den gelegentlichen Lärm der Ratschen aus dem Publikum kann nicht mal er übertönen.

Aber das ist vollkommen egal. Der Großteil der Besucher kennt das alles sowieso schon. Tradition kann nur durch Wiederholung entstehen. Und wenn die Leute im Publikum nicht wüssten, dass sie während der Hochzeit von Rocky und Frank’n’Furter Konfetti werfen müssen, wäre das alles auch nur halb so schön. Dass man es kennen muss, um es gut zu finden, könnte manch ein Fan des schönen Theaters als Manko sehen. Aber was soll’s? „Let’s do the time warp again“!

„Rocky Horror Show“, Deutsches Theater, bis 18. März 2018.